Briefe aus dem Gefängnis

Der Sohn des einstigen Oligarchen Michail Chodorkowski war in Berlin, um das Buch seines Vaters vorzustellen

Berlin. Die Bundesjustizministerin nahm kein Blatt vor den Mund. Wenn der russische Machtapparat jemanden zu seinem Feind erklärt habe, sagte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger gestern, dann setze er alles in Bewegung, um diesen Feind "kleinzumachen und zu demütigen". Die FDP-Politikerin nannte keine Namen, aber weil sie das Wort "Telefonjustiz" benutzte, wusste auch so jeder, wer gemeint war: Russlands Premier Wladimir Putin, der an der Spitze dieses Machtapparats steht und der den einstigen Oligarchen Michail Chodorkowski Ende der Neunzigerjahre gewissermaßen zum Staatsfeind Nummer eins erklärt hat.

Seit Oktober 2003 ist Chodorkowski, der 1997 mit dem Ölkonzern Jukos zu einem der mächtigsten Männer der Welt aufstieg, Russlands berühmtester Häftling. Putin selbst soll den Richter angerufen und ihm gesagt haben, wie er sich das Urteil vorstelle. In einem ersten Verfahren wurde Chodorkowski wegen Steuerhinterziehung und Betrugs zu acht Jahren Straflager verurteilt, und als er die Strafe fast verbüßt hatte, überzog man ihn mit einem zweiten Prozess wegen angeblicher Geldwäscherei und Unterschlagung. Ende 2010 wurde der inzwischen 47-Jährige erneut schuldig gesprochen. Strafmaß: weitere sechs Jahre.

"Seitdem ich begriffen habe, dass ich auf absehbare Zeit nicht freikommen werde, ist die Angst von mir abgefallen", schreibt Michail Chodorkowski im Vorwort seines Buches "Briefe aus dem Gefängnis", das in Russland seit Monaten auf den Bestsellerlisten steht und gestern auf Deutsch erschienen ist. Ein "ergreifendes" Buch, wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in ihrer Laudatio konstatierte, die den ersten Prozess gegen Chodorkowski in ihrer damaligen Funktion als Berichterstatterin des Europarats hautnah mitverfolgt hat. Sie sei bereits damals von der Stärke des in einem Eisenkäfig vorgeführten Mannes beeindruckt gewesen, der es selbst in dieser äußerst demütigenden Lage noch fertiggebracht habe, seinen Eltern, seiner Frau und seinen Kindern zuzulächeln, sagte die Ministerin. Tatsächlich hatte Michail Chodorkowski damals sogar die Größe aufgebracht, seinen Richter zu bedauern. "Euer Ehren", sagte Chodorkowski in seinem Schlussplädoyer, "mir ist klar, Sie haben es außerordentlich schwer, vielleicht haben Sie sogar Angst. Ich wünsche Ihnen Mut."

Pavel Chodorkowski wünscht sich vor allem Sicherheit für seinen Vater, den er seit damals weder sprechen noch sehen durfte. Der Druck, den der Westen auf Russland ausübe - am Dienstag wird sich der Europäische Gerichtshof erneut mit dem Fall befassen -, sei die einzige Lebensversicherung, sagte der 25-Jährige gestern in Berlin. "Diese Öffentlichkeit rettet meinem Vater im Gefängnis letztlich das Leben." Auf die Frage, ob er auf eine Begnadigung durch Kremlchef Dmitri Medwedew hoffe, der vergangene Woche öffentlich erklärt hat, Michail Chodorkowski sei "kein Sicherheitsrisiko", antwortete Pavel Chodorkowski: "Wir, die Familie, beurteilen Medwedew nur nach seinen Taten."

Pavel Chodorkowski, der als IT-Manager in New York arbeitet und gestern eigens zur Buchpremiere nach Berlin gekommen war, sorgt sich nach eigenen Worten zurzeit besonders um seine in Moskau studierende Schwester Anastasia. Ihm selbst raten alle Freunde dringend ab, nach Russland zu reisen. Auch die deutsche Bundesjustizministerin hält diese Vorsichtsmaßnahme für richtig, "weil wir nicht sicher sagen können, was ihm da widerfahren würde".

"Natürlich will ich die Freiheit", schreibt Michail Chodorkowski in seinem durch und durch unsentimentalen Buch. "Ich habe vier Kinder, eine Enkelin, die ich nie gesehen habe, Eltern, die nicht mehr jung sind. Gleichzeitig kann ich mich nicht damit abfinden, dass die Regierung an mir ein Exempel statuiert, um ihren Gegnern zu zeigen, dass sie einen Menschen brechen oder vernichten kann." Durch die gegen ihn geführten Prozesse hätten diejenigen, die sich über das Gesetz gestellt hätten, bisher allerdings nur das Gegenteil erreicht: "Sie haben aus einem gewöhnlichen Menschen ein Symbol des Widerstands gegen die Willkür gemacht."

Das Buch, das bei Knaus erschienen ist (285 Seiten, 19,99 Euro), versammelt neben Zeitungsaufsätzen von Chodorkowski auch Auszüge aus dessen Briefwechseln mit der Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja und dem Philosophen Boris Akunin, in denen das persönliche Schicksal Chodorkowskis allerdings auch nur am Rande diskutiert wird. In erster Linie geht es um die Zukunft Russlands. Um die Frage, wie beziehungsweise unter welchen Umständen sich der Staat aus dem befreien kann, was selbst Präsident Medwedew als "Rechtsnihilismus" bezeichnet. Da schreibt einer, der sich vom Saulus zum Paulus gewandelt hat. Vom skrupellosen Neokapitalisten zum "Kämpfer für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit". So hat es Sabine Leutheusser-Schnarrenberger formuliert.

Pavel Chodorkowski hat gestern gesagt, die Prozesse hätten aus seiner Sicht nur ein Ziel gehabt: seinen Vater "mundtot" zu machen. Dieser Ansicht ist man inzwischen auch bei Amnesty International. Die Menschenrechtsorganisation hat in dieser Woche erklärt, dass sie Michail Chodorkowski als politischen Gefangenen des russischen Staates betrachtet.

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