Nachbeben trifft Japan am Gedenktag

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Thomas Frankenfeld

Einen Monat nach der Katastrophe kommt die Erde noch immer nicht zur Ruhe. Regierung weitet Evakuierungszone um Fukushima aus

Hamburg. Am Tag genau einen Monat nach dem verheerenden Tohoku-Beben erschütterten gestern neue starke Erdstöße den Nordosten Japans. In der Stadt Sendai wackelten Gebäude, Menschen rannten in Panik auf die Straßen. Kurz zuvor hatten die Menschen in Japan der Katastrophe vom 11. März gedacht, der vermutlich bis zu 28 000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Helfer und Feuerwehrleute ließen die Arbeit für eine Minute ruhen.

Das Epizentrum des neuen Bebens lag 88 Kilometer östlich des havarierten Atomkraftwerks Fukushima in 13 Kilometer Tiefe. In Fukushima, wo Arbeiter noch immer gegen die Folgen der Kernschmelze ankämpfen und sich verzweifelt bemühen, Brennstäbe zu kühlen, fiel der Strom aus. Die behelfsmäßige Kühlung der Reaktorblöcke 1, 2 und 3 musste für 50 Minuten unterbrochen werden, da die Wasserpumpen ausgefallen waren. Die Arbeiter brachten sich in Sicherheit. Auch 220 000 Haushalte der Region waren von dem Stromausfall betroffen. Das Nachbeben hatte - nach unterschiedlichen Messergebnissen - eine Stärke von 6,6 bis 7,1. Selbst in Tokio gerieten noch Häuser ins Wanken. Die Behörden sprachen eine Tsunami-Warnung für die Präfektur Ibaraki aus, doch die befürchtete bis zu zwei Meter hohe Welle blieb aus - das Wasser stieg nur um einen halben Meter.

Seit dem Tohoku-Beben, das eine Stärke von 9,0 auf der Richterskala erreichte, hat die Erde in der betroffenen Region allein rund 70-mal mit einer Stärke von 6,0 und mehr gebebt.

Angesichts der Strahlungsgefahr, die von dem havarierten Atomkraftwerk noch immer ausgeht, hatte die Umweltschutzorganisation Greenpeace eine Evakuierungszone von 40 Kilometern rund um den Meiler gefordert. Die amerikanische Atomaufsichtsbehörde NRC hatte der Regierung von Ministerpräsident Naoto Kan sogar eine 80-Kilometer-Zone empfohlen. Bislang hatten die japanischen Behörden eine 20-Kilometer-Zone rund um Fukushima eingerichtet. Deren Bewohner, rund 70 000 Menschen, wurden in Sicherheit gebracht; sie dürfen auf unbestimmte Zeit nicht mehr zurückkehren. Zusätzlich hatte die Regierung in Tokio den Menschen geraten, auch eine 30-Kilometer-Zone um die Reaktoren nach Möglichkeit zu verlassen - doch dies war bislang nicht verpflichtend.

Allein eine Ausweitung auf 40 Kilometer würde weitere 130 000 Menschen betreffen, deshalb hat die Regierung bislang gezögert. Doch gestern erklärte Regierungssprecher Yukio Edano, in Regionen jenseits der 20-Kilometer-Evakuierungszone könnte die Strahlung nun 20 Millisievert oder mehr pro Jahr betragen. Edano verwies dabei auf die Stadt Iitate, die 40 Kilometer von Fukushima entfernt liegt.

Diese Gebiete sollten innerhalb eines Monats geräumt werden. Die Stadt Namie und die Orte Katsurao und Iitate sollen vollständig geräumt werden, die Städte Kawamata und Minamisoma teilweise. Der Sprecher empfahl Kindern, Kranken und Schwangeren, ab sofort einen Mindestabstand von 30 Kilometern zum verstrahlten Kraftwerk zu halten. Die bisherige 20-Kilometer-Zone soll offenbar komplett gesperrt werden - dann dürften Menschen auch nicht mehr kurzfristig hierher zurückkehren, um Habseligkeiten aus ihren Häusern beziehungsweise deren Ruinen zu holen.

Erst einen Monat nach dem Beben und dem darauffolgenden Tsunami, der örtlich eine Wellenhöhe von bis zu 23 Metern erreichte und einen ganzen Küstenstreifen zerstörte, besuchte der Chef der umstrittenen Reaktor-Betreiberfirma Tepco, Masataka Shimizu, die schwer verwüstete Region. Er bat um Verzeihung und verneigte sich genau um 14.46 Uhr - dem Zeitpunkt, an dem am 11. März die Erde gebebt hatte. Shimizu hatte angesichts der schweren Havarie in Fukushima offenbar eine Art Zusammenbruch erlitten und war zwischenzeitig in einer Klinik.

Die japanische Öffentlichkeit ist vor allem aufgebracht über das Krisenmanagement von Tepco. Die Firma hatte die Wahrheit über das Ausmaß der Schäden und der Verstrahlung nur äußerst zögernd bekannt gegeben. Zudem hatte Tepco eine viel zu niedrige Flutmauer in Fukushima gebaut und die Diesel-Notpumpen, die bei Ausfall der Stromnetze eine Kühlung der Brennstäbe sicherstellen sollten, nicht gegen eine Flutwelle abgedichtet - sie fielen sofort aus. Der Gouverneur der Provinz Fukushima, Yuhei Sato, weigerte sich, den Tepco-Chef zu empfangen.

Die Regierung rechnet mit einer Schadenssumme von mindestens 210 Milliarden Euro. Noch immer leben 300 000 Menschen in Notunterkünften, die Hälfte von ihnen hat ihre Häuser verloren, die übrigen sind geflohen. 14 300 Menschen werden noch immer vermisst, die hoch aufgetürmten Trümmer von Häusern, Autos, Schiffen und anderem erschweren die Suche. 13 000 Todesopfer wuren bisher bestätigt.

"Das ist ein Neubeginn japanischer Lebensweise", sagte Japans Botschafter in Berlin, Takahiro Shinyo, über die Katastrophe. Die Gesellschaft müsse umdenken. Auch über die Sicherheit von Atomkraftwerken müsse nachgedacht werden, sagte der Diplomat.

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