Angekündigte Koran-Verbrennung in den USA

Ein Kleinstadtprediger zündelt am Weltfrieden

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Egbert Nießler

Foto: dpa / dpa/DPA

Terry Jones, Pastor einer Christengemeinde in Florida, will den Koran verbrennen und lässt sich durch Proteste nicht beeindrucken.

Hamburg. Ein Kleinstadtprediger lehrt die Welt das Fürchten. Mit seinem Aufruf zur öffentlichen Koran-Verbrennung am Jahrestag der Anschläge vom 11. September lässt Terry Jones, der Pastor einer kleinen fundamentalistischen Christengemeinde in Florida, die mächtigsten Amtsträger der Welt machtlos aussehen. Er ignoriert alle Appelle, von seinem Vorhaben abzulassen, und scheint nach amerikanischem Recht nicht zu stoppen zu sein.

US-Außenministerin Hillary Clinton bezeichnet das am Sonnabend geplante Verbrennen des Korans als "respektlosen, schändlichen Akt". Justizminister Eric Holder nennt das Vorhaben "idiotisch und gefährlich". Der Nato-Oberbefehlshaber in Afghanistan, David Petraeus, und der afghanische Präsident Hamid Karsai haben am Mittwoch über die geplante Koran-Verbrennung durch eine Kirchengemeinde in Florida beraten. "Sie stimmen beide darin überein, dass die Verbrennung unser Bemühen in Afghanistan untergräbt und die Sicherheit der Koalitionstruppen sowie der Zivilbevölkerung gefährdet", sagte der Sprecher der Streitkräfte, Erik Gunhus.

"Man kann die verwerflichen Gewalttaten (des 11. September) nicht damit heilen, dass man die Heilige Schrift einer anderen Religion grob beleidigt", kritisierte der Vatikanische Rat für den Interreligiösen Dialog. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sprach von einer "unerträglichen Provokation". Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, äußerte die Sorge, "dass mit solchen intoleranten Angriffen das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen in vielen Teilen der Welt gefährdet wird". Die Präsidentin des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, erinnerte an die Bücherverbrennungen der Nazis 1933. "Die Vorstellung ist schrecklich und abstoßend", sagte sie in München.

Der weltweite Wirbel steht in gewissem Missverhältnis zur Anhängerschaft des Mannes: Jones' Gemeinde in Gainsville/Florida zählt nur etwa 50 Mitglieder. Jones sieht sich in der Tradition biblischer Propheten. Den 58-Jährigen treibt nach eigenen Angaben die Furcht vor einer Abkehr der USA vom wahren christlichen Glauben. Insbesondere den Islam sieht Jones als dämonische Kraft, die es auf die Schwächung seines Landes abgesehen habe. Seine Botschaft: Der Islam selbst - und nicht nur dessen verzerrte Auslegung durch Radikale - führe zu Gewalt und erfordere deshalb Gegenwehr. "Wenn ihr uns angreift, greifen wir euch an", sagt Jones den Muslimen.

Pastor Jones hat nach eigenen Angaben schon mehr als 100 Todesdrohungen erhalten und trägt seit Kurzem eine Pistole. Die ersten Drohungen habe er schon im Juli erhalten, als er zu einem "Internationalen Verbrennt-den-Koran-Tag" aufgerufen hatte. Der Bürgermeister von Gainesville, hat den 11. September in seiner Stadt zu einem interreligiösen Solidaritätstag ernannt. Bürgermeister Craig Lowe ist in Auseinandersetzungen mit Terry Jones bereits geübt: Weil er offen zu seiner Homosexualität steht, wurde Lowe bereits das Ziel von Demonstrationen, die Terry Jones angeführt hatte.

Die Koran-Aktion des Predigers hat Lowe mit Brandschutzargumenten untersagt. Vermutlich wird das erfolglos bleiben. Denn mit amerikanischen Gesetzen kann Jones offensichtlich nicht gestoppt werden. Seit das oberste Gericht das Verbrennen der Nationalflagge als einen Akt der freien Meinungsäußerung anerkannt hat, wird es das Verbrennen eines Buches kaum anders einstufen können. Und die Meinungsfreiheit ist den Amerikanern mindestens so heilig wie der Koran.

Terry Jones hat auch eine deutsche Vergangenheit. Er war lange in Köln als Seelsorger tätig. Das bestätigte die Christliche Gemeinde Köln gestern. Gleichzeitig verurteilte die Kölner Gemeinde sein Vorhaben scharf. "Wir distanzieren uns von dieser Aktion und möchten damit nicht in Verbindung gebracht werden", sagte der zweite Vorsitzende der freikirchlichen Glaubensgemeinschaft, Stephan Baar. Zwischen der Gemeinde und Jones sei es 2008 zum Bruch gekommen. Seitdem gebe es keinen Kontakt mehr.

Jones hatte die Christliche Gemeinde Köln als charismatische Gemeinschaft von Bibelfundamentalisten in den 80er-Jahren gegründet - angeblich, nachdem er ein Zeichen Gottes erhalten hatte. 2002 verurteilte ihn das Kölner Amtsgericht wegen Führens eines falschen Doktortitels zu einer Geldbuße von 3000 Euro. Nach Angaben von Baar gab es später finanzielle Unregelmäßigkeiten in der Gemeinde, mit denen Jones in Verbindung gebracht wurde. Daraufhin habe sich die Gemeinde Anfang 2008 von ihm getrennt. Jones habe als Pastor nicht die biblischen Maßstäbe und Werte nach außen getragen, sondern vielmehr sich selbst als Persönlichkeit, sagte Baar.

In Kabul hat die Ankündigung der Koran-Verbrennung bereits zu Protesten geführt. Einige Hundert Demonstranten verbrannten eine Jones-Puppe und skandierten "Tod Amerika". Aus Kreisen des afghanischen Geheimdienstes hieß es gestern, man habe Informationen darüber, dass die Taliban am Sonnabend aus Rache einen spektakulären Anschlag in Kabul planten. Der Päpstliche Rat für Interreligiösen Dialog verurteilte die geplante Koran-Verbrennung gestern aufs Schärfste und sprach von einer "schwerwiegenden Beleidigung".