Wassermangel - schon 6000 Tote pro Tag

UNO-Alarmbericht: Immer weniger Trinkwasser für immer mehr Menschen: "Milliarden sind betroffen, keine Region bleibt verschont."

Tokio/Paris. Der Weltbevölkerung droht ein katastrophaler Wassermangel. In den nächsten 20 Jahren wird jedem Menschen durchschnittlich ein Drittel weniger Trinkwasser zur Verfügung stehen als heute. Bis zu sieben Milliarden der im Jahre 2050 zu erwartenden 9,3 Milliarden Erdbewohner werden von der akuten Knappheit betroffen sein. Schon heute sterben jährlich mehr als zwei Millionen Menschen, weil es ihnen an trinkbarem Wasser fehlt. Es ist ein dramatisches Szenario, das die UNO-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) in ihrem gestern in Paris und Tokio veröffentlichten ersten Welt-Wasserbericht zeichnet. Die Krise verschone keine Region und erfasse "jeden Aspekt des Lebens, von der Gesundheit der Kinder bis zur Fähigkeit der Nationen, ihren Bürgern Nahrungsmittel zu sichern", mahnte Unesco-Generaldirektor Koichiro Matsuura. Während die weltweiten Vorräte immer weiter zurückgingen, steige der Bedarf dramatisch an. Der Verbrauch habe sich bereits in den vergangenen 50 Jahren fast verdoppelt. Dabei verbrauche ein Kind in den Industrienationen 30- bis 50- mal so viel wie ein Kind in den Entwicklungsländern. In rund 20 Staaten der Erde müssen die Bevölkerungen mit weniger als dem von der UNO angenommenen Minimum von 1000 Kubikmeter pro Kopf und Jahr auskommen. Die meisten der 25 Staaten, in denen die Quote der Menschen ohne sicheren Zugang zu Trinkwasser am höchsten ist, liegt in Afrika. Der Klimawandel werde zur weiteren Verknappung des Wassers um etwa 20 Prozent beitragen. Die Qualität sinke mit steigenden Wassertemperaturen und zunehmender Verschmutzung. Derzeit würden jeden Tag zwei Millionen Tonnen Abfall in Flüsse und Seen geleitet. 12 000 Kubikkilometer Frischwasser seien verschmutzt. 2050 dürften es schon 18 000 sein, wenn die Verschmutzung im gleichen Maße wie die Weltbevölkerung wachse (ein Kubikkilometer sind eine Billion Liter). Weiter heißt es in dem 600seitigen Bericht: "Jeden Tag sterben 6000 Menschen, vor allem Kinder unter fünf Jahren, an Durchfallerkrankungen." Die größte Gesundheitsgefahr droht in Großstädten mit schlechter oder fehlender Abfall- und Abwasserwirtschaft. Besonders betroffen sind afrikanische Städte, wo in 116 untersuchten Metropolen nur knapp 20 Prozent der Behausungen an eine Kanalisation angeschlossen sind. Auf einer Unesco-Rangliste, die die aktuelle Wasserqualität sowie die Fähigkeit und den Willen zur Verbesserung der Situation berücksichtigt, liegt Belgien ganz am Ende, noch hinter Marokko, Indien und Jordanien. Die Spitzenplätze belegen Finnland, Kanada, Neuseeland und Großbritannien. Deutschland liegt unter 120 Staaten auf Rang 57, die Schweiz auf dem 16. Platz. Bei den erneuerbaren Wasser-Ressourcen rangiert Grönland mit mehr als 10,7 Millionen Kubikmetern pro Kopf und Jahr weit vor Alaska (1,56 Millionen), Französisch-Guyana (812 121) und Island (609 319). Deutschland (1878) wird zwischen Indien und Puerto Rico auf Platz 134 geführt, die Schweiz auf Platz 77 (7462 Kubikmeter). Schlusslichter sind die Vereinigten Arabischen Emirate (58), der Gazastreifen (52) und Kuwait (10 Kubikmeter). Zur Abwendung der Wasserkrise sind nach UNO-Einschätzung jährlich Ausgaben zwischen 50 und 100 Milliarden Dollar notwendig. Die Summe klinge zunächst horrend, doch angesichts der 30 Milliarden Dollar, die jährlich für Freizeitaktivitäten wie Golf ausgegeben oder der zwölf Milliarden Dollar, die in Hunde- und Katzenfutter investiert würden, sei sie vergleichsweise "winzig", sagte UNO-Experte Gordon Young bei der Vorstellung des Berichts, der die Grundlage für den Welt-Wassergipfel vom 16. bis 23. März in Kyoto liefert.