USA

Selbst Republikaner sind entsetzt über Romney

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Ansgar Graw

Heimlicher Videomitschnitt einer Rede Romneys zeigt Wählerbeschimpfung des Obama-Herausforderers. "Er hat überhaupt nichts verstanden."

Washington. Das gefährlichste Echo auf dem heimlichen Videomitschnitt einer Rede des republikanischen Präsidentschaftskandidaten liest sich so: "Romneys reduzierte Charakterisierung der politischen Landschaft legt nahe, dass er überhaupt nichts verstanden hat." Dieser Satz findet sich auf der Homepage des "Weekly Standard", des wohl einflussreichsten Magazins Republikaner-naher Intellektueller, und dort in einem Blog-Eintrag unter der Überschrift: "Konservative stimmen überein: Romney hat unrecht". Darin zitiert der Journalist Michael Warren Gesinnungsgefährten, die Romney massive Fehleinschätzungen vorwerfen. Auch die konservative Internet-Plattform Daily Caller widerspricht Romneys Rechnung, derzufolge knapp die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung als Wähler nicht infrage komme, weil sie keine Einkommensteuer zahle und sich als "Opfer" fühle.

Die Häme der Demokraten und der Wahlkämpfer von Barack Obama, etliche liberale Medien eingeschlossen, war zu erwarten. Doch dass die Rede des Ex-Gouverneurs von Massachusetts von Meinungsführern im eigenen Lager kritisiert wird, ist weniger als sieben Wochen vor der Wahl ein Alarmsignal.

"47 Prozent der Leute werden für den Präsidenten stimmen, komme, was da wolle", hatte Romney bei seinem inzwischen weltberühmten Auftritt im Mai vor zahlungskräftigen Spendern gesagt, die pro Person 50 000 Dollar für das Abendessen mit ihm zahlten. "Also, da sind 47 Prozent, die zu ihm stehen, die abhängig sind von der Regierung, die sich für Opfer halten, die glauben, dass die Regierung eine Verantwortung hat, sich um sie zu kümmern, die glauben, sie haben einen Anspruch auf Gesundheitsvorsorge, auf Lebensmittel, auf eine Wohnung, was auch immer. Dass sie diese Ansprüche haben. Und die Regierung soll sie ihnen erfüllen. Und sie werden für diesen Präsidenten stimmen, was auch immer komme."

Da hatte sich Romney vor seinem Publikum in Florida so richtig in Rage geredet, und er fuhr fort: "Diese Leute zahlen keine Einkommensteuer. Meine Aufgabe ist es nicht, mich um diese Leute zu bemühen. Ich werde sie nie überzeugen, dass sie persönliche Verantwortung übernehmen und selbst für ihr Leben sorgen sollten."

Diesen letzten Satz sieht ein anderer Autor des "Weekly Standard" als problematisch an: Wenn Romney glaube, er könne diese Menschen nicht überzeugen, für ihr Leben persönliche Verantwortung zu übernehmen, "dann sollte er nicht für das Präsidentenamt kandidieren", so schreibt Stephen F. Hayes. Denn: "Wenn er gewählt wird, ist es eine seiner wichtigsten Aufgaben, die amerikanische Öffentlichkeit, vor allem diejenigen, die sich zu sehr auf die Regierung verlassen, zu überzeugen, dass sie selbst die Verantwortung für ihr Leben übernehmen müssen."

Obama führt nach der aktuellen Umfrage des "Wall Street Journals" und des Senders NBC inzwischen mit 50 zu 45 Prozent vor seinem Herausforderer. Dennoch wird im konservativen Lager die grundsätzliche Kritik Romneys am aufgeblähten Wohlfahrtsstaat USA durchaus begrüßt. Kritiker verweisen darauf, dass mehr als 56 Prozent des US-Bundeshaushalts in Gesundheit, Renten und Wohlfahrt fließen. Darum fordern die Republikaner Reformen der sozialen Sicherungssysteme. Ihr Versprechen, durch Steuersenkungen Wachstumsimpulse auszulösen und neue Arbeitsplätze zu schaffen, zielt darauf, Empfänger von Arbeitslosenhilfe, Wohngeld oder Lebensmittelmarken zurück in Lohn und Brot zu bringen.

Wie das belastende Video mit der Romney-Rede an die Öffentlichkeit kam, scheint inzwischen klar zu sein. Aufgenommen wurde es bei dem Spenderessen in Florida offenbar von einer Servicekraft der Catering-Firma. Das Video zirkulierte bereits seit Monaten im Internet. Dort stieß James Earl Carter IV darauf, ein Enkel des einstigen Präsidenten Jimmy Carter. Der 35-Jährige bezeichnet sich als "Oppositions-Forscher" und hat auf seiner Website diverse Filme veröffentlicht, die Romney oder die Republikaner in ein schlechtes Licht rücken. Er vermittelte die Bilder an die Internet-Plattform des linken Magazins "Mother Jones". Dort erreicht Romneys Rede seit Montag eine breite Öffentlichkeit und wirbelt den Wahlkampf gehörig durcheinander. Romney hätte manche Passage seiner Rede, die er selbst als "nicht elegant" bezeichnet, anders formuliert, hätte er bei seinem "aus dem Handgelenk" improvisierten Auftritt von der Kamera gewusst. In einem Punkt aber dürfte er sich bestätigt sehen: James Earl Carter IV zahlt keine Einkommenssteuer.