Konflikt

Türkei kündigt „totalen Krieg“ gegen Kurdenpartei PKK an

Türkische Panzer rollen in Syrien ein.

Türkische Panzer rollen in Syrien ein.

Foto: HANDOUT / REUTERS

Ankara kämpft gegen IS und Kurden: Türkeis Ministerpräsident macht die PKK für den Anschlag an der syrischen Grenze verantwortlich.

Athen.  Fast keine Woche vergeht, in der die Türkei nicht Opfer eines Terroranschlags wird. Kritiker führen dies auf den Zweifrontenkrieg des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zurück. Der starke Mann aus Ankara bekämpft sowohl die Kurden als auch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Das macht sein Land in beiden Lagern zur Zielscheibe.

Bei der Explosion einer Autobombe wurden am Freitagmorgen in der südostanatolischen Stadt Cizre mindestens elf Polizisten getötet und fast 80 Menschen verletzt, vier von ihnen lebensgefährlich. Ein mit Sprengstoff beladener Lieferwagen detonierte an einem Kontrollpunkt der Polizei auf der Hauptverkehrsstraße, die von Cizre zur Provinzhauptstadt Sirnak führt.

USA braucht die Kurden im Kampf gegen IS

Ein Gebäude der Bereitschaftspolizei von Cizre, das nur etwa 50 Meter vom Anschlagsort entfernt liegt, wurde völlig zerstört, die Umgebung lag in Schutt und Asche. Überall loderten Flammen, schwarze Rauchwolken stiegen über Cizre auf.

Der Anschlag trägt die Handschrift der in der Türkei verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Deren Terroristen hatten bereits in den vergangenen Monaten immer wieder Polizeistationen mit Autobomben angegriffen, so vor einer Woche das Polizeipräsidium im osttürkischen Elazig. Cizre gilt als eine der Hochburgen der PKK. Ministerpräsident Binali Yildirim machte die kurdische Organisation für das Attentat verantwortlich. Der Premier kündigte an, der Staat werde die PKK „in die Knie zwingen“. Yildirim: „Die Nation soll wissen, dass wir einen totalen Krieg gegen diese Terrorgruppen führen.“

Kurden sollen sich ans Ostufer zurückziehen

Vor einer Woche waren bei einem Selbstmordanschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft im südosttürkischen Gaziantep 54 Menschen getötet worden. Die Behörden vermuten, dass der Attentäter zum IS gehörte. Drei Tage nach dem Anschlag überquerten türkische Panzer die Grenze zu Syrien und nahmen die bisher vom IS besetzte Grenzstadt Dscharablus ein.

Ankara fordert einen Rückzug der Kurdenmilizen auf das Ostufer des Euphrat. Augenzeugen berichteten, die türkischen Streitkräfte hatten bereits am Donnerstag begonnen, Stellungen der Kurdenmiliz unter Beschuss zu nehmen. Am Freitag verlegte die Türkei weitere Panzer nach Nordsyrien. Beobachter schließen nicht aus, dass es sich bei dem Anschlag auf das Polizeigebäude in Cizre um einen Racheakt der PKK für die türkischen Angriffe auf die Kurdenmiliz YPG handeln könnte.

IS verliert wichtige Drehscheibe

Mit der Invasion der türkischen Armee in Syrien führt Präsident Erdogan die Türkei noch tiefer in den Treibsand des syrischen Bürgerkrieges. Der Vorstoß der türkischen Streitkräfte über die syrische Grenze könnte nicht nur weitere Terroranschläge des IS provozieren. Die Invasion facht auch den Kurdenkonflikt im eigenen Land weiter an. Denn sie richtet sich nur vordergründig gegen den IS. Der hatte sich ohnehin schon vor Beginn des türkischen Vorstoßes aus Dscharablus ins Hinterland zurückgezogen.

Die von der Türkei unterstützten syrischen Rebellen hatten deshalb leichtes Spiel und konnten die zuvor vom IS besetzt gehaltene Stadt innerhalb weniger Stunden einnehmen. Für die Dschihadisten ist das ein schwerer Verlust, denn das nur einen Kilometer südlich der türkischen Grenze gelegene Dscharablus war die wichtigste Drehscheibe des IS für Nachschublieferungen und die Einschleusung rekrutierter Kämpfer aus der Türkei.

Kampfflugzeuge beschießen kurdische Verbände

Doch der Türkei geht es weniger um den IS. Sie will vor allem die syrische Kurdenmiliz YPG aus der Grenzregion westlich des Euphrat vertreiben. Schon am zweiten Tag der Offensive nahmen türkische Panzer und Kampfflugzeuge deshalb kurdische Verbände unter Beschuss. Östlich des Euphrat kontrollieren die Milizen der YPG und ihre politische Dachorganisation, die kurdische Partei der Demokratischen Union PYD, bereits einen rund 400 Kilometer langen und bis zu 50 Kilometer breiten Streifen.

In diesem Gebiet, das bis zur irakischen Grenze reicht, hat die PYD eine Art Selbstverwaltung etablieren können. Eine weitere Hochburg der syrischen Kurden ist die an die Türkei grenzende Region nordwestlich von Aleppo, das die Kurden als Kanton Afrin bezeichnen. Das Gebiet zwischen Afrin und dem Westufer des Euphrat war bisher unter Kontrolle des IS. Ankaras Albtraum: Gelänge es den Kurdenmilizen, die Dschihadisten auch aus dieser Region zu vertreiben, würde die PYD die syrische Seite der Grenze auf ganzer Länge kontrollieren.

USA steht zwischen Türkei und Kurden

Die Machtausdehnung der Kurden in Nordsyrien ist zugleich das Ergebnis einer Politik, die geschickt agiert, aber knallhart ihre eigenen Interessen verfolgt. So kooperieren die syrischen Kurden mit dem Regime in Damaskus, wenn nötig. Sie bekämpfen es aber auch, wenn sie es für geboten erachten – so wie vor Kurzem im Nordosten Syriens, als beide Seiten in der Stadt Hasaka zusammenstießen.

Aus dem Kurdengebiet könnte später ein Kurdenstaat entstehen, der von Nordsyrien über den Nordirak bis zu den kurdischen Siedlungsgebieten im Iran reicht. Die Autonomiebestrebungen der türkischen Kurden würden dadurch angefacht. Dass die Partei PYD der syrische Ableger der türkischen PKK ist, macht die Entwicklung aus der Sicht Ankaras noch alarmierender.

Türkei könnte eigentliches Schlachtfeld werden

Mit der Invasion in Nordsyrien versucht Präsident Erdogan gegenzusteuern. Das kann die Türkei aber nur, wenn sie eine dauerhafte Militärpräsenz westlich des Euphrat schafft. Damit wird das syrische Puzzle noch komplizierter. Vor allem die USA kommen in ein Dilemma. Mit Rücksicht auf den Nato-Partner Türkei erklärte Vizepräsident Joe Biden am Mittwoch in Ankara den Autonomiebestrebungen der syrischen Kurden zwar offiziell eine Absage.

Zugleich brauchen die USA aber die Kurdenmilizen. Sie sind die einzigen, die bisher am Boden dem IS Paroli bieten können. Der Regierung in Washington kann daher nicht daran gelegen sein, wenn die Kurdenmiliz YPG nun im Kampf mit den türkischen Invasionstruppen aufgerieben wird.

Erdogan hat zwar bisher die Rückendeckung der Amerikaner für seine Syrien-Invasion. Er muss freilich fürchten, dass sich der IS und die Kurden mit weiteren Terroranschlägen rächen werden. Die Kanonen der türkischen Panzer richten sich auf Syrien. Aber die Türkei könnte jetzt zum eigentlich Schlachtfeld werden.