Dmitri Medwedew ist ein Jahr im Amt

Der Präsident von Putins Gnaden

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Der Kremlchef will seinem Amtsvorgänger ebenbürtig sein - konnte sich aber noch nicht aus dessen Schatten lösen.

Moskau

Russlands Präsident Dmitri Medwedew ist heute auf den Tag genau ein Jahr im Amt. Die wohl wichtigste Botschaft der bisherigen Amtszeit lautet: Das Tandem aus Kremlchef und Premierminister, von seinem Amtsvorgänger Wladimir Putin kunstvoll arrangiert, funktioniert.

Es hat sich so gut bewährt, dass sich die Gerüchte über eine vorzeitige Rückkehr Premier Putins in den Kreml erst einmal erledigt haben. Die Diskussion war ausgebrochen, als Medwedew im Dezember vergangenen Jahres eine Verfassungsänderung flink durchs Parlament schleusen ließ: Der nächste russische Präsident, der im Frühjahr 2012 gewählt wird, hat eine Amtszeit von sechs Jahren, das nächste Parlament eine Legislaturperiode von fünf Jahren.

Bis dahin, wenn keine unvorhersehbaren Umstände eintreten, was in Krisenzeiten natürlich sein kann, wird der Premier sein Versprechen wahr machen und seinen Posten bis zum Ende seiner Amtszeit behalten. Umso mehr, als sich eine andere Prognose in den vergangenen zwölf Monaten immer wieder bestätigt hat: Der Mann am Tandemlenker heißt Putin. Er prägt das Land nach wie vor als Führungsfigur, er setzt in entscheidenden Momenten die Akzente.

Einen Präsidenten Medwedew, der sich von seinem Vorgänger und Mentor frei gemacht hätte, gibt es noch nicht. "In allen wichtigen Fragen innerhalb und außerhalb des Landes berücksichtigt er die Meinung Wladimir Putins", meint der Chefredakteur des russischen "Newsweek", Michail Fishman. Wobei der Premier oft das bessere Gespür für PR-wirksame Aktionen hat. Im Krieg mit Georgien war es Putin, der, blitzartig die Olympischen Spiele in Peking verlassend, als Erster bei den Truppen im Nordkaukasus auftauchte. Medwedew war da noch an seinem Urlaubsort in Sotschi und kam erst Tage nach dem Waffengang, um Orden an die Soldaten zu verteilen. Wenn Medwedew sich für das kleine und mittlere Unternehmertum einsetzt und es zum Retter aus der Krise machen will - Putin tanzt auf Elefantenhochzeiten und stampft riesige, ineffektive Staatskorporationen aus dem Boden.

So etwas wird wahrgenommen vom Wahlbürger, der geübt ist im Deuten des Vogelflugs und anderer Zeichen. Niemandem bleibt es verborgen, dass Medwedew neben seinem väterlichen Freund aus Petersburger Tagen versucht, ebenbürtig zu wirken. Das reicht bis hin zu Gestik, Mimik und Sprechweise. Wie Putin versucht er seinen Gesprächspartnern tief in die Augen zu schauen und sie zu fixieren. Das Resultat bleibt immer das gleiche - das Original kann es besser.

Die anfänglichen Hoffnungen, der junge Jurist Medwedew werde Russland etwas liberaler und weltoffener regieren, bekommen zwar immer mal wieder Nahrung. So trifft er sich mit Menschenrechtlern, gibt einer liberalen Zeitung ein Interview und interpretiert den Begriff der Demokratie im westlichen, nicht aber im putinschen Sinne. Auch prägte er das inzwischen geflügelte Wort vom "Rechtsnihilismus" in Russland, den es zu beseitigen gelte.

Medwedew sagte - wie sein Vorgänger Putin - der Korruption den Kampf an und forderte unabhängige Gerichte. Das Ergebnis bisher ist, wie es immer in Russland war: Die Kluft zwischen dem Anspruch der Verfassung und dem realen Leben in Russland existiert weiter, teilweise wächst sie sogar.

Nun ist gerade die Auseinandersetzung mit der Justiz und der allgewaltigen Bürokratie in Russland schon immer eine extreme Herausforderung gewesen. Im Moment scheint es so, als warteten alle diejenigen, die Medwedew kritisch anspricht, einfach ab. 2012 spätestens, so ihre Überlegung, kommt eh wieder der von der Herrschaftskaste, aber auch von der Bevölkerung favorisierte Putin ans Ruder, und dann muss man sich ohnehin wieder umorientieren.

Als Medwedew sein Amt antrat, schien es, als habe sein Vorgänger ihm ein wohlbestalltes Land hinterlassen. Inzwischen aber wird der Kremlchef an vielen Fronten herausgefordert - wie der Weltfinanzkrise, verbunden mit dem Absturz der Rohstoffpreise, dem Tschetschenienproblem und den Beziehungen zu den USA und Europa. Es sind vielleicht allzu viele Fronten.