Beziehungen zu den USA

Nach dem Orden kommt wieder der Alltag

Bundeskanzlerin Angela Merkel erhält in den USA die Freiheitsmedaille, US-Experte Dr. Jeremy Mayer sieht aber dennoch ernste Spannungen.

Hamburg/Washington. "Dies ist der erste offizielle Staatsbesuch mit einem Staatsbankett für einen europäischen Führer in meiner Amtszeit." Gleich mit dem ersten Satz seiner Rede zu Ehren der deutschen Kanzlerin hat US-Präsident Barack Obama deutlich gemacht, welchen enormen Stellenwert für ihn die Beziehungen zu Berlin und zu Angela Merkel besitzen. Der pompöse Empfang für die Kanzlerin in Washington, das mehrstündige Treffen mit Merkel und schließlich die Verleihung der Freiheitsmedaille an sie - die höchste zivile Auszeichnung, die Amerika zu vergeben hat -, alles spricht dafür, dass Obama überaus bemüht ist, dem Eindruck einer transatlantischen Entfremdung entgegenzuwirken.

"Sie ist ein Symbol des Triumphes der Freiheit", sagte Obama mit Blick auf Merkels Biografie. Und die Kanzlerin antwortet, dass sie einmal im Rosengarten des Weißen Hauses stehen und die Freiheitsmedaille vom US-Präsidenten überreicht bekommen würde - "das lag jenseits all meiner Vorstellungskraft".

Nach Merkels USA-Reise kehrt nun wieder der Alltag in den deutsch-amerikanischen Beziehungen ein. Und ungeachtet aller vollmundigen Freundschaftsbekundungen verändern sie sich - es gibt etliche Meinungsunterschiede. "Ich denke, dass die Beziehungen zwischen den USA und Europa eine dauerhafte Transformation durchlaufen", sagt Professor Dr. Jeremy Mayer, der an der George-Mason-Universität bei Washington lehrt. Der Autor von Werken über amerikanische Politik war jetzt für einen Vortrag in Hamburg und sprach mit dem Abendblatt.

Es gebe zwei Faktoren, die diese langfristige Veränderung beschleunigten, sagt Mayer. Der erste Faktor betreffe die veränderte Haltung zur Anwendung militärischer Gewalt. "Wenn Sie sich den Afghanistan-Konflikt aus europäischer Perspektive betrachten, dann erscheint es ganz außerordentlich, was Europa dort tut, vor allem Deutschland. Deutschland hat Bodentruppen in einer Kriegszone Tausende Kilometer entfernt im Einsatz und erleidet Verluste - wenn auch nicht so viele wie viele andere Nato-Nationen." Doch aus der amerikanischen Perspektive sei der europäische Beitrag zu Afghanistan nicht so bedeutsam, "und ich glaube nicht, dass die Amerikaner wirklich anerkennen, was dort geleistet wird. Und dies hängt zusammen mit unserer zunehmend abweichenden Sicht auf Kriege. Das schafft Spannungen."

Mayer weist darauf hin, dass die meisten europäischen Demokratien als Reaktion auf die Finanzkrise ihre Militärhaushalte gekürzt haben. "Es mag sein, dass auch in Washington entsprechende Kürzungen anstehen, aber dann wird es eher um kleine Abstriche irgendwann in der Zukunft gehen. Bislang schon ist das US-Militär unverhältnismäßig groß, verglichen mit den Nato-Partnern - und diese Unverhältnismäßigkeit wird noch zunehmen."

Der andere Spannungsfaktor bezüglich der Beziehungen betreffe das relative Schrumpfen der amerikanischen Wirtschaft im Verhältnis zum Rest der Welt. Allerdings nicht im Verhältnis zu Europa, denn diese Daten veränderten sich nicht so stark. "Aber der Aufstieg Brasiliens, Chinas und Indiens stellt die Rolle der USA in der Welt infrage. Und das schafft Spannungen in den europäisch-amerikanischen Beziehungen, so, wie sie nach 1945 aufgebaut wurden - mit amerikanischer Dominanz in Politik, Wirtschaft und Militär." Diese Dominanz schwinde.

Mayer bestätigt, dass sich vor allem konservative Amerikaner schwer damit tun, eine multipolare Welt zu akzeptieren. "Sehen Sie sich zum Beispiel die Rhetorik einer Sarah Palin an." Präsident Obama habe am Memorial Day, dem Ehrentag amerikanischer Gefallener, zu den Soldaten gesagt, das US-Militär gehöre zu den besten Kampftruppen, die die Welt je gekannt hat. "Die meisten Europäer und Amerikaner sahen in diesem Satz keine Beleidigung. Sarah Palin schon. Sie gab auf Facebook eine Erklärung ab, in der sie meinte, wie könne der Präsident es wagen, anzudeuten, dass wir nicht d i e beste Kampftruppe aller Zeiten sind. Ein Satz, der von jedem normalen Menschen als überschwängliches Lob gewertet würde, der das US-Militär auf eine Stufe mit der Armee Alexanders des Großen, Cäsars und Napoleons stellt, wurde in eine Beleidigung verwandelt." Offenbar sei die Führung der Republikanischen Partei nicht bereit, Veränderung in der traditionellen Rolle der USA in der Welt hinzunehmen.

Nun wirkt der phänomenale Aufstieg der erzkonservativen Tea-Party-Bewegung, die eine erbitterte Feindschaft zu Barack Obama pflegt, auf viele Deutsche befremdlich. Dieser Aufstieg hänge eng mit der Wirtschaftslage in den USA zusammen, erläutert Mayer. "Eine Arbeitslosenrate von acht oder neun Prozent führt zu einem Anstieg des Populismus. Wir befinden uns in der größten ökonomischen Umwälzung seit der Großen Depression ab 1929. Interessant ist aber, wie rechtslastig dieser Populismus ausfällt."

Erstaunlich ist dabei auch die Karriere einer Sarah Palin bis zur Ikone der Tea Party. Auf viele Deutsche wirkt sie recht dumm, aber ist sie das auch? "Das ist sie", sagt Jeremy Mayer rundheraus. Als seine mögliche Vizepräsidentin habe Obamas Rivale John McCain 2008 eine Frau gewählt, die den "außenpolitischen Durchblick einer Kegelbahnkellnerin hat. Und die intellektuelle Wissbegierde einer Steckrübe."

Gerade habe sie sich anlässlich einer Tour zu den geschichtlich bedeutenden Stätten der USA über den Freiheitshelden Paul Revere (1735-1818) geäußert, der zu den großen Heroen der US-Geschichte zählt. Revere unternahm 1775 einen zur Legende gewordenen Kurierritt von Boston nach Lexington und Concorde, um die amerikanischen Truppen vor den herannahenden Briten zu warnen. Als ein Reporter Sarah Palin nach ihren Erkenntnissen fragte, antwortete sie, sie wisse nun alles über den berühmten Ritt von Paul Revere, mit dem er die Briten gewarnt habe. Palins Anhänger versuchten daraufhin, den Wikipedia-Eintrag über Paul Revere entsprechend zu fälschen.

Mayer ist überzeugt, dass Palin bei den Präsidentschaftswahlen 2012 nicht kandidieren werde; da sie ihrer Partei dann ein ernsthaftes Problem bescheren würde. Wenn es um den republikanischen Herausforderer von Barack Obama gehe, würde Meyer auf Tim Pawlenty setzen, den Gouverneur von Minnesota. Ob Obama sein Amt dann verteidigen könne, hänge wiederum von der Wirtschaftslage ab. "Wenn die Arbeitslosenrate sechs oder sieben Prozent beträgt, verliert Pawlenty haushoch, liegt sie aber bei elf oder zwölf Prozent, gewinnt er vermutlich."