Vor der Ehe nicht einmal ein Kuß

Bibeltreu: Immer mehr Paare in USA halten sich an strenge Regeln

New York. Romantischer könnte die Umgebung für einen Heiratsantrag nicht sein: Auf dem Turm einer Burg kniet sich Oriel O'Gorman (23) hin, um Heather Pardee (23) zu bitten, seine Frau zu werden. Kerzen flackern im Wind, der Boden ist mit Rosenblättern bestreut. Zum ersten Mal sagt er ihr, daß er sie liebt. Doch geküßt haben sie sich noch nie. Damit warten sie, bis sie demnächst vor den Traualtar treten.

Die beiden tief religiösen Protestanten gehören zu einer Gruppe junger Evangelikaler in den USA, die sich bewußt für das "biblical courtship" entschieden haben, das biblische Umwerben. Die strengen Regeln schreiben vor, auf körperlichen Kontakt vor der Ehe zu verzichten. Die Paare halten noch nicht einmal Händchen. Sie treffen sich nur im Beisein von Familienmitgliedern, die auf die Einhaltung der Regeln achten.

Für die Lehrerin Heather war immer klar, daß sie auf den einen Mann in ihrem Leben warten wollte: "Ich wußte, daß mir Gott auch in dieser Frage den Weg weisen würde." Für Oriel war Heathers tiefe Religiosität ausschlaggebend: "Ich fühlte mich nicht wegen ihrer körperlichen Attraktivität zu ihr hingezogen, obwohl sie ohne Zweifel sehr attraktiv ist, sondern weil sie eine innige Beziehung zu Gott hat", sagt der junge Mann, der nach seinem Studium wie sein Vater Pastor in Nordirland werden will.

Das biblische Werben sei "radikal anders und auf stolze Weise altmodisch - so alt wie die Bibel", schreibt der Baptist und Psychotherapeut Don Raunikar in seinem Buch "Choosing God's Best". Das normale Dating schaffe dagegen eine Unzahl von Problemen: "Gebrochene Herzen, uneheliche Kinder, Abtreibungen, sexuell übertragene Krankheiten und Gefühle von Scham und Schuld, die oft ein Leben lang anhalten." In Büchern wie "I Kissed Dating Good-Bye" oder "Boy Meets Girl" propagieren evangelikale Autoren das traditionelle Werben um den künftigen Ehepartner. Damit versuchen die Führer der religiösen Rechten, die Bastion der Ehe zu retten. Denn trotz vieler frommer Sprüche ist die Scheidungsrate unter Amerikas weißen Evangelikalen, die etwa 26 Prozent der Bevölkerung ausmachen, keineswegs niedriger als im Landesschnitt. In den letzten zehn Jahren leisteten Millionen von jungen Evangelikalen den "True Love Waits"-Eid und gelobten, bis zur Hochzeit keinen Sex zu haben. Eine Studie ergab jedoch, daß 88 Prozent ihren Eid nach kurzer Zeit brachen.

Natürlich sei es gut, wenn junge Menschen Kontakt zu anderen jungen Menschen hätten, sagt Pastor Joshua Harris (31), dessen 1997 erschienenes Buch "I Kissed Dating Good-bye" sich bereits eine Million Mal verkaufte: "Ich bin jedoch der Meinung, daß sich Menschen nicht immer gleich romantisch ausprobieren müssen. Es muß doch nicht immer eine enge Eins-zu-eins-Liebesbeziehung sein, um sich gegenseitig kennenzulernen."

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