Linke: Hamburger SPD geht auf Gegenkurs

Spielt Beck schon das Endspiel um die Macht?

Der Parteichef hat seine Führungskollegen düpiert. Michael Naumann: "Der Lkw aus Mainz hat uns plattgemacht." Kann der Pfälzer Beck die Krise aussitzen?

Hamburg. Jovialität kann eine Waffe sein. Die schlimmste. Und wenn sie einem auf Pfälzisch begegnet, könnte man sie auch Bräsigkeit nennen. Das Problem ist nur: Seit Helmut Kohl wissen wir, dass solche Bräsigkeit ungeheuer staatstragend sein kann. Und als Herrschaftsinstrument hoch effektiv. "Aussitzen" ist längst ein Terminus technicus des machtpolitischen Inventars. Und auch wenn man diesen Politikstil nicht schön finden mag: Einen jedenfalls ficht das kaum an - Kurt Beck.

Wer dem Chef der deutschen Sozialdemokraten gegenübersaß in diesen Tagen seit der Verwirrungswahl in Hessen, den beschleicht das Gefühl: Dieser Mann ist sich seiner Sache immer sicherer, je länger sie alle an ihm zerren. Gewissheitsschwangere Volkstümlichkeit und Trotz treffen dann auf politische Aufgeregtheitsreflexe und taktisches Geschnatter - und bügeln beides einfach weg, gnadenlos. Dabei kann schon mal der eine oder andere unter die Räder kommen. Franz Müntefering zum Beispiel im Herbst letzten Jahres. Oder auch der eine oder andere Wahlkampf, wie letzte Woche in Hamburg. SPD-Spitzenkandidat Naumann hat diese Erfahrung recht hübsch beschrieben: "Der Lkw aus Mainz hat uns plattgemacht." So ist das eben mit dem Politiker-Typus Kohl/Beck: Die pfälzische Walze mag lange ruhen; doch wenn sie einmal rollt, dann über Personen, Programme und Koalitionsaussagen, mit Stumpf und Stiel.

Und trotzdem: Etwas ist anders seit jener Wahlnacht in Hamburg. Ein Hauch von Defensive liegt in der Luft. Im vergangenen Jahr hat er noch alles durchgedrückt, was er für richtig hielt. Vor allem das Abrücken von der Agenda 2010 mit der Fortzahlung des ALG I bei älteren Arbeitslosen. Ist er nun zu weit gegangen? Steinbrück, Steinmeier, Struck, Heil, Nahles: Alle hatten sie sich festgelegt auf die Linie "Niemals mit der Linkspartei". Doch dann begann diese seltsame Woche vor der Wahl in Hamburg. Der politische Schwenk aus einer Weinrunde im Hamburger Ratskeller. War die Versuchung zu groß? Sich doch einfach wählen lassen in Hessen? Sollen die Linken doch für Frau Ypsilanti stimmen, wenn sie wollen, was können wir dafür? Dann sind "wir" wenigstens Ministerpräsidentin. Und Roland Koch, der "Gott sei bei uns" der Sozialdemokraten, kann nach Hause gehen. Hat er sich hier verhoben, der Machtmensch Beck? Nachdem er sie 2007 noch alle hinter sich gezwungen hat beim Hamburger Parteitag und dem Sieg über den Agenda-Wächter Müntefering? Hat er seine Führungskollegen jetzt zu sehr düpiert?

Eines ist klar: Beck muss jetzt plötzlich kämpfen, und der Kampf riecht nach Verteidigung. Beck liegt mit Grippe im Bett, während sein Spitzenkandidat Naumann und Granden der Partei wie Hans Apel öffentlich die Köpfe schütteln über ihren Parteivorsitzenden. Der Elefant aus Mainz scheint angeschossen. Wird er jetzt erst wirklich gefährlich? "Beck schrödert", meinte die "Süddeutsche Zeitung". Der Mann aus Mainz führe nicht mehr nur, er pokere: mit hohem Einsatz um die ganze Macht. Und plötzlich steht nicht nur die Taktik gegenüber der Lafontaine- und Gysi-Partei auf dem Prüfstand, sondern der Zusammenhalt der ganzen Partei - und Beck selbst. Es scheint das End-Game zu sein, die ultimative Machtfrage: Wer gewinnt? Und "Beck ist die Schlüsselfigur", wie man aus der Spitze der Hamburger SPD hört.

"Das ist doch dummes Zeug", glaubt man Beck bei solchen Spekulationen ranzen zu hören. Und wer sich seiner selbst und seiner Bodenständigkeit so sicher zu sein scheint, an dem prallen auch die filigransten Argumentationsvarianten ab, wie Erdnüsse an einem Kartoffelsack. Und bleibt er erst einmal ruhig sitzen und weiß: Egal, wie sie sich alle winden, an mir kommen sie nicht vorbei. Wer soll's denn machen? Ein erneuter Wechsel des Parteivorsitzenden könnte die - auch durch Becks Leistung! - eben erst wieder erstarkte Moral der Partei erneut von den Füßen kippen. Auch wenn die SPD mit dem populären Außenminister und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier noch einen Trumpf im Ärmel hat, die Partei muss wählen: Steht sie zu Beck, riskiert sie den Riss zwischen einer Staatsräson-Partei und den Koalitionstaktikern mit Blick nach links; verstößt sie Beck, fällt sie wieder zu Boden und braucht einen Neuen, der sie aufrichtet.

Aber vielleicht kann auch dieser Pfälzer das einfach aussitzen, wie einst Helmut Kohl. Vielleicht ist sein Beharrungsvermögen am Ende stärker als die Wut der Kritiker, die sich zu Revoluzzern wohl noch nicht verdichtet haben. Bei Kohl hatte es damals funktioniert, auf dem Parteitag in Bremen 1989, als mit Lothar Späth, Norbert Blüm und Rita Süssmuth populäre Schwergewichte am Ende vor dem letzten großen Stoß kniffen. Und auch diesmal hätte die Bräsigkeit gesiegt.