Afghanistan: Angriff auf Patrouille

Deutsche Soldaten töten vier Taliban

Von Bundeswehr ausgebildete Afghanen bestehen Feuertaufe. War Attentat auf die Kanzlerin geplant?

Hamburg/Berlin. Kriegshandlungen seien das nicht gewesen, beteuerte der Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums, Thomas Raabe. Sondern "ein Stabilisierungseinsatz in einem souveränen Land". Die gedrechselte Formulierung zeigt, dass man in Berlin weiterhin vor dem "K-Wort" zurückscheut, obwohl der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan immer gefährlicher wird.

Gerade erst hatte das "Kommando Spezialkräfte" nach einer wilden Verfolgungsjagd durch die Berge einen terrorverdächtigen Taliban-Kommandeur gefasst. Am Freitag dann lieferte sich eine Bundeswehr-Patrouille unweit von Kundus ein stundenlanges Feuergefecht mit militanten Islamisten. Dabei wurden auf gegnerischer Seite vier Kämpfer getötet, vier verwundet und vier gefangengenommen.

Gegen 16 Uhr nachmittags war die deutsche Patrouille der Schutzkompanie des "Regionalen Wiederaufbauteams" (PRT) in Kundus, bestehend aus 29 Soldaten, drei Fahrzeugen vom gepanzerten, knapp zehn Tonnen schweren Typ "Dingo" und zwei fast doppelt so schweren Transportpanzern vom Typ "Fuchs", mit Sturmgewehren und Panzerfäusten auf der Transportstraße Taurus angegriffen worden.

Die Deutschen feuerten zurück, verfolgten die Angreifer und forderten Unterstützung an. Innerhalb kurzer Zeit erschienen afghanische Sicherheitskräfte und übernahmen die Bekämpfung der Extremisten.

Auch zwei US-Kampfflugzeuge vom Typ F-15 und F-14 erschienen, schossen aber nur Leuchtkörper ab, um die Deutschen und Afghanen am Boden nicht zu gefährden. Die deutschen Soldaten bildeten einen Sperrgürtel um das Gefechtsfeld und sicherten den Einsatz der Afghanen ab. In deren Reihen wurde ein Mann verwundet.

"Für den Norden Afghanistans ist ein derartiges Gefecht schon eine Besonderheit", erfuhr das Hamburger Abendblatt aus deutschen Nato-Kreisen. "Die afghanischen Truppen, die wir ausgebildet haben, erwiesen sich im Kampf als sehr effektiv. Die Verluste mussten die Taliban verzeichnen. Das hat es vorher so noch nicht gegeben."

Die Aktion müsse von den Gegnern der Bundeswehr als Warnung gewertet werden, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Raabe: "Diejenigen, die uns angreifen, müssen damit rechnen, dass sie verfolgt werden."

In der Nacht zum Mittwoch war ein Bundeswehr-Konvoi ebenfalls in der Nähe von Kundus angegriffen worden, es gab dabei aber keine Verletzten. Am Donnerstag hatte die Trauerfeier für einen 21 Jahre alten Soldaten stattgefunden, der in der vergangenen Woche bei Kundus von Extremisten getötet worden war. Er gehörte zum Jägerbataillon 292 aus Donaueschingen. Dieses Bataillon stellte auch die am Freitag angegriffene Patrouille, wie das Abendblatt erfuhr. Es wurde unterstützt von deutschen Fallschirmjägern.

Wie aus Nato-Kreisen zu hören war, geht aus abgehörten Funksprüchen der Taliban hervor, dass die massive Panzerung der "Dingos" die Islamisten "schier zur Verzweiflung" bringe.

Der Taliban-Führer Mullah Baridschalai behauptete indessen gegenüber al-Somud, dem arabischsprachigen Onlinedienst der Taliban, seine Kämpfer hätten Bundeskanzlerin Angela Merkel während ihres Überraschungsbesuches in Afghanistan am 7. April ermorden wollen. In der Tat war der Flugplatz in Masar-i-Scharif 20 Minuten nach dem Abflug der Kanzlerin mit Raketen beschossen worden. Baridschalai sage, die Taliban hätten über eigene "nachrichtendienstliche Informationen" verfügt.

Regierungssprecher Ulrich Wilhelm wies einen entsprechenden Bericht von "Bild.de" jedoch zurück, der sich auf Übersetzungen der Taliban-Website seitens des Internetzentrums der deutschen Sicherheitsbehörden stützte. Laut "Bild.de" befürchten Sicherheitskreise aber, dass es im Lager der Bundeswehr in Kundus einen Spion der Taliban geben könnte.

Nach einem Bericht des "Spiegels" droht in den kommenden Monaten eine Offensive der Taliban. Das Magazin beruft sich auf einen hohen US-Offizier. Demnach wichen die Taliban bereits dem militärischen Druck der Amerikaner im Süden und Osten aus und planten, im deutschen Verantwortungsbereich zuzuschlagen.

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