Alleinerziehende müssen früher wieder einen Vollzeitjob annehmen

Kind, Scheidung und dann keinen Unterhalt mehr - ist das fair?

Raten Sie Ihrer Tochter, sie soll ihr eigenes Geld verdienen Der Bundesgerichtshof hat mit seinem Urteil klargestellt: Alleinerziehende müssen früher als bisher wieder einen Vollzeitjob annehmen. Einen Anspruch auf Unterhalt gibt es grundsätzlich nur noch für drei Jahre. Sind damit Frauen automatisch die Verliererinnen? Das Abendblatt hat Hamburger nach ihrer Meinung gefragt.

Hamburg. Wo soll man anfangen, wenn es um das Thema Familie geht? Schließlich wird jeder Mensch in eine Familie hineingeboren, auch wenn sie in Deutschland immer öfter nur noch aus Mutter und Kind besteht (rund ein Viertel aller Kinder wächst bei Alleinerziehenden auf). Die Zahl der Lebensgemeinschaften sowie die der Alleinerzieher wuchs in den vergangenen zehn Jahren um 30 Prozent. Im selben Zeitraum ging die Zahl verheirateter Paare mit Kind um 16 Prozent auf 6,5 Millionen zurück. Und jede dritte Ehe wird geschieden. Die Ehe ist immer seltener noch ein Bund fürs Leben, sondern oft nur ein Bund auf Zeit. Neudeutsch heißt das: Serielle Monogamie. Und weil das so ist, sollte jeder, der heiratet, auch über eine mögliche Zeit nach der Ehe nachdenken. Für viele junge Frauen bedeutet das: Möchte ich mich abhängig machen von meinem Partner oder gehe ich auf Nummer sicher und verdiene eigenes Geld? Immerhin bleibt ein Drittel aller unterhaltspflichtigen Männer, etwa 800 000, nach der Scheidung den Unterhalt schuldig. Das kostet den Staat, also uns alle, rund eine Milliarde jährlich.

Wie man als Ehepaar zusammenlebt, muss jeder selbst entscheiden. Solange junge Ehepaare noch kinderlos sind, sind Mann und Frau in Deutschland gleichermaßen erwerbstätig. Wobei die Erwerbstätigkeit der Frau keinesfalls eine Erfindung der Neuzeit ist. In früheren Jahrhunderten konnte das Überleben einer Durchschnittsfamilie nur durch gemeinsame Arbeitskooperation gesichert werden. Später waren Landarbeit und industrielle Arbeit auf beide Geschlechter aufgeteilt. Nach dem Ersten Weltkrieg erforderte das Wirtschaftswachstum Frauenarbeit. Erst unter den Nationalsozialisten wurden Frauen massiv vom Arbeitsmarkt gedrängt. Zwischen 1907 und 1980 betrug die Zahl der erwerbstätigen Frauen in Deutschland jedenfalls um die 50 Prozent.

Wie aber war es früher möglich, Arbeit und Kinderbetreuung zu vereinbaren? Es gab die Großfamilie, es waren immer Tanten, Onkel oder Großeltern da, die sich auch um Hausarbeit und Kinder kümmerten. Und für die Wohlhabenden gab es Personal. Man muss nur mal in seiner eigenen Familiengeschichte herumstöbern. Da war beispielsweise eine Urgroßmutter mütterlicherseits eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Ihre Tochter durfte keinen Beruf ergreifen. "Wenn du das machst, lasse ich dich ins Irrenhaus stecken", soll ihr Vater gesagt haben. Deren Tochter wiederum hat eine weniger gute Berufsausbildung bekommen als ihre Brüder. Wie man zusammenlebt, ist eben auch abhängig von der Zeit, in der man lebt. Bei manch einem gab es das polnische Kindermädchen, Tante Grete oder die Oma, die die Wäsche reparierte, und die andere Oma, die immer Klavier spielte und sich selbstverständlich, trotz ihrer fünf Kinder, niemals auf den Boden gesetzt hätte, um mit ihnen zu spielen. Kinder wurden nicht wie rohe Eier behandelt, spielten miteinander, draußen, oder sollten sich auch mal langweilen. Heute, wo viele Menschen nur noch ein einziges Kind haben, wird dieses oft rund um die Uhr bespielt, belehrt, gebracht, geholt - so umfassend, dass manch Neunjähriger nicht den Weg um die nächste Ecke kennt, weil er von Mami immer mit dem Auto gefahren wird. Und in der Dreizimmerwohnung ist für die Großfamilie schon lange kein Platz mehr.

Über die Frage, wer und wie Kinder betreut (werden), brechen in Deutschland seit Jahren schärfste, ideologisch geführte Debatten aus. Sie sachlich zu führen ist eigentlich unmöglich. Aber fest steht: Für jede Untersuchung oder Studie, die belegt, dass Kinder, die von der Mutter betreut werden glücklicher, gelungener oder erfolgreicher sind als Kindergartenkinder, gibt es eine Studie die das Gegenteil besagt. Wie so oft ist es ein schichtenabhängiges Thema. Dort, wo mehr Aufwand in Bildung und Aufmerksamkeit gesteckt wird, entwickeln sich meist die Kinder auch besser. In Berlin fand der scheidende Finanzsenator Thilo Sarrazin gerade wieder deutliche Worte: "Der wachsende Anteil von ,Hartz-IV-Familien' führt beispielsweise in den Schulen dazu, dass es immer mehr 'besonders schwierige Kinder mit besonders renitenten Eltern gibt'."

Aber wer sagt eigentlich, dass die junge Mutter, die stundenlang in ihr Handy schnattert, mehr für ihr Kind da ist als die Tagesmutter, die mit ihren Tageskindern singt oder Lego spielt? Ist es nicht in einer Gesellschaft, die so egozentriert ist wie die unsere und in der die meisten Kinder keine Geschwister mehr haben, geradezu notwendig, dass Kinder gemeinsam mit Gleichaltrigen aufwachsen, mit ihnen spielen oder lernen, dass man auch mal nachgeben oder verlieren muss? Einer jüngst erstellten Allensbach-Studie nach gab es auch bei Kindern keinen Zusammenhang zwischen Berufstätigkeit und dem Empfinden von zu wenig Zeit der Eltern. So beklagten sich besonders die Kinder von Alleinerziehenden und Arbeitslosen darüber, dass Eltern zu wenig Zeit hätten.

Lange Zeit war es so, dass nach einer Scheidung die Frau die Kinder und der Mann die Rechnung bekam. Zumindest die Rechnung soll nun, nach dem jüngsten Urteil des Bundesgerichtshofs, aufgeteilt werden. Junge Mütter werden angehalten, wieder früher arbeiten zu gehen. Mehr Gleichberechtigung wird es dadurch nicht geben, aber vielleicht nicht mehr so viele entwürdigende Kleinkriege.

23 Prozent weniger als die Männer verdienen Frauen hierzulande, so jüngste Untersuchungen. Mit diesen Unterschieden zwischen den Geschlechtern stehen wir ganz hinten in Europa. Doch sie ergeben sich nur zu geringen Teilen daraus, dass gleiche Arbeit ungleich bezahlt wird. In der Hauptsache sind die Auszeiten, die Frauen der Kinder wegen nehmen, daran schuld. In keinem europäischen Land bleiben die Frauen nach der Geburt eines Kindes so lange zu Hause wie bei uns - drei Jahre und oft auch mehr. In Deutschland beeinträchtigt die Verantwortung für ein Kind die Erwerbsbeteiligung von Frauen gravierender als in vielen anderen Ländern, so ein Report der Bundesregierung.

In Schweden oder Portugal sind zwischen 70 und 84 Prozent der Frauen mit zwei und mehr Kindern berufstätig. Bei uns sind es 56 Prozent - 20 Prozentpunkte weniger als bei den kinderlosen Frauen. Ist es da nicht an der Zeit, dass die inzwischen oft besser als die jungen Männer ausgebildeten jungen Frauen ihren Teil in der Arbeitswelt übernehmen und behalten? Und die jungen Männer Familienaufgaben wie Kochen und Einkaufen übernehmen und von einem altmodischen Rollenmodell Abschied nehmen, nach dem der Mann hinaus muss in die feindliche Welt und ihn Kind und Frau erst nach 20 Uhr interessieren? Zumal Berufstätigkeit neben einer Partnerschaft als stärkster Glücksfaktor im Leben eines Menschen gilt. Eine groß angelegte Studie hat herausgefunden, dass der Verlust der Arbeit und der Verlust des Partners am stärksten zum persönlichen Unglück beitragen. Wer keine Arbeit hat, ist unglücklicher als die, die arbeiten. Warum sollen junge Frauen auf dieses Glück verzichten? Gibt es dann nicht doch die eine oder andere, die ihre Kinder diesen Verzicht spüren lässt, die ihrem Mann vorwirft, sie habe ihm Jahre ihres Lebens geopfert. Wie einem Gott, dem man Opfer darbringt. Und gibt es nicht den einen oder anderen Mann, der seine Frau, die bügelt und Fenster putzt, doch weniger respektiert als die Kollegin, die im Büro den Laden am Laufen hält?

Der Hannoveraner Sozialwissenschaftler Rolf Pohl behauptet sogar, dass Männer nicht nur in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft dominieren, sondern auch im privaten Bereich. "Männer generieren auch Macht in ihrer Beziehung, indem sie Aufmerksamkeit verweigern, hinhalten, Bedürfnisse ihrer Partnerin ignorieren." Verantwortung, Anerkennung und Teilhabe an der Gesellschaft sollte doch für Männer und Frauen gleichermaßen gelten. Nur so kann man sich auf demselben Niveau Respekt entgegenbringen. Aber vielleicht wollen viele Männer das nicht. Vielleicht halten sie gerne an alten Rollenbildern fest, weil sie sich so Bequemlichkeit und die Gewissheit der Überlegenheit sichern. Eines gilt nach wie vor: Ein Mann definiert sich durch Status- und Rangkämpfe aber ebenso durch seine Abgrenzung zur Weiblichkeit. Wenn Frauen plötzlich dasselbe tun wie er, ist es ja nichts Besonderes mehr.

Gut, die Mütter haben dann die Doppelbelastung mit Beruf und Kindern, den Rund-um-die-Uhr-Job. Aber haben sie nicht auch das, was man Leben nennt? Kinder, Abwechslung, Ängste und Probleme, die es zu bewältigen gilt? Natürlich ist das nicht immer schön, dafür meistens anstrengend und kräftezehrend. Aber wer sagt, dass der Mann, der ohne all das nach einer Scheidung übrig bleibt, das bessere Leben führt? Sterben Männer nicht sieben Jahre früher als Frauen und am frühesten die, die keine Partnerin haben?

Vielleicht sollte man zu einer Gleichheits-Regel kommen, besonders nach der Scheidung. Beide arbeiten und teilen sich das Sorgerecht. So wird es in den meisten europäischen Ländern gehandhabt. Die Frau, die für Kinder zu Hause bleibt, ist selten in der Welt. Dieses Modell wird in fernen Ländern oft bestaunt.

Wenn es dazu kommen soll, brauchen wir gut ausgebildete Kindergärtnerinnen, die nicht nur Klötzchen spielen, sondern Kinder ins Leben führen. Wir brauchen Schulen mit engagierten Lehrern, die keine Hausaufgaben an die Eltern verteilen. Wir brauchen gesunde Küche in den Schulen und Sport, Musik und vieles andere, das dort nachmittags angeboten wird, damit alle Kinder daran teilhaben können. Wir brauchen mehr Männer, die Lust auf Kinder haben - 35 Prozent der Männer zwischen 25 und 59 Jahren haben keine Kinder. Was wir nicht mehr brauchen, sind gute Ratschläge. Vielleicht nur noch einen: Würden Sie nicht auch Ihrer Tochter raten, sie solle um Himmels willen nie darauf verzichten, ihr eigenes Geld zu verdienen, und sich bloß nicht von einem Kerl abhängig machen? Emotional vielleicht, aber doch nicht finanziell.