"Ich werde der nächste Zar von Rußland"

Romanow: Einstige Herrscherfamilie will sich stärker in ihrer Heimat engagieren. Großfürst Georgij plant Höheres:. Der Anspruch des jungen Großfürsten erscheint zwar wenig aussichtsreich, doch er lenkt den Blick auf die Frage: Wer ist wer in dem Kaisergeschlecht, fast 100 Jahre nach dem Sturz der Monarchie?

Hamburg. Er ist 24 Jahre alt, mittelgroß, dunkelhaarig und im Sternzeichen Fische geboren. Er kann so gut reiten wie schießen, spricht fünf Sprachen und bewundert Michael Jackson. Er lebt in einer Prachtwohnung in Paris und sagt: "Ich werde der nächste Zar von Rußland. Ich werde es in eine glückliche Zukunft führen." Geschult, gelenkt, gefördert von einer schwerreichen, überaus ehrgeizigen Mutter, hält sich Georgij Michailowitsch Romanow bereit, den Thron des ehemals größten Kaiserreichs zu besteigen.

Nicht gleich eine Wiedererrichtung der Monarchie, aber immerhin neue Aufgaben in der alten Heimat übernehmen wollen auch andere Mitglieder der weltweit verstreuten Adelssippe. "Die Romanows", sagte kürzlich Alexander Sakatow, Kanzleichef der einstigen Herrscherfamilie, in Rostow, "können Rußland mit ihrem historischen Potential, ihren dynastischen Verbindungen mit dem Ausland und ihrer geistigen Autorität sehr nützen."

Schon jetzt sammelt die von sieben Prinzen 1992 in England und Wales gegründete Familienstiftung "The Romanoff Fund for Russia" auf der ganzen Welt Spenden für wohltätige und kulturelle Zwecke sowie Bildungsprojekte in Rußland und anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Bisher bedachte die Stiftung blinde Kinder in St. Petersburg, Gehörlose in Kiew sowie behinderte Kinder und Senioren in Moskau, Kostroma, Jaroslawl, Jekaterinburg, Irkutsk, Almati und Taschkent.

Der junge Großfürst Georgij aber, ein Urururenkel des Zaren Alexander III. (1881-1894), will mehr - ganz nach dem Wunsch der engsten Verwandten, in deren Biographien sich die Katastrophen und Krisen Europas im 20. Jahrhundert spiegeln. Großvater Kyrill (1876-1938) heiratete 1905 am Tegernsee die sechs Wochen jüngere Victoria Melita, die nach der Trauung Viktoria Fedorowna hieß. Sie war eine Enkelin Queen Victorias und schenkte ihrem Ehemann einen Sohn und zwei Töchter. In den Wirren der Oktoberrevolution 1917 entkam Großfürst Kyrill mit seiner Familie als einer von wenigen nahen Verwandten des letzten Zaren Nikolaus II. (1868-1917), der mit seiner Familie nach Jekaterinburg in den Ural verschleppt und dort ermordet wurde.

1922 proklamierte Kyrill sich in der Bretagne zum Herrscher aller Reußen mit der Anrede "Kaiserliche Hoheit". Sein Sohn Wladimir (1917-1992), in Finnland geboren, schloß 1938 die Ehe mit Prinzessin Leonida Bagration-Mukhransky aus der Familie des berühmten Feldherrn Pjotr Iwanowitsch Bagration aus dem Krieg gegen Napoleon. Die Prinzessin war zuvor mit Sumner Moore Kirby verheiratet gewesen, Sohn des "Woolworth"-Mitbegründers Fred Morgan Kirby. Der Millionenerbe aus Pennsylvania wurde nach dem Einmarsch der Nazis in Frankreich verhaftet und später in einem Unterlager des KZ Buchenwald von einem polnischen Wächter ermordet.

1953 kam Prinzessin Leonida in Madrid mit Tochter Maria nieder. 23 Jahre später heiratete die junge Millionenerbin den um zehn Jahre älteren Investmentbanker und Immobilienberater Prinz Franz Wilhelm von Preußen, einen Urgroßneffen des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. Am 13. März 1981 kam Sohn Georgij Michailowitsch, der umstrittene Thronprätendent, zur Welt.

Zwar erklärte gleich darauf der damalige Vorsitzende der "Romanoff Family Association", Prinz Wassilij Alexandrowitsch, daß "der neugeborene Prinz weder ein Mitglied der russischen Kaiserlichen Familie noch der Familie Romanow ist". Doch die Abfuhr konnte den Elan der ehrgeizigen Verwandten nicht bremsen: "Rußland wird wieder ein Kaiserreich, so wahr mir Gott helfe!" rief Großfürst Wladimir bei einer Rede in Miami. "Wenn ich diesen Tag erlebe, ist mein Enkel Georgij der neue Zar von Rußland!" Mehr konnte der alte Herr dazu nicht beitragen: Noch während der Ansprache griff er sich an die Brust und sackte vor den Kameras tot zusammen - Herztod mit 74 Jahren.

Der hoffnungsvolle Enkel reist seit seinem 14. Lebensjahr regelmäßig nach Rußland und läßt sich mit seiner Mutter auch gern mal vor dem riesigen Sommerpalast der Zaren in Zarskoje Selo bei St. Petersburg fotografieren. Dort und in Paris umgibt ihn ein Schwarm von Bewunderern, die versuchen, das Flair des Zarentums mit Klubs, Bällen oder privaten Kadettenanstalten wiederzubeleben. Einige kämpfen auch um die Rückgabe enteigneter Familiengüter. Großfürst Georgijs Vater lebt heute in Berlin als Hauptaktionär seiner "Franz Wilhelm von Preußen AG", die 2004 nach monatelangem Bieterverfahren mit Hilfe einiger Freunde vom Land Berlin die "Königliche Porzellan Manufaktur" (KPM) erwarb.

Die Aussichten des Möchtegern-Zaren indes scheinen wenig verheißungsvoll: Waren früher immerhin 13 Prozent der Russen für einen neuen Zaren, sind es zur Zeit nur noch neun. Und Kanzleichef Sakatow betonte ebenso eilig wie nachdrücklich: "Wenn Mitglieder der Familie Romanow jetzt wieder nach Rußland kommen, geht es auf keinen Fall um eine Rückkehr zur Monarchie." Immerhin schreiben auch die Regeln der "Romanoff Family Association" vor, daß "alle Fragen der Regierungsform Rußlands und ebenso alle dynastischen Fragen nur nach dem Willen des russischen Volkes und auf der Grundlage allgemeiner, direkter und geheimer Wahlen gelöst werden" können.

Andere Mitglieder der Familie, die dem Thron teils näher stehen als der junge Georgij, haben längst von sich aus ihren Verzicht erklärt. "Ich bin nicht interessiert", sagt beispielsweise Prinz Paul Romanow-Ilynsky (77), in den 90er Jahren Bürgermeister von Palm Beach. "Mir genügt die demokratische Anrede ,Euer Ehren'." Sein Vater Dimitri Pawlowitsch Romanow war ein besonders illustres Beispiel für die Weltläufigkeit des Adelshauses: Er war 1916 bei der Ermordung Rasputins dabei, handelte im Exil mit Champagner und hatte eine Liaison mit Coco Chanel.

Prinz Nikolaus (83) indes, der gegenwärtige Chef des Hauses Romanow, will offenbar noch nicht alle Ansprüche für alle Zeiten aufgeben. "Die einzig sinnvolle Staatsform ist die Republik", erklärte er, fügte aber hinzu, daß es "zwei Generationen dauern wird, bis Rußlands Probleme gelöst sind. Erst dann kann man prüfen, ob eine Monarchie wieder eine Chance hätte."