Obamas Plan für Afghanistan-Abzug gerät in Gefahr

Auch die baldige Schließung des Lagers Guantánamo wird immer unrealistischer

Hamburg/London. Nach der spektakulären Entlassung des amerikanischen Afghanistan-Kommandeurs Stanley McChrystal durch US-Präsident Barack Obama rätselt man nicht nur in Washington, was den Vier-Sterne-General dazu getrieben haben mag, in so drastischer Weise über die Regierung in Washington herzuziehen. Aber offenbar hat McChrystal noch an anderer Stelle seinen Frust herausgelassen.

Wie der angesehene Londoner "Independent" schrieb, seien die abfälligen Bemerkungen des Generals über Obama und mehrere Kabinettsmitglieder keineswegs der einzige Grund für seine Entlassung gewesen.

McChrystal habe einige Tage zuvor in einer Konferenz der Nato-Verteidigungsminister eine äußerst pessimistische Beurteilung der Lage am Hindukusch abgegeben, schrieb das Blatt. So habe er gesagt, eine Besserung in den kommenden sechs Monaten sei unwahrscheinlich. Damit habe er Obamas Pläne durchkreuzt, ab Juli 2011 mit dem Truppenabzug aus Afghanistan zu beginnen - rechtzeitig also vor den nächsten US-Wahlen. Der aufgebrachte Obama habe nur noch einen Anlass gesucht, um McChrystal zu feuern.

Nun allerdings hat mit Obamas früherem Afghanistan-Berater Bruce Riedel ein weiteres Schwergewicht Zweifel an dessen Zeitplan angemeldet. Riedel diente mehreren US-Administrationen als Nahost- und Terror-Experte. Er war in führenden Positionen bei der CIA und dem Geheimdienst NSA tätig.

Gegenüber dem "Spiegel" sagte Riedel nun, zu dem von Obama angepeilten Termin Juli 2011 werde es wohl keinen größeren Truppenabzug geben können. Riedel bezieht sich dabei auf entsprechende Äußerungen von General David Petraeus, dem bisherigen Vorgesetzten von McChrystal und designierten Nachfolger als Kommandeur am Hindukusch. Obama selber hatte unmittelbar nach McChrystals Entlassung noch an seinem Zeitplan festgehalten, inzwischen jedoch den Juli 2011 nur als "Beginn einer Übergangsphase" bezeichnet und dazu gesagt, es sei nie davon die Rede gewesen, "dass wir dann das Licht ausmachen und die Tür hinter uns schließen".

Auch von einem weiteren Plan nimmt der Präsident offenbar Abstand. So berichtete die "New York Times", unter Berufung auf mehrere US-Senatoren, es sei unwahrscheinlich, dass das Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba noch vor Ende von Obamas Amtszeit 2013 geschlossen werden könne. Die Regierung tue wenig, um die Widerstände gegen eine Schließung zu überwinden. Obama hatte im Wahlkampf versprochen, das umstrittene Lager bis Januar 2010 zu schließen.