Nach dem Erdbeben

"Jede Sekunde bangen wir, ob unsere Verwandten in Haiti überlebt haben"

Es war 0.18 Uhr, der Mittwoch war noch jung, als sie von dem schweren Beben hörte, das die Erde in Haiti heftig zittern ließ und die ganze Welt erschütterte. Es war kurz nach Mitternacht, als in der Wohnung der TV-Journalistin Vanessa Banaschewski (36) im Schanzenviertel das Telefon klingelte und ihre Mutter Régine, die vor 42 Jahren aus dem kleinen Karibikstaat nach Norddeutschland gezogen war, am anderen Ende der Leitung weinte. "Ich habe sofort den Fernseher eingeschaltet", sagt Vanessa Banaschewski. "Furchtbare Bilder zogen vorbei, die so unwirklich erschienen wie Szenen eines Katastrophenfilms."

Seitdem ist die Halb-Haitianerin in Sorge. Um ihre 92-jährige Großmutter Lilian, die in Port-au-Prince in einem Altenheim lebt. Um ihren Cousin Laurent und seine Familie. Um die 200 Kinder, die jene Schule besuchen, die die Hilfsorganisation Haiti-Care, deren Botschafterin Banaschewski ist, 2003 aufgebaut hat. "Die Telefonleitungen brechen meist sofort zusammen, aber vor zwei Tagen habe ich doch endlich die Stimme meiner Oma gehört."

Vanessas Eltern wären am Tag des Bebens eigentlich in Haiti gewesen, wo sie sich einen Alterssitz gebaut haben. "Wir haben die Reise spontan verschoben, um unserer Tochter beim Umzug zu helfen", sagt Régine Dreckmann (64). "Was für eine Fügung." Wann sie das nächste Mal in ihre Heimat fliegen wird, weiß sie noch nicht. Das Land, das ärmste der westlichen Hemisphäre, habe sich in den vergangenen Jahren langsam entwickelt. "Doch jetzt ist alles wieder zerstört."