Wahlen in Weißrussland

Radioreporterin wird live verhaftet

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"Mich schlägt die Polizei", rief die Reporterin noch, dann brach das Live-Interview ab. Die Wahlen in Weißrussland sollen manipuliert worden sein.

Minsk. D ie prominente Journalistin Irina Chalip wurde in Minsk live während ihrer Sendung festgenommen. „Mich schlägt die Polizei“, schrie sie noch mit schmerzverzerrter Stimme, bevor die Verbindung bei einem Live-Interview im Radio abbrach. Wütende Lukaschenko-Gegner hatten am Sonntag versucht, Regierungsgebäude zu stürmen.

„Wenn die Wahlbüros schließen, gehen wir auf die Straße“, hatte Oppositions-Kandidat Wladimir Nekljajew bei der Stimmabgabe angekündigt. Nach der von Fälschungsvorwürfen überschatteten Präsidentenwahl in Weißrussland ist es dann gestern Abend tatsächlich zu schweren Ausschreitungen gekommen. Aus Protest gegen den von Staatsmedien verkündeten Wahlerfolg des autoritär regierenden Staatschefs Alexander Lukaschenko, 56, zogen rund 40 000 Regimegegner in Minsk vor ein Regierungsgebäude und versuchten, die Zentrale Wahlkommission zu stürmen. Die Polizei griff hart durch. Es gab Verletzte. Bei den Auseinandersetzungen wurde unter anderem der oppositionelle Präsidentschaftskandidat Witali Rymaschewski am Kopf verletzt.

Die Regierung hatte schon im Vorfeld Kundgebungen verboten und in den vergangenen Tagen Militär und gepanzerte Fahrzeuge in Minsk zusammengezogen. Kritiker werfen Lukaschenko vor, seine Gegner mit Einschüchterungen und Repressionen unter Druck zu setzen. Studenten, Soldaten oder Arbeiter sollen unter schweren Drohungen gezwungen worden sein, für Lukaschenko abzustimmen.

Zuvor war der Herausforderer Wladimir Nekljajew auf dem Weg zu der nicht genehmigten Kundgebung von Sicherheitskräften krankenhausreif geprügelt worden. Im Zentrum von Minsk hatten sich nach Schließung der Wahllokale trotz Demonstrationsverbots Tausende Menschen versammelt. Lukaschenko erhielt bei Wählerbefragungen 79,1 Prozent der Stimmen. Die Regierungskritiker versammelten sich auf dem zentralen Oktoberplatz trotz der massiven Polizeipräsenz. Sie schwenkten die alten rot-weiß-roten Fahnen und riefen "Lang lebe Weißrussland!" und "Wir wollen die Wahrheit!". Redner behaupteten, Lukaschenko habe die absolute Mehrheit klar verfehlt und müsse sich einer Stichwahl stellen.

Bei dem Angriff auf Nekljajew seien Dutzende seiner Mitstreiter festgenommen worden, meldete die unabhängige Agentur Belapan. Die Polizei widersprach, sagte, es habe keine Festnahmen gegeben. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) gibt heute ihre Einschätzung zu der Wahl bekannt. (dpa)