SPD spürt Rückenwind für Niedersachsen und Berlin

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Barbara Möller

Spekulationen um eine Kanzlerkandidatur Hannelore Krafts werden so gut es geht umgangen. Die glänzende Stimmung sollte durch nichts getrübt werden

Berlin. Es war ein sehr demonstrativer Auftritt. Flankiert von Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück betrat der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel das Foyer des Berliner Willy-Brandt-Hauses, und das Signal, das er damit aussandte, war unmissverständlich: Die Sozialdemokraten schreiten wieder Seit' an Seit', die Troika zieht an einem Strang. Allerdings begleitete die vierköpfige Brassband den Auftritt nicht mit dem alten Arbeiterlied, das auf keinem SPD-Parteitag fehlen darf, sondern mit dem schmissigen Evergreen "When the Saints Go Marchin' In". Das nennt man eine Programmmusik.

Bis 18.35 Uhr haben Gabriel und die "Stones" ihre Gäste gestern warten lassen, zu denen übrigens auch eine eigens angereiste kleine Juso-Abordnung aus Nordrhein-Westfalen gehörte. Die schwenkte nicht nur rote Fähnchen, sondern hielt auch ein etwas ramponiertes Wahlplakat hoch. Genauer gesagt, das Wahlplakat dieses Wahlkampfes: "Currywurst ist SPD". Und selbstverständlich wurde an diesem Abend im Willy-Brandt-Haus auch Currywurst geboten, so viel geschmackvolles Lokalkolorit musste schon sein.

Andererseits war die Luft dann aber auch schnell raus aus dieser Wahlparty. So kann es gehen, wenn alles so gut läuft wie vorher erwartet und die erste Hochrechnung die letzten Zweifel beseitigt. Bemerkenswerterweise hatten die Organisatoren die Musik ohnehin nur bis 19 Uhr bezahlt.

In der Berliner SPD-Zentrale war gestern viel von "Rückenwind" die Rede. Rückenwind für die niedersächsische Landtagswahl im Januar, Rückenwind für die Bundestagswahl im kommenden Herbst. Immerhin habe die "Sozialdemokratie in NRW mehr Stimmen als CDU und FDP zusammen", errechnete Gabriel. Und selbstverständlich war die Frage unausweichlich, ob denn Hannelore Kraft - legitimiert durch ihren Erfolg - dann nicht die ideale Kanzlerkandidatin wäre. Generalsekretärin Andrea Nahles rettete sich erwartungsgemäß in Floskeln wie, jetzt sei nicht der richtige Zeitpunkt für "Spekulationen", aber natürlich habe Hannelore Kraft "eine wichtige Stimme in der SPD", was für ein "großartiger Erfolg" und was für eine "klare Bestätigung für Rot-Grün".

Parteichef Gabriel eröffnete seine kurze Rede mit dem schönen Satz, es gebe drei Gründe für den Wahlerfolg: "Der erste ist Kraft, der zweite ist Stärke und der dritte ist Geschlossenheit." Dieses elegante, aber unverfängliche Wortspiel konnten auch Steinmeier und Steinbrück locker und generös beklatschen, die - wie der Parteivorsitzende - ihre eigenen Ambitionen haben. Zur K-Frage äußerte sich Gabriel erst später vor einer ARD-Kamera, nach dem Motto "denkbar" sei Kraft in dieser Rolle, aber sie habe das ja gerade selber ausgeschlossen. Das hatten die Partygäste im Willy-Brandt-Haus allerdings schon live mitgekriegt. Mitleidlos hatten sie an den vielen aufgestellten Fernsehmonitoren den Offenbarungseid von Norbert Röttgen verfolgt, mit Beifall hatten sie sein Um-Fassung-Ringen und seine Endloswortschleifen verfolgt, die irgendwann doch noch in den Rücktritt vom CDU-Landesvorsitz mündeten. Völlig kalt hatte sie auch der desaströse Auftritt der Linken Sahra Wagenknecht gelassen, die vom "Druckpotenzial" ihrer Partei schwadronierte, das im nordrhein-westfälischen Wahlkampf irgendwie untergegangen sei. Untergegangen. Das Druckpotenzial! Bei nicht mal drei Prozent!

Die Sozialdemokraten hatten dieses Problem gestern nicht. Die sind wieder obenauf. Die Stimmung der in der Berliner Zentrale versammelten Troika war jedenfalls glänzend. "So", hat Sigmar Gabriel gestern Abend unter dem begeisterten Jubel der versammelten Parteianhänger ausgerufen, "muss die SPD weitermachen." Und: "Herzlichen Glückwunsch auch an die Grünen, unsere alten und neuen Partner!" Anschließend rief der Parteivorsitzende dann seine Schatzmeisterin Barbara Hendricks auf die Bühne, die in seinem Auftrag etwas verdutzt verkünden durfte, dass die Currywurst ab sofort gratis und franko zu haben sei. Das war dann fast schon das fröhliche Ende.