Kriegsveteranen

Die Veteranen sollen Gedenktag bekommen

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Volker ter Haseborg

Für Veteranen will der Verteidigungsminister einen Gedenktag am 22. Mai einrichten. Skeptikern riecht das zu sehr nach "Heldengedenken".

Was ist ein Veteran? Umgangssprachlich scheint klar, wer gemeint ist: ein Opa, der vom Krieg erzählt. Aber jetzt ist da ein deutscher Verteidigungsminister, der eine neue Definition fordert. Der eine Veteranenpolitik zum Schwerpunkt seiner Arbeit gemacht hat: "Es ist überfällig. Wir haben uns bisher davor gedrückt", sagt Thomas de Maizière.

Der Minister hat den 22. Mai als möglichen Veteranentag ins Gespräch gebracht. Am 22. Mai 1956 trat die Wehrverfassung in Kraft, die Grundlage der Bundeswehr im Grundgesetz. Mehr als 300 000 Soldatinnen und Soldaten und zivile Mitarbeiter der Bundeswehr waren seitdem im Auslandseinsatz. Derzeit dienen mehr als 7000 Angehörige der Bundeswehr auf drei Kontinenten. Und mehr als 100 sind seit 1991 in den Einsätzen gestorben.

Deutschlands moderne Veteranen sind keine alten Männer. Viele von ihnen leben noch bei Mama und Papa, bevor sie in den Einsatz ziehen. Und es gibt nicht nur Männer: Deutschlands Veteranen sind auch Frauen.

In Artikel 20 des Grundgesetzes heißt es: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus." Auf Soldaten hat das unmittelbare Auswirkung: Der Bundestag schickt sie in Auslandseinsätze - die Streitkräfte setzen ihr Leben im Namen des Volkes ein. In einem Diskussionspapier mit dem Titel "Eine Veteranenpolitik für die Bundeswehr" aus dem Verteidigungsministerium heißt es: "Eine Veteranenpolitik kann Anstöße dazu geben, sich mit dem Auftrag unserer Soldatinnen und Soldaten für unser Gemeinwesen zu beschäftigen. Sie kann unsere Bürgerinnen und Bürger dazu ermutigen, unseren Soldaten ganz persönlich und individuell ihre Wertschätzung und ihren Dank auszusprechen. Damit werden die Bande zwischen Bundeswehr und Gesellschaft gestärkt."

In den Vereinigten Staaten von Amerika werden Veteranen von der Bevölkerung geehrt. Der "Veterans Day" am 11. November wird mit bunten Paraden gefeiert, es herrscht Volksfeststimmung. Undenkbar in Deutschland. Zwar sind die Auslandseinsätze zur Normalität geworden, aber die Bürger fremdeln mit dem Militärischen. Die Deutschen schicken ihre Soldaten in eine Auseinandersetzung - und scheuen sich, sie "Krieg" zu nennen. Afghanistan ist für die meisten weit weg.

Und dann ist da noch die Geschichte. Es waren Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg, die in der Weimarer Republik gegen ihre schlechte Versorgung protestierten. Die Nationalsozialisten integrierten die Anliegen der alten Kämpfer für ihren Nazi-Militarismus und führten den "Heldengedenktag" am Volkstrauertag ein. Die Gräueltaten der Wehrmacht, die Treffen von alten SS-Männern nach dem Zweiten Weltkrieg haben den Begriff des Veteranen in Deutschland zusätzlich negativ besetzt. Die Assoziationen waren auch sofort wieder da, als de Maizière darüber nachdachte, den Volkstrauertag zum Veteranentag zu machen. Ausgerechnet am ehemaligen "Heldengedenktag"! Schnell schwenkte der Minister auf den 22. Mai um.

Seit 1996 wird an Soldaten, die im Auslandseinsatz waren, die Einsatzmedaille vergeben; 2008 führte Franz Josef Jung (CDU) als Verteidigungsminister ein Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit ein; sein Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg fügte 2010 die Einsatzmedaille Gefecht hinzu. Das sind militärische Ehren - aber keine gesellschaftlichen. Die Kultur der Solidarität mit den Soldaten ist in Deutschland wenig ausgeprägt. Die gelben Schleifen, die die Bundeswehr als Zeichen der Solidarität verteilt, sind nicht sehr verbreitet.

Im September 2011 bekannte sich Thomas de Maizière zum ersten Mal im Bundestag zum Begriff des Veteranen. Anfang dieses Jahres veröffentlichte er sein fünfseitiges Diskussionspapier und forderte Verbände, Politiker und Gesellschaft zur Diskussion auf. Bis zum Herbst soll sein Veteranenkonzept fertig sein. Das größte Problem der neuen Debatte wird auf der zweiten Seite des Diskussionspapiers thematisiert: Der Begriff "Veteran" habe in der Bundeswehr "keine Tradition. Er entzieht sich einer festen Definition und einheitlichen Kriterien."

Wo keine Definition ist, da gibt es Streit. Nicht nur unter Politikern, sondern auch unter Soldaten. Andreas Timmermann-Levanas, 47, war 24 Jahre Soldat, er diente Deutschland in Bosnien und Afghanistan. 2009 wurde der Berufsoffizier aus gesundheitlichen Gründen entlassen. Er ist Vorsitzender des Bundes Deutscher Veteranen. Timmermann-Levanas findet es gut, dass der Minister einen Veteranentag einführen will. Nur: "Wen will die Bundeswehr damit ehren?", fragt er. Sein Verband hat genaue Vorstellungen darüber, was Veteranen sind: "Diejenigen Soldatinnen und Soldaten, die im Auslandseinsatz waren."

Roderich Kiesewetter, Präsident des Reservistenverbands, widerspricht: "Nicht bloß die, die im Einsatz gekämpft haben, sind Veteranen. Die ausschließliche Überhöhung von Kämpfertugenden ist nicht mehr zeitgemäß." Kiesewetter, 48, war 27 Jahre Soldat, der Oberst verbrachte insgesamt zwei Jahre auf Auslandseinsätzen auf dem Balkan und in Afghanistan. 2009 zog er für die CDU in den Bundestag ein, seitdem ruht sein Dienstverhältnis.

Der Reservistenverband definiert den Begriff so: Ein Veteran ist ein ehemaliger Soldat, der auch Dienst im Einsatz geleistet hat. Damit wären alle ehemaligen Soldaten mit Einsatzerfahrung Veteranen, sagt Kiesewetter. "Die Kameradschaft würde darunter leiden, wenn man nur die erhöht, die draußen im Einsatz sind. Wenn ein Stabsfeldwebel in Deutschland Soldaten ausbildet und danach nicht im Ausland dient, wäre er außen vor." Ebenso ein Soldat in der Küche oder ein Rechnungsführer.

Jeder ehemalige Soldat soll ein Veteran sein? Andreas Timmermann-Levanas vom "Bund Deutscher Veteranen" ist dagegen: "Dann wären ja die neun Millionen Grundwehrdienstleistenden auch Veteranen. Und auch die vielen Zeit- und Berufssoldaten, die während des Kalten Krieges gedient haben und nicht im Ausland waren. Der Begriff des Veteranen würde verwässert werden." Auch die Forderung der Grünen, dass neben Soldaten auch Helfer des Technischen Hilfswerks, des Roten Kreuzes oder Polizisten und Entwicklungshelfer geehrt werden sollen, weist er zurück. "Am 8. Mai ist Weltrotkreuztag, am 19. August ist Welttag der humanitären Hilfe, am 5. Dezember Internationaler Tag des Ehrenamts. Am 15. Mai ist der Internationale Tag der Kriegsdienstverweigerung. Seit zehn Jahren feiert der Reservistenverband am letzten Sonnabend im September den Tag der Reservisten."

Im angloamerikanischen Raum ist der Begriff des Veteranen bewusst breit gefasst: Alle ehemaligen Angehörigen der Streitkräfte - ob mit oder ohne Auslandseinsatz - sind Veteranen. In skandinavischen Ländern wie Dänemark und Norwegen ist Veteran, wer an einem Auslandseinsatz teilgenommen hat - in diesem Modell sind auch aktive Soldaten Veteranen.

Thomas de Maizière hat erkannt, wie heikel eine Festlegung ist. In seinem Diskussionspapier heißt es: "Wichtig ist es, eine Spaltung der Streitkräfte in Soldaten mit und ohne Veteranenstatus zu vermeiden." Doch gestritten wird nicht nur um den Begriff, sondern auch um die Art der Anerkennung.

Die FDP fordert eine Veteranenkarte, die Ermäßigungen in öffentlichen Verkehrsmitteln und in Museen ermöglicht. Der Bund Deutscher Veteranen findet das gut, der Vorsitzende Timmermann-Levanas ist sich der Widerstände dagegen jedoch bewusst: "Sobald es um eine Gratifikation von Veteranen geht, kommt Neid auf." Es gehe nicht um Neid, sondern um Gerechtigkeit, kontert Reservistenverbandschef Kiesewetter: "Die Ermäßigungen wären Notärzten oder Rettungsassistenten, die Leben retten, nur schwer zu vermitteln. Das würde den Zusammenhalt einer Gesellschaft schwächen."

Der Verteidigungsminister schlägt als zusätzliche Formen der Würdigung Veteranenheime, ein Veteranenabzeichen, einen Sonderbeauftragten und die Unterstützung von Veteranentreffen vor. Darin wird er auch von den Verbänden unterstützt. Beim Thema Versorgungsleistungen gibt es jedoch Ärger. "In Deutschland sind die Sozialleistungen für aktive wie für ehemalige Bundeswehrangehörige, einschließlich ihrer medizinischen Betreuung, bereits auf hohem Niveau gewährleistet", steht im Diskussionspapier des Ministers.

Das sehen die Verbände anders. Zwar habe die Bundeswehr bei der Versorgung Fortschritte gemacht. "Der Startpunkt war jedoch so miserabel, dass es noch erheblichen Verbesserungsbedarf gibt", sagt Timmermann-Levanas. Das Hauptproblem seien entlassene Soldaten, die auch Jahre nach ihrer Zeit bei der Bundeswehr traumatisiert seien. "Eine posttraumatische Belastungsstörung kann oft erst Jahre später ausbrechen. Die Folgen sind schwer: Ein ehemaliger Soldat kann seinen Arbeitsplatz verlieren, Familien brechen auseinander." Der Anteil von Veteranen an den Suiziden solle untersucht werden, ebenso der Anteil an der Scheidungs-, Arbeitslosen-, Obdachlosenquote. "Das sollte die gesamte Gesellschaft interessieren." Auch der Reservistenverband fordert eine bessere Versorgung von Heimkehrern.

Thomas de Maizière hat sich in den vergangenen Tagen mit Äußerungen zum Thema zurückgehalten. "Die Meinungsbildung ist noch nicht abgeschlossen", hieß es gestern aus seinem Ministerium. Jedes falsche Wort schadet, 2013 ist Bundestagswahl. Die Linkspartei ist gegen einen Veteranentag, weil er eine Militarisierung der Gesellschaft bedeuten würde. Die übrigen Parteien halten sich bedeckt, ebenso der mächtige Bundeswehrverband, dessen Vorsitzender keine Definition des Veteranenbegriffs geben möchte.

Das Verteidigungsministerium hat im Internet zur Debatte über die Veteranenpolitik aufgefordert. 600 Kommentare kamen zurück, überwiegend von aktiven oder ehemaligen Soldaten. Was ist ein Veteran? Für 60 Prozent der Befragten sind das Einsatzsoldaten, für 40 Prozent sind es alle Soldaten. Viele äußerten sich skeptisch, dass eine Veteranenpolitik Erfolg haben könnte. Die Soldaten wünschen sich einen "würdevollen und respektvollen Umgang", aber keine "Glorifizierung". Noch viel Arbeit für den Verteidigungsminister.