Integration: Was Lehrer anders machen können als Koranschulen

Islamkunde soll Schulfach werden

Lamya Kaddor erklärt den Islam auf Deutsch an der Schule - und hat selbst einen "Koran für Kinder" in deutscher Sprache veröffentlicht.

Hamburg. An deutschen Schulen soll muslimischen Kindern Islamkunde-Unterricht in deutscher Sprache angeboten werden - dafür plädierten Innenminister Wolfgang Schäuble und die jüngste Islamkonferenz. In Nordrhein-Westfalen gibt es das Fach schon an 130, in Niedersachsen an den ersten 30 Schulen. Voraussetzung dafür ist, dass die Muslime in allen Bundesländern repräsentative Verbände bilden, um als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden. Außerdem müssten in Deutschland muslimische Religionspädagogen ausgebildet werden.

Nach ihrem Koalitionsvertrag wollen CDU und GAL in Hamburg an der Uni eine "Akademie der Weltreligionen" gründen, der ab 2009 auch mit einem eigenen Lehrstuhl für islamische Theologie ausgestattet werden soll. Das ist ein erster Schritt zur Ausbildung von Islamkunde-Lehrern.

Lamya Kaddor (29) an der Universität Münster ist die jüngste und einzige weibliche Hochschullehrerin, die Islamkundelehrer ausbildet. Sie selbst unterrichtet Islamkunde an zwei Schulen in NRW. Gerade hat sie zusammen mit Rabeya Müller einen "Koran für Kinder und Erwachsene" veröffentlicht (C.H.Beck Verlag, 19,90 Euro).


Abendblatt:

Wie unterscheidet sich Ihre Islamkunde vom Unterricht in einer Koranschule?

Kaddor:

Ich stelle nicht den Koran in den Mittelpunkt, wie es die Koranschulen tun. Sondern ich versuche, muslimisches Leben in Deutschland zu thematisieren. Ich möchte die Schüler zu mündigen Menschen erziehen, die den Mut haben, Fragen an die Religion zu stellen. Und die selbst entscheiden, was sie religiös akzeptieren und was nicht.



Abendblatt:

Wie sieht das konkret aus?

Kaddor:

Ich erkläre zum Beispiel: Wann und warum fasten Muslime? Welche Werte haben sie anderen gegenüber, was sagt der Islam über Kinder, wie ist die Stellung der Frau? In Klasse 5 geht es zum Beispiel um "miteinander leben", in Klasse 7 und 8 um das Problem Drogen und Alkohol aus der muslimischen Sicht. Dazu suche ich passende Texte aus dem Koran, den Berichten über Mohammeds Leben oder von islamischen Theologen aus.



Abendblatt:

Sind muslimische Kinder religiöser eingestellt als nicht muslimische?

Kaddor:

Ja, darin unterscheiden sie sich deutlich von anderen. Religion ist für Muslime viel stärker identitätsstiftend, sie gehört wirklich zum Alltag und beeinflusst ihre Lebenshaltungen, Kultur, Philosophie. Jedes Kind wird Ihnen sagen: Ich bin stolz und glücklich, Muslim zu sein. Sie fasten im Ramadan, sie beten auch häufiger. Aber warum und was das bedeutet, wissen sie oft selber nicht.



Abendblatt:

Wie haben die Eltern Ihrer Schüler auf den Islamkunde-Unterricht reagiert?

Kaddor:

Im Ruhrgebiet sind es hauptsächlich türkischstämmige Eltern. Die waren in meinem Fall am Anfang schon etwas verwirrt: Das ist ja keine Türkin, die trägt ja kein Kopftuch, warum ist die so jung, und ach, die hat in Deutschland gelernt? Aber ich hatte die Schüler schnell auf meiner Seite, die haben zu Hause vom Unterricht erzählt und gezeigt, was wir erarbeitet haben.



Abendblatt:

In Hamburg gibt es den "Religionsunterricht für alle", der von der evangelischen Kirche verantwortet und zusammen mit einem Beirat aus verschiedenen anderen Religionsgruppen (außer der katholischen Kirche) gestaltet wird.

Kaddor:

In NRW wollen alle Gruppen einen bekenntnisorientierten Religionsunterricht haben, der zum Glauben hin erzieht. Wenn man sich für dieses Modell entscheidet, dann müssen die Lehrer auch der jeweiligen Religion angehören. Christliche Lehrer würden von den muslimischen Verbänden nie eine Lehrerlaubnis bekommen und muslimische Lehrer keine von den christlichen Kirchen.



Abendblatt:

Finden Sie es denn sinnvoll, über Islamkunde hinauszugehen und überall in Deutschland islamischen Religionsunterricht anzubieten? Ein überkonfessioneller Religionsunterricht wäre ja auch denkbar.

Kaddor:

Wenn in Hamburg schon mehr als 200 Jahre lang christliche Religion an den Schulen gelehrt wurde, dann kann ich verstehen, wenn Sie sagen: Heute ist Religionsunterricht "für alle" und "multikonfessionell" besser und fruchtbarer als ein bekenntnisorientierter Unterricht. Aber wenn Sie es aus der Perspektive der Muslime betrachten: Die hatten noch nie so einen Unterricht, sie kennen von den Koranschulen nur das Rezitieren. Ich erlebe immer wieder, dass Jugendliche den Islam praktizieren, aber gar nichts über die Hintergründe und Grundlagen ihres Glaubens wissen. Deshalb brauchen wir einen islamischen Religionsunterricht. Erst danach macht es Sinn, dass sie "Religion für alle" mitmachen. In der Sekundarstufe II hätte ich nichts dagegen.

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