Kiew/Berlin. Kiew attackiert russische Einheiten aus der Luft – auch hinter der Grenze. „Die Gegenoffensive wird vorbereitet“, sagt ein Experte.

Kämpfe in der westrussischen Region Belgorod, Drohnenattacken auf Moskau, Luftschläge auf Ziele in der russisch besetzten Südukraine. Auch wenn Kiew in vielen Fällen eine „direkte Beteiligung“ bestreitet: Vor Beginn der großen Gegenoffensive versucht die Ukraine, die russischen Kräfte zu verwirren und hektische Truppenverlegungen zu provozieren.

Es ist eine Taktik der konzentrierten Nadelstiche, um die russische Frontlinie zu durchlöchern. „Die ukrainischen Angriffe auf die Nachschublinien der Russen sollen die Gegenoffensive vorbereiten“, sagte der Militärexperte Gustav Gressel von der Berliner Denkfabrik european council on foreign relations unserer Redaktion.

Moskau: Russisches Militär hat versuchte „Invasion“ zurückgeschlagen

Am Donnerstag meldete die an die Ukraine grenzende Region Belgorod erneut Luftangriffe. Die Kleinstadt Schebekino habe unter „nicht endendem Feuer“ ukrainischer Kräfte gestanden, sagte Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow. Sowohl das Zentrum als auch Randbezirke seien mit „Grad“-Mehrfachraketenwerfern aus sowjetischer Produktion beschossen worden. Von ukrainischer Seite gab es dafür keine Bestätigung.

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Das russische Militär hat nach eigenen Angaben eine versuchte „Invasion“ ukrainischer Kräfte in Belgorod unterbunden. Wie das Verteidigungsministerium in Moskau mitteilte, habe die Armee Jets und Artillerie eingesetzt, um die ukrainischen Kräfte und Panzer zurückzudrängen. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht.

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„Es geht darum, Lücken an der Front zu finden“

Möglicherweise handelte es sich um Aktionen der Milizen „Russische Freiwilligenkorps“ und „Legion Freies Russlands“. Bei hatten in Videobotschaften den Beginn der zweiten Phase der „Befreiung“ der Region Belgorod angekündigt. Bereits vor knapp zwei Wochen hatten die Verbände die Grenze überquert und vorübergehend einige russische Dörfer besetzt. Laut Kiew gibt es keine Verbindung zu ukrainischen Kräften. Durch die Attacken der Milizen wurden russische Truppen aus der Gegend um die Stadt Kreminna in der Donbass-Region Luhansk an die eigene Grenze verlegt.

In der westrussischen Stadt Belgorod wirbt die russische Armee in einem Plakat um Kräfte für das Militär. In der Region kam es zuletzt immer wieder zu Luftangriffen.
In der westrussischen Stadt Belgorod wirbt die russische Armee in einem Plakat um Kräfte für das Militär. In der Region kam es zuletzt immer wieder zu Luftangriffen. © AFP | OLGA MALTSEVA

Genau dies sei beabsichtigt, betont der Militärexperte Oleksij Melnyk, ehemaliger Oberstleutnant der ukrainischen Armee: „Es geht darum, Lücken an der Front zu finden. Wenn Tausende Soldaten an die Grenze verlegt werden, ist es effektiv genug.“

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Der britische Marschflugkörper Storm Shadow fliegt mehr als 250 Kilometer

Eine große Rolle spielen auch die kürzlich von Großbritannien an die Ukraine übergebenen Marschflugkörper vom Typ Storm Shadow. Diese haben eine Reichweite von mehr als 250 Kilometer. Sie fliegen also erheblich weiter als die amerikanischen Raketenwerfer vom Typ Himars. Derzeit starten die Ukrainer fast täglich Angriffe mit den Storm Shadows, etwa Richtung der Südküste nahe der Städte Berdjansk und Mariupol.

„Die Ukraine befindet sich in der Vorbereitungs-Phase der Gegenoffensive. Das zeigt sich auch an den Luftschlägen der Ukrainer im Süden, wo mehrere Kommandostellen der russischen Armee ausgeschaltet wurden“, unterstreicht der Militärexperte Gustav Gressel. „Damit soll die Reaktionszeit der Russen bei einem ukrainischen Angriff verlängert werden. Die zerstörten Gefechtsstände sind dann eine oder zwei Wochen außer Funktion, bis sie wiedererrichtet sind.“ Das könnte Sie auch interessieren: Putins Wellenbrecher: Diese Hürden hat Russland aufgebaut