Außer Rand und Band - Kanzler Schröder in der "Elefantenrunde"

Schließlich wurde es sogar Kanzlergattin Doris Schröder Köpf zuviel:

Hamburg. "Ich sei vielleicht ein bißchen zu krawallig gewesen", berichtete Regierungschef Gerhard Schröder (SPD) freimütig selbst nach seinem Auftritt in der "Elefantenrunde" von ARD und ZDF. Dort hat er sich wie selbiger im Porzellanladen benommen. Beobachter fühlten sich auch an die Gerd-Show aus dem Radio erinnert: ein Kanzler außer Rand und Band.

In der Gesprächsrunde mit den Parteichefs hatte der Kanzler seine Herausforderin Angela Merkel (CDU) gnadenlos heruntergeputzt, als sie wegen des Stimmenvorsprungs der Union den Anspruch auf Regierungsbildung erhob.

Das seien ja wohl nur "Machtansprüche auf Grund von Formalien", legte Schröder los. "Sie glauben doch wohl nicht ernsthaft, daß meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel eingehen wird. Das kriegen Sie nicht hin. Wir müssen die Kirche doch im Dorf lassen. Das deutsche Volk hat die Kandidatenfrage entschieden." Und weiter polterte er auf die sichtlich verdutzte Kandidatin los: "Ich werde Gespräche führen, und die werden erfolgreich sein. Das verspreche ich Ihnen. Es ist eindeutig, daß niemand außer mir in der Lage ist, eine stabile Regierung zu stellen."

Merkel konnte nur noch schüchtern entgegnen: "Wir sind stärkste Kraft im Deutschen Bundestag." Damit habe die Union auch "den klaren Auftrag zur Regierungsbildung". Sie werde mit allen Parteien Gespräche führen.

Von dem Einwurf völlig unbeeindruckt knöpfte sich der einmal entfesselte Kanzler die Moderatoren Nikolaus Brender (ZDF) und Hartmann von der Tann (ARD) vor. Dem ZDF-Chefredakteur Brender hielt Schröder vor: "Ich bleibe Bundeskanzler, auch wenn Medien wie Sie dagegengearbeitet haben." Brender und von der Tann wiesen den Vorwurf empört zurück, verteidigten ihre Politik-Sendungen als ausgewogen.

War es politische Taktik, um den Gegner einzuschüchtern und Zwietracht in dessen Reihen zu säen? Oder gab es noch andere Gründe für den Ausbruch des leidenschaftlichen Wahlkämpfers? FDP-Chef Westerwelle meinte in der Runde, Schröder sei "ja nicht mehr ernst zu nehmen". Er, Westerwelle, wisse ja "nicht, was Sie vor der Sendung gemacht haben". Auch Mitarbeiter im Fernsehstudio meinten, Schröder sei nicht nur vom Wahlergebnis berauscht gewesen. Der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele forderte die Freigabe des Hanf-Anbaus: "Vielleicht wurde das ja schon heimlich durchgesetzt."

Schließlich rief die Medienschelte Schröders sogar den öffentlichen Protest des Deutschen Journalisten-Verbandes hervor. Von solchen Einwürfen ließen sich aber weder Schröders Vorgänger Helmut Kohl (CDU) noch der CSU-Übervater Franz Josef Strauß beeindrucken. Im Gegenteil. In dieser Beziehung bildet Schröder, der sich selbst für einen Meister des medialen Auftritts hält, ganz spielend eine große Koalition mit den Gegnern von einst.

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