Türkei

So sehen türkischstämmige Hamburger die Krise ihrer Heimat

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Christian Unger

Wer mit Menschen mit türkischer Herkunft oder türkischer Staatsangehörigkeit in Hamburg spricht, erfährt viel über die Lage in dem Land.

Hamburg. Yasar Aydin hat sich gefreut über die Türkei. Das Land, in dem er vor 42 Jahren geboren wurde. Das Land, das er schon im Alter von vier Jahren gemeinsam mit seinen Eltern in Richtung Hamburg verlassen hatte. Das Land, in das er heute öfter wieder reist – als Wissenschaftler und Türkei-Experte zu Konferenzen. Aydin hatte sich gefreut über die Annäherung der Türkei an die Europäische Union, über die Demokratisierung und die wirtschaftliche Stärke, die das Land in den vergangenen Jahren ausgestrahlt hat. Jetzt sagt Yasar Aydin: „Davon ist viel kaputt gemacht worden.“

Wer mit Menschen mit türkischer Herkunft oder türkischer Staatsangehörigkeit in Hamburg spricht, erfährt viel über die Lage in dem Land. Über die Macht von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, über seine Partei AKP oder die Oppositionsbewegung. Viele dieser Menschen in Hamburg halten Kontakt zu Freunden und Familien in ihrer Heimat, andere reisen immer wieder in das Land und sprechen mit Politikern oder Bürgern. Manche sind sogar im Sommer für die Proteste gegen die Erdogan-Regierung in die Türkei gereist. Fast alle lesen Nachrichten aus dem Land. Die Unruhen und Skandale in Ankara oder Istanbul bewegen auch die Türken in Hamburg.

„Auch deutsche Medien haben die Situation falsch eingeschätzt: Lange wurde Erdogan hier gefeiert als Demokrat und Modernisierer der Türkei. Doch seine autoritären Schattenseiten wurden in Deutschland ausgeblendet“, sagt Aydin. Er arbeitet bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, pendelt mittlerweile zwischen Hamburg und Berlin.

Nebahat Güclü ist Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Hamburg. Auch sie war gerade auf einer Konferenz in der Türkei und erlebte die aufgewühlte Debatte vor Ort. „Die AKP-Sympathisanten argumentieren jetzt, dass es doch Korruption in allen Parteien gebe und viele in der Politik in die eigene Tasche wirtschaften.“ Sie würden versuchen, von den Vorwürfen an die AKP abzulenken. „Die Opposition wirft Erdogan vor, er lenke die Türkei weg von Europa und hin zu einer Islamisierung wie im Iran“, sagt Güclü. Auch sie sehe die Entwicklung der Türkei unter Erdogan kritisch: „Zwar geht es dem Land wirtschaftlich sehr gut – gleichzeitig aber leidet die Pressefreiheit und die Gewaltenteilung unter der Macht Erdogans.“

Was die Türkei jetzt erlebe, sei ein Machtkampf innerhalb der Regierungspartei AKP – zwischen Anhängern von Erdogan und der Gülen-Bewegung, sagt Ünal Zeran. Der 42 Jahre alte Rechtsanwalt kam 1980 nach Hamburg, machte hier sein Abitur und absolvierte ein Jurastudium. In dem Korruptionsskandal in der Türkei waren Mitte Dezember auch Söhne mehrerer AKP-Minister festgenommen worden. Gefolgsleute Erdogans machen die Bewegung des im US-Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen für die Ermittlungen verantwortlich.

Die Gülen-Bewegung wolle Erdogan loswerden, weil er das Land isoliere

Wissenschaftler Aydin sagt: „Die Gülen-Bewegung ist nicht an der Entmachtung der AKP interessiert. Vielmehr geht es darum, Erdogan an der Spitze loszuwerden. Aus Sicht von Gülen hat Erdogan die Türkei strategisch isoliert.“ Und Nebahat Güclü von der Türkischen Gemeinde merkt an, dass die Gülen-Bewegung ebenso wie Erdogan selbst einer Modernisierung der Türkei im Wege stehe. Für Aydin ist klar: „Die Herausforderung für Gülen ist, mehr Transparenz zu schaffen, um den Menschen die Ängste vor der Bewegung zu nehmen.“ Genauso aber müsse die AKP wieder stärker den Kurs der Demokratie fahren. „Doch das ist mit Erdogan an der Spitze kaum möglich.“

Nur welche Alternativen gibt es für eine Türkei ohne Erdogan an der Regierungsspitze? „Es gibt zwar eine laute demokratische Opposition, vor allem in den Metropolen wie Ankara und Istanbul – doch ist diese nicht stark genug, um die AKP ernsthaft zu gefährden“, sagt Nebahat Güclü. Und Rechtsanwalt Zeran hebt hervor: „Die Opposition in der Türkei ist zersplittert, es fehlt ihr an Geld und an charismatischen Politikern, die Erdogan ihr Gesicht entgegenstellen könnten.“

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