Taliban wollen verantwortlich sein

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Thomas Frankenfeld

Nach dem gescheiterten Anschlag könnte ein Überwachungsvideo New Yorks Polizei einen Hinweis auf den Täter liefern

Hamburg/New York. Die Hintergründe des gescheiterten Anschlags auf den belebten New Yorker Times Square mit einer Autobombe bleiben weiterhin im Dunkeln. Das amerikanische Heimatschutzministerium stufte den Vorfall als "potenziellen Terroranschlag" ein, für einen islamistischen Hintergrund fanden sich bislang aber keinerlei Anhaltspunke.

Bekennervideos pakistanischer Taliban wurden von der US-Polizei als unglaubwürdig zurückgewiesen. Die Ermittlungen gehen in alle Richtungen; im Mittelpunkt stand gestern jedoch die Jagd nach einem Mann, der auf dem Material einer Überwachungskamera eines Restaurants zu sehen ist. Der zwischen 40 und 50 Jahre alte Weiße mit schütterem Haar bleibt in der Shubert Alley stehen, blickt verstohlen in Richtung der 45. Straße zurück, wo der mit Gasflaschen, Benzin, Feuerwerkskörpern und anderen brennbaren Materialien gefüllte Nissan Pathfinder gefunden wurde. Er zieht ein dunkles Hemd aus, das er in eine Tasche stopft und geht, nun mit einem roten Shirt bekleidet, eilig weiter, wobei er mehrfach über die Schulter zurückblickt.

Nach dem Mann wird mit Hochdruck gefahndet, New Yorks Polizeichef Ray Kelly räumte allerdings gegenüber dem US-Sender CNN ein, dass der Mann auch vollkommen unschuldig sein könnte. Heimatschutz-Ministerin Janet Napolitano sagte, der Mann könne auch ein Zeuge sein.

Kelly teilte weiter mit, die Polizei habe von einem Touristen noch ein zweites Video erhalten, auf dem der Verdächtige den Broadway in nördlicher Richtung entlanglaufe. Insgesamt gebe es am Times Square 82 Überwachungskameras, das Material von 30 sei inzwischen ausgewertet. Einem T-Shirt-Verkäufer war aufgefallen, dass aus dem am Straßenrand abgestellten Geländewagen Rauch aufstieg. Er alarmierte einen Polizisten. Wenig später wurde das ganze Gebiet für zehn Stunden abgesperrt. Ein Bombenräumkommando öffnete das Fahrzeug mit einem ferngelenkten Roboter.

Die Sicherheitsmaßnahmen in den USA wurden weiter verschärft, vor allem an den Flughäfen an der Ostküste. US-Präsident Barack Obama versicherte dem amerikanischen Volk, es werde alles zu seinem Schutz unternommen.

Indessen tauchten im Internet insgesamt drei Videos auf, die mutmaßlich von pakistanischen Taliban stammen. In einem davon übernimmt ein Mann mit Bart und Turban die "volle Verantwortung für den jüngsten Angriff in den USA". Es sei die Vergeltung für den Tod von zwei irakischen Taliban-Führern durch US-Truppen. Weiter ist die Rede von einem "kieferbrechenden Schlag gegen Amerika". Polizeichef Kelly sagte dazu, dieselbe al-Qaida-nahe Gruppe, Tehrik-i-Taliban, habe schon bei früheren Anschlägen in den USA fälschlicherweise eine Täterschaft behauptet.

Rätselhaft bleibt die amateurhafte Bauweise der Autobombe, die in der Tat nicht für al-Qaida spricht. Außer Gas und Benzin enthielt der Wagen auch noch einen Waffenschrank aus Metall, im dem rund 40 Kilogramm Dünger lagen. Allerdings ist es nicht die Art von Dünger, wie er bei früheren Terroranschlägen benutzt wurde - Ammoniumnitrat -, sondern ein Material, das allenfalls brennen, aber nicht explodieren kann. Auch waren die Ventile der beiden Gasflaschen noch nicht geöffnet gewesen, wie der US-Sender CBS News erfuhr. Der primitive Zündmechanismus der Bombe mit batteriebetriebenen Weckern und handelsüblichen Feuerwerkskörpern hatte versagt; wenn er funktioniert hätte, dann hätte der Wagen immerhin in einem Feuerball detonieren und viele Menschen auf dem überfüllten Times Square in der Nacht zum Sonntag in den Tod reißen können. Die Polizei sucht indessen den Besitzer des Fahrzeugs, den sie trotz sorgfältig entfernter Identifizierungsnummern und gestohlener Nummernschilder ermitteln konnte.

Der Londoner "Daily Telegraph" berichtete, die New Yorker Polizei untersuche auch, ob der gescheiterte Anschlag sich gegen die Macher der Zeichentrick-Fernsehserie "South Park" gerichtet haben könnte. Die Schöpfer Matt Stone und Trey Parker hatten in einer Episode der satirischen, nicht selten anarchischen Serie, die auch in Deutschland ausgestrahlt wird, den Propheten Mohammed in einem Bärenkostüm dargestellt. Sie hatten daraufhin Drohungen erhalten, es könne ihnen ebenso ergehen wie dem islamkritischen niederländischen Filmemacher Theo van Gogh, der 2004 von einem radikalen Muslim buchstäblich abgeschlachtet worden war. Das Bombenauto wurde nur wenige Meter entfernt von den Büros der Firma Viacom, die South Park produziert, abgestellt.