Dänemark

Thorning-Schmidt: "Mein Ehemann ist nicht homosexuell"

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Clemens Bomsdorf

Streut die Opposition die Gerüchte um ihren Mann? Dänemarks sozialdemokratische Regierungschefin geht jetzt in die Offensive.

Kopenhagen. So etwas hat es in Dänemark noch nicht gegeben: "Thorning weist Homo-Gerüchte um ihren Mann von sich" titelte vor wenigen Tagen die linksliberale Tageszeitung "Politiken". Die sozialdemokratische Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt sah sich zu diesem aufsehenerregenden Dementi gezwungen, weil eine entsprechende Behauptung dieser Tage publik gemacht werden sollte. In Finanzamtsunterlagen, die beweisen sollten, dass ihr damals in der Schweiz arbeitender Mann in Dänemark nicht steuerpflichtig sei, hatte sich eine kurze Bemerkung über die sexuelle Orientierung von Stephen Kinnock gefunden.

Thorning-Schmidts Schritt in die Öffentlichkeit folgt dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. Heute nimmt eine Kommission die Arbeit auf, die untersuchen soll, wie die vertraulichen Dokumente über die Regierungschefin und ihren Mann zur Boulevardzeitung "B.T." gelangten. Im Verdacht stehen auch Spitzenpolitiker der ehemaligen Regierungskoalition - insbesondere der damalige Steuerminister -, die den Sozialdemokraten womöglich im Wahlkampf schaden wollten. Sollte das der Fall sein, steht Dänemark davor, einen der größten politischen Skandale aufarbeiten zu müssen.

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In der Notiz, die von einer Mitarbeiterin des Finanzamts geschrieben wurde, stand, Thorning-Schmidts Mann sei laut Angaben ihres Steuerberaters homo- oder bisexuell. Gefragt, ob diese Behauptung stimme, wurde Thorning-Schmidt im Interview mit "Politiken" eindeutig: "Zunächst einmal finde ich nicht, dass das eine Frage ist, die man beantworten sollte. Aber: Nein, er ist es nicht." Dann erklärte die Regierungschefin noch, dass ihr Familienleben sicher ungewöhnlich sei, weil ihr Mann mittlerweile in London lebe. "Aber wir sind seit 20 Jahren ein Paar. Wir leben ein Familienleben, das - wie wir meinen - gut für uns und unsere zwei Kinder funktioniert, und das sollte eigentlich genug für die Öffentlichkeit sein."

Thorning-Schmidts Mann ist ein Sohn des legendären Vorsitzenden der britischen Labour-Partei, Neil Kinnock. Sie hatte Stephen Kinnock während ihres Studiums in Brügge kennengelernt. Er hat eine internationale Karriere gemacht, war Direktor des World Economic Forums in Genf, arbeitet nun bei der Beratungsfirma Xyntéo in London.

Brisant ist an der Affäre vor allem die Frage, wie die Finanzamtsunterlagen zur "B.T." gelangen konnten. Das Boulevardblatt griff unmittelbar vor der dänischen Parlamentswahl vor einem Jahr Thorning-Schmidt massiv an, weil sie und ihr Mann angeblich unsaubere Steuererklärungen abgegeben und zu wenig an den dänischen Staat gezahlt hätten. Die Behauptungen basierten auf den vertraulichen Unterlagen des Finanzamts. Zwar schrieb das Blatt nicht über die Gerüchte um Kinnock. In Schreiben an Thorning-Schmidt deutete "B.T." aber an, davon zu wissen. Das Finanzamt entschied letztlich zugunsten Thorning-Schmidts, aber im Wahlkampf setzte ihr die Sache erheblich zu. Führende Mitarbeiter der damaligen konservativ-liberalen Koalition sollen versucht haben, in das Verfahren beim Finanzamt einzugreifen, und haben womöglich auch dafür gesorgt, dass die vertraulichen Unterlagen die Presse erreichten.

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Es könnte aber auch sein, dass Thorning-Schmidts Steuerberater die undichte Stelle war. Wieso er überhaupt die sexuelle Orientierung von deren Mann thematisierte, ist unklar. Womöglich wollte er mit Hinweis auf ein Verhältnis in der Schweiz unterstreichen, dass sein Klient engere Beziehungen dorthin als zum Hochsteuerland Dänemark habe und hoffte, das sei ein Argument mehr, dass er in der Schweiz und nicht in Kopenhagen, wo seine Familie lebt, steuerpflichtig sei. Der Steuerberater selber sagt laut Thorning-Schmidt, er sei missverstanden worden.

Thorning-Schmidt war aus der Parlamentswahl am 15. September 2011 als Siegerin über Amtsinhaber Lars Løkke-Rasmussen hervorgegangen. Seither bildet sie mit der Linkspartei und den Linksliberalen eine Minderheitsregierung, die stark in der Kritik steht. Das liegt auch daran, dass Thorning-Schmidt Probleme hat, zu begeistern. Zwar ist es ihr gelungen, Sozialreformen auf den Weg zu bringen, doch damit hat sie die ganz linke Einheitsliste verärgert, die Hauptstütze der Minderheitsregierung.

Gestern begannen in Kopenhagen Haushaltsverhandlungen. Thorning-Schmidt muss eine Mehrheit für ihr Reformprogramm gewinnen. Womöglich hilft ihr der jüngste Skandal dabei sogar. Denn auch die Opposition ist stark unter Druck - weil sie sich womöglich durch Weitergabe von Steuerakten die Finger schmutzig gemacht hat.