Weiter so in Afghanistan

US-Präsident Obama setzt auf militärische Kontinuität, aber die Kritik wird lauter

Hamburg/Washington. Der Brite Sir Sherard Cowper-Coles ist einer der erfahrensten Diplomaten, wenn es um den Nahen Osten und Afghanistan geht. Es spricht unter anderem fließend Arabisch, Hebräisch und Paschtu, hatte führende Positionen im Außenamt inne, war Botschafter in Israel, Saudi-Arabien und Afghanistan. Bis vor wenigen Tagen war er Sonderberater der Regierung in London für Afghanistan. Bis er seinen Posten jetzt verlor - kurz bevor der amerikanische Afghanistan-Kommandeur General Stanley McChrystal von US-Präsident Barack Obama gefeuert wurde.

Doch während McChrystal Obama in unzulässiger Weise angegriffen hatte, kritisierte Sir Sherard die Strategie des US-Generals. Offenbar einmal zu viel hatte der Brite keinen Hehl aus seiner Überzeugung gemacht, dass der militärische Ansatz der US-Regierung zum Scheitern verurteilt sei. Je eher man dies in Washington begreife, je eher man sich wieder einer diplomatischen Lösung nähere, umso besser für alle Beteiligten, sagte er.

Bereits als britischer Botschafter in Kabul hatte Cowper-Coles großen Unmut der Amerikaner erregt, als er meinte, der Krieg am Hindukusch sei militärisch nicht zu gewinnen, man müsse mit den Taliban verhandeln.

Dieser Lösungsansatz jedoch wird im Weißen Haus und im Pentagon bislang nur unter dem Tisch gehandelt. Mit der Ernennung von General David Petraeus zum Nachfolger von McChrystal als Kommandeur der Truppen in Afghanistan bekennt sich Obama zur strategischen Kontinuität. Denn das Konzept von McChrystal ist im Prinzip eine Kopie der Strategie, mit der Petraeus als Kommandeur der US-Truppen im Irak relativen Erfolg hatte. Petraeus hat die Strategie für Afghanistan entscheidend mit beeinflusst. Für den hoch angesehenen General, der für seine Erfolge im Irak zum Kommandeur des Central Command berufen wurde - der übergeordneten Befehlsebene, in deren Zuständigkeit auch Afghanistan fällt -, ist der neue Job höchst riskant. Zum einen ist das Front-Kommando rangmäßig eine Degradierung, zum anderen könnte Petraeus bei einem Scheitern sein enormes Renommee verspielen. Doch nur der populäre und politisch einflussreiche Petraeus ist in der Lage, das gefährliche Vakuum zu füllen, das durch die Ablösung von McChrystal entstanden ist. Denn auch Petraeus ist schließlich Vater der gültigen US-Strategie. Vergeblich hatte sich der afghanische Präsident Hamid Karsai bei Obama dafür eingesetzt, McChrystal im Amt zu halten. Petraeus ist ein mehr als adäquater Ersatz.

Das Kernproblem ist, dass die Strategie einer massiven Truppenverstärkung zum Niederkämpfen der Taliban bei gleichzeitiger Schonung der Zivilbevölkerung nicht funktioniert. Rund 50 000 zusätzliche Soldaten hat Obama an den Hindukusch in Marsch gesetzt - bislang ohne durchschlagenden Erfolg. Die Offensive auf Stadt und Gebiet von Mardscha im Frühjahr zeigte die Schwierigkeiten: Die Taliban wichen nahezu kampflos aus, kehrten zurück, sobald die US-Truppen abgezogen waren, und terrorisierten die Bevölkerung. McChrystal bezeichnete Mardscha zuletzt als "blutendes Geschwür". Und Mardscha sollte die erfolgreiche Generalprobe für die Entscheidungsoffensive auf die Taliban-Hochburg Kandahar in diesem Monat sein. Doch nach den trüben Erfahrungen in Mardscha und angesichts einer immer feindseligeren afghanischen Bevölkerung ist die Großoffensive auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

"Die Fakten auf dem Boden sind nicht gerade großartig", räumte die McChrystal-Beraterin Celeste Ward von der US-Denkfabrik Rand Corporation ein. Und ein anderer Berater des abgelösten Kommandeurs, der frühere CIA-Agent Mark Sageman, sagte nach Angaben des Londoner "Guardian" sogar etwas ganz Unerhörtes: "Afghanistan ist nicht unser vitales Interesse - für uns gibt es da nichts." McChrystal, so urteilte der "Guardian", sei der "falsche General mit dem falschen Plan zur falschen Zeit am falschen Ort" gewesen. Die Arroganz seiner Eliteeinheit, die das Hauptquartier stellte, habe nicht verdecken können, dass seine Strategie zur Aufstandsbekämpfung einfach nicht genug gebracht habe.

Der "Spiegel" verglich die Ernennung von Petraeus mit einem "Hail Mary Pass". Das ist ein weiter Verzweiflungsschuss im Football, bei dem man hofft, dass er wider Erwarten irgendwie zwischen die Pfosten geht - Augen zu und ein Ave Maria gesprochen.

Petraeus erbt von McChrystal ein weiteres Problem, das sich bedrohlich verschärfen könnte. Nicht genug, dass führende Politiker wie Vizepräsident Joe Biden strikt gegen diese Strategie sind - es grummelt auch in der Truppe.

McChrystals Strategie beinhaltet die Schonung der Zivilbevölkerung. In den Jahren davor hatten die US-Truppen mit Bombardements und Artillerieangriffen Tausende Zivilisten in den Tod gerissen. Denn die Taliban operieren eben gern im Schutz von Dörfern und zivilen Einrichtungen. Seitdem Bombardements sehr eingeschränkt wurden und Bodentruppen die Widerstandsnester ausräuchern müssen, steigt die Zahl der Todesopfer bei Amerikanern und Briten enorm. Fast 1800 Tote haben die USA schon zu beklagen, mehr als 300 die Briten.

Die alliierten Soldaten sehen nicht ein, dass sie ihr Leben riskieren sollen, um das der Afghanen zu schonen. Deren Herzen und Hirne zu gewinnen sei eben eine "kaltblütige Angelegenheit", sagte General McChrystal einem Soldaten, der sich beschwerte, und fügte hinzu: "Aber die Russen haben eine Million Afghanen getötet - und es hat nicht funktioniert."

"Die Truppe hasst es", zitierte die "New York Times" einen US-Oberst, "im Moment verlieren wir auf taktischer Ebene den Kampf, der zu einem strategischen Sieg führen soll. Wie lange soll das denn gut gehen?"