Agentin: Sie galt als die schönste Spionin der deutschen Abwehr im 2. Weltkrieg

Wohin führen Vera Schalburgs Spuren?

Vera Schalburg wurde 1940 in England enttarnt - und verschwand. Ihr Grab ist so unbekannt wie ihr späterer Name. Spionierte sie auch für London?

Hamburg. Die Nacht des 2. September 1940 war finster, kalt und neblig. Im Hotel Jacob an der Elbchaussee feierten drei Männer und eine schöne Frau Abschied. Sie ahnten, dass sie sich nicht wiedersehen würden; denn sie waren in einem der lebensgefährlichsten Berufe der Welt tätig. Drei von ihnen würden die nächsten Wochen nicht überleben.

Kurz vor Mitternacht verließen sie das Hotel. Hilmar Dierks konnte nicht fahren, weil er betrunken war. Daher steuerte Drücke den blauen Opel. Nach 400 Metern streifte das Auto einen Baum. Drei Insassen wurden nicht verletzt. Dierks aber, der gegen einen Fensterrahmen geschleudert worden war, war bewusstlos und musste ins Hafenkrankenhaus eingeliefert werden. Kurz nach Mitternacht blieb sein Herz stehen: Hauptmann Hilmar Dierks (55), Agentenführer der Abwehrstelle Hamburg des Auslandsspionagedienstes des Admirals Wilhelm Canaris, war tot.

An seiner Bahre zog sein Freund und Agentenkollege Karl-Theodor Drücke (36) seine Walther-Pistole und richtete sie gegen seinen Kopf. In allerletzter Sekunde schlug ihm ein Abwehr-Mann die Waffe aus der Hand.

Die Agentin Vera Schalburg (28), für die ihr Agentenführer Dierks auch die große Liebe ihres Lebens war, brach weinend zusammen. In ihrer Dienststelle in Canaris' "grauer Festung" in der Sophienterrasse Nr. 28 forderte sie am Morgen mit düsterer Entschlossenheit, dass die "Operation Lena", deren bevorstehender Start am Vorabend begossen worden war, wie geplant durchgeführt werden musste. Wollte sie sterben?

In der Nacht vom 29./30. September 1940, während am Ärmelkanal deutsche Truppen noch auf das Angriffssignal für die Invasion der britischen Insel warteten. wurde das Spionage-Trio Schalburg, Drücke und Robert Petter alias Werner Heinrich Wälti von einem deutschen Flugboot des Typs BV 138 knapp 150 Meter vor der schottischen Küste abgesetzt.

London war das große Ziel, aber "Operation Lena" endete kläglich: Vera Schalburg und Drücke wurden bereits im nahen Kleinbahnhof von Portgordon enttarnt und festgenommen, Petter alias Wälti nahe Edinburgh in einem Zug. Die zwei Männer endeten vor einem Exekutionskommando. Und Vera Schalburg?

"Sie war eine unserer bemerkenswertesten und schönsten Agentinnen. Es gab kaum einen Mann, der nicht von ihr hingerissen war", schrieb Nikolaus Ritter ("Deckname Dr. Rantzau"), der leitende Agentenführer in der Sophienterrasse, nach dem Krieg. Er wusste, welche Rollen sie gespielt hatte, aber längst nicht alle:

Vera Schalburg alias Vera Erikson alias Vera de Cottany-Chalbur, geboren 1912 in Riga, Tochter eines zaristischen Admirals, der 1917 von den "Roten" ermordet wurde, vor dem Krieg schon Doppelagentin der deutschen Abwehr und des britischen Auslandsspionagedienstes MI 6 in Brüssel, London und Paris, wo sie auch als Tänzerin der "Folies Bergère" gefeiert wurde, enttarnt im Kriegsjahr 1940 und danach wie ein schönes Gespenst für immer verschwunden:

Warum wurde sie nicht vor Gericht gestellt wie ihre unglücklichen Begleiter? Warum wurde sie nicht erschossen wie die französische Tänzerin und Spionin Mata Hari, mit der sie so oft verglichen wurde? Warum hält die britische Regierung sogar 67 Jahre nach der Landung des "Beautiful Spy" in Schottland ihre Akten noch immer unter Verschluss? Warum gelten ihre zweite Identität in Großbritannien, ihr Aufenthaltsort und ihre Grabstätte als "top secret"?

"So viele Fragen, so viele Lügen, so viele falsche Fährten", schrieb einer der vielen Profis und Amateure, die seit Jahrzehnten das Dunkel um Vera Schalburg durchbrechen wollen. Offenbar soll nichts mehr an die undurchsichtige Spionin erinnern.

Es sei denn, die Hamburger Historikerin Dr. Monika Siedentopf kommt bei ihren Ermittlungen im In- und Ausland den Geheimnissen der Abwehrstelle Hamburg und ihrer Star-Spionin doch noch näher. "Agentinnen lässt man am besten von Frauen jagen. Was verstehen Männer denn schon von Frauen!", hatte Wilhelm Canaris gewusst. Und Monika Siedentopf kennt das Geschäft seit Langem:

In den National Archives in Kew bei London war ihr vor Jahren zufällig ein Zettel in die Hände gefallen, der ein militärisches Top-Geheimnis signalisierte:

"Why don't we take one fine blue morning the Azores?", wollte durch ihn Großbritanniens berühmter Kriegspremier Winston Churchill anno 1941 von der Admiralität erfahren. Also: Warum besetzen wir nicht eines schönen Morgens bei bestem Invasionswetter die Azoren?

Drei Jahre später kannte Monika Siedentopf alle Antworten und enthüllte nicht weniger als 27 britische Geheimpläne, wie die Azoren, die Kanarischen Inseln und die Kapverden, alle in spanischem oder portugiesischem Besitz, besetzt und als U-Boot-Abwehr-Stützpunkte im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen benutzt werden könnten.

Vor Kurzem enthüllte sie die dramatische Geschichte jener 39 britischen Agentinnen, die auf Befehl Churchills ab Juli 1940 per Fallschirm über dem von den Deutschen besetzten Frankreich abgesetzt wurden: 13 von ihnen wurden enttarnt und in deutschen KZ-Lagern umgebracht. (Monika Siedentopf: "Absprung über Feindesland", Dt. Taschenbuch-Verlag, 198 S., 14,50 Euro.)

Jetzt geht es ihr um Antworten auf die lange unterdrückte Schlüsselfrage: Wurden Agenten der Abwehrstelle Hamburg von Widerstandskämpfern in ihren eigenen Reihen verraten? Manches deutet darauf hin. Mehr als 100 Agenten und Doppelagenten wurden von der Abwehr nach Großbritannien geschleust, zahlreiche via Sophienterrasse.

"Und in der Abwehr gab es nicht nur stramme Nazis, sondern auch andere, die überleben wollten", sagt Monika Siedentopf.

Bisher unbekannte Quellen oder wissende Angehörige von Ex-Abwehrmännern könnten heute noch Licht in das mörderische Dunkel werfen. Auch im Fall Vera Schalburg:

Stimmt es, dass sie schon in den 30er-Jahren in Paris von dem britischen Auslandsgeheimdienst MI 6 rekrutiert worden war? Dass sie nicht hingerichtet wurde, weil sie vor dem Krieg in Paris mit einem "prominenten Mitglied des britischen Establishments" ein Kind hatte? Oder aber weil sie nach ihrer Enttarnung im Jahr 1940 Agenten der Abwehr verriet?

Ist es wahr, dass sie kurz nach Kriegsende als "Vera de Witte" einen britischen Offizier heiratete und ihm ein Kind gebar, das heute in London lebt? Und dass sie ihre letzte Ruhestätte, auf der nichts an die Agentin mit dem britischen Decknamen "Vera Erikson" erinnert, auf der Isle of Wight gefunden hat?

So viele Fragen, so viele Lügen, so viele falsche Fährten . . .

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