Brasilien steht auf

„Schulen statt Stadien“: Demonstranten protestieren gegen Großprojekte wie die Fußball-WM und gegen Korruption

Rio de Janeiro. Und wieder leuchtet das Handydisplay von Bruna Marques in der Nacht von Rio de Janeiro hell auf. „Wir schicken uns Tipps, was man gegen Tränengas tun kann“, sagt die 28-Jährige. „Und dass wir ruhig bleiben und uns nicht provozieren lassen sollen.“ Die Kunststudentin gehört zu den vielen Tausend jungen Brasilianern, die am Montag dem Aufruf von sozialen Bewegungen gefolgt sind. „Brasilien steht auf“ lautete das Motto, das sich am Morgen wie ein Lauffeuer durch die sozialen Netzwerke verbreitete. Am Nachmittag dann im Zentrum die große Überraschung: Es sind tatsächlich Zehntausende, wenn nicht Hunderttausend Menschen gekommen. Für ein Land wie Brasilien, in dem schon viel passieren muss, ehe die Menschen auf die Straße gehen, ist das außergewöhnlich.

Hunderte Kilometer trennen São Paulo, Rio de Janeiro und Brasilia, und doch verbindet die mehr als 200.000 Brasilianer, die in diesem riesigen Land auf die Straße gingen, um gegen die Milliarden-Ausgaben für Konföderationen-Pokal, Fußball-WM und Olympia zu demonstrieren, ein unsichtbares Band des Protestes. Mitgebracht haben sie Plakate mit handgeschriebenen Botschaften: „Wir wollen keinen Cup, wir wollen eine Metro“ und „Schulen statt Stadien“ steht darauf zu lesen.

Für die linksgerichtete Präsidentin Dilma Rousseff ist das ein Drahtseilakt

Der Protest richtet sich gegen die brasilianische Regierung und die Fifa. Der Fußball-Weltverband reagierte zunächst hilflos. Am Montagmorgen hatte er zum täglichen Media-Briefing in das für knapp 500 Millionen Euro renovierte Maracanã-Stadion eingeladen, Nachhaltigkeit und Investitionen in soziale Projekte standen auf dem Programm. Vielleicht war es das schlechte Gewissen, das den Tagesordnungspunkt bestimmte. Zumindest der Ort ist ein Statement: Die schmucke Arena, mit Steuergeldern komplett saniert, wird bald privatisiert werden. Für den neuen milliardenschweren Eigentümer ist das ein Schnäppchen, für den brasilianischen Steuerzahler, der die Renovierung bezahlt hat, ein Schlag ins Gesicht. Allein diese Entscheidung sorgt für Kopfschütteln in dem fußballverrückten Land, galt die Arena doch immer auch als die „Arena des Volkes“.

„Wir wollen, dass unser Land endlich vernünftig regiert wird“, sagt die 23 Jahre alte Studentin Luiza Felipe in Rio de Janeiro. „Es kann nicht sein, dass wir Milliarden in neue Stadien stecken und unsere Schulen, Universitäten und Kindergärten verrotten“, sagt sie aufgebracht. Auch Gustavo Petro, 25, ist gekommen. Er hat sich als Clown verkleidet, die bunte Farbe klebt ihm im Gesicht. Doch seine Botschaft ist nicht lustig. „Wir wollen, dass diese Korruption endlich aufhört. Zu viel Geld ist in dunklen Kanälen verschwunden“, sagt er. Das Tempo und die Dynamik der Entwicklung überraschen – und das pünktlich zum Beginn des Veranstaltungsmarathon in Rio de Janeiro. Nach dem Confed-Cup kommt der Weltjugendtag, bei dem Papst Franziskus seine Lieblingsbotschaft verkünden wird, die die Demonstranten gern hören werden: „Vergesst die Armen nicht.“ Danach folgen die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 – mit Eintrittspreisen, die sich die meisten Brasilianer nicht leisten können.

Für Brasiliens linksgerichtete Präsidentin Dilma Rousseff ist das ein politischer Drahtseilakt. Die Proteste kommen aus jenem Lager, das zu ihrer Wahlklientel gehört. Auf der Ehrentribüne nimmt sie nun neben Fifa-Präsident Sepp Blatter und dem umstrittenen Vorsitzenden des brasilianischen Fußballverbandes José Marin Platz. Die Bilder vermitteln den Eindruck, sie gehöre zum Establishment.

Die Proteste in Brasilien sind keine Ausnahme. Schon vor ein paar Wochen waren fast eine Million Menschen in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires auf die Straße gegangen. Auch sie hatten gegen die Korruption in der Regierung von Cristina Kirchner demonstriert, der sie einen diktatorischen Regierungsstil vorwarfen. Ähnliches passierte in Venezuela, wo die Menschen die Parolen der regierenden Sozialisten satt haben und mit Löffeln auf die Kochtöpfe schlugen. Die Ursache dafür liegt in tiefer Enttäuschung: Viel hatten Rousseff, Kirchner und Chávez-Nachfolger Nicolas Maduro ihren Landsleuten versprochen, doch profitiert haben wieder einmal nur die Reichen und die eigene Regierungsmannschaft.