Stagflation

Energiekrise: Kommen jetzt die autofreien Sonntage wieder?

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Tobias Kisling
Habeck unzufrieden über Ausbau der Windkraft

Habeck unzufrieden über Ausbau der Windkraft

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) will die Trendwende beim Ökostromausbau gemeinsam mit der Industrie schaffen. Nach einem Treffen mit Branchenverbänden und Energieunternehmen äußerte Habeck Unmut über den Rückgang bei Genehmigungen und Anträgen für neue Windkraftanlagen.

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Hohe Inflation und steigende Arbeitslosigkeit: Die Ölkrise würgte in den 70er-Jahren die Wirtschaft ab. Wiederholt sich die Geschichte?

Berlin. Es wurde gehamstert, an den Tankstellen schossen die Preise in die Höhe. Die Bundesregierung rief zum Energiesparen auf, drehte in den Behörden die Heizungen herunter. Das befreundete Norwegen wurde um Hilfe gebeten, sollte mehr Öl liefern. Und eine Debatte entspann sich darüber, wie Deutschland unabhängiger bei der Energie werden könnte. Es war das Jahr 1973.

49 Jahre später horten die meisten Deutschen zwar keinen Sprit in doppelten Tanks, dafür aber Sonnenblumenöl und mitunter wieder Klopapier. Ein Tempolimit ist noch weit entfernt, von autofreien Sonntagen ganz zu schweigen. Und anstatt wie damals die Atomkraft voranzutreiben, setzt der heutige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) auf den schnellen Ausbau von Windkrafträdern und Solaranlagen.

Energiekrise: Die Rufe nach einem Embargo gegen Russland werden lauten

Historische Vergleiche hinken. Und doch zeigen sich wirtschaftliche Pa­rallelen zwischen der durch den ­israelisch-arabischen Jom-Kippur-Krieg ausgelösten Ölkrise im Jahr 1973 und der drohenden Energiekrise durch Russlands Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022.

Dieses Mal ist es nicht das Ölkartell Opec, das den Ölhahn zudreht. Dieses Mal hängt Deutschland am Tropf des russischen Gases und Öls. Der Druck, ein Embargo zu verhängen, steigt mit jeder neuen Gräueltat in der Ukraine. Bei der Kohle macht die EU bereits ernst, dringt auf einen Einfuhrstopp. Auch bei Ölimporten werden die Stimmen für einen Boykott lauter. Beim Gas steht vor allem Deutschland auf der Bremse.

In den 70ern folgte auf die Ölkrise die Stagflation

Was in der Ölkrise der 70er-Jahre folgte, waren nicht nur lustige Familiengeschichten über Fahrradtouren auf leeren Autobahnen. Die Wirtschaft wurde abgewürgt, binnen zwei Jahren verfünffachten sich die Arbeitslosenzahlen.

Zugleich legten die Unternehmen ihre Mehrkosten auf die Verbraucher um, die Gewerkschaften setzten in der Folge höhere Löhne durch, was wiederum die Unternehmen dazu brachte, weiter an der Preisschraube zu drehen. Die Lohn-Preis-Spirale war in Gang gesetzt, die Inflation schoss in die Höhe. Eine stagnierende Wirtschaft und hohe Inflation – die Stagflation war geboren. Wiederholt sich Geschichte?

Die Rückkehr der Stagflation wird nicht mehr ausgeschlossen

Wer in diesen Tagen mit Politikern und Ökonomen spricht, stellt einen Wandel fest. Wurde vor Russlands Angriff auf die Ukraine lediglich von drohenden „stagflationären Phasen“ gesprochen, also einzelnen Monaten, in denen das gefährliche Zusammenspiel eintreten könnte, wollen viele die Rückkehr der Stagflation nun nicht mehr ausschließen.

In der Politik ist man zurückhaltend, äußert die Sorge meist hinter vorgehaltener Hand. Zu groß ist die Sorge, dass das Reden über die Stagflation zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden könnte. Aber die Risiken lassen sich nicht mehr wegschweigen. Auch Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) warnte jüngst in einem Gastbeitrag im „Handelsblatt“ vor der „Gefahr der Stagflation“ – wenn auch nur am Rande.

Auch in den Bundesministerien beobachtet man die Entwicklung genau, beschwichtigt aber. Warnungen werden nur hinter vorgehaltener Hand geäußert. Zu groß ist die Sorge, dass das Reden über die Stagflation zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden könnte.

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IW-Chef Hüther warnt vor anhaltend hoher Inflation

Wirtschaftsforscher sind dagegen offener, über die Risiken zu sprechen. „Die Kriegsfolgen haben das Szenario einer Stagflation wahrscheinlicher werden lassen“, sagt Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Die angestrebte Unabhängigkeit von Russland habe ihren Preis: „Selbst wenn wir 2024 oder 2025 unabhängig von russischer Energie sein werden, wird es trotzdem teurer. Flüssiggas kostet das Doppelte im Vergleich zum russischen Gas“, sagt der Ökonom. Es sind aber nicht nur die steigenden Kosten für Öl, Gas und Kohle. „Mehr als die Hälfte der Inflationsrate von 7,5 Prozent im Euroraum für den März war durch Energie und Nahrungsmittel hervorgerufen. Das bedeutet aber auch, dass die Teuerung auf viele allgemeine Güter durchgeschlagen hat“, analysiert Hüther.

Bei einem Energieembargo droht ein Wirtschaftseinbruch

Auf der einen Seite dürfte die Inflation hoch bleiben. Auf der anderen Seite droht der Wirtschaft ein massiver Einbruch, sollte es zu einem Energieembargo kommen. Im schlimmsten Fall würde die Bundesnetzagentur bestimmen, welches Unternehmen noch Energie bekäme. „Man darf nicht vergessen: Deutschland ist Weltmarktführer in der Grundstoffchemie. Steht sie still, fallen Lieferketten in sich zusammen, Werke bleiben dicht“, sagt Hüther.

Es käme wohl wieder zu einem Anstieg der Kurzarbeit – dabei sind die Kassen der Bundesagentur für Arbeit nach zwei Jahren Corona-Pandemie nicht nur leer, in ihnen klafft bereits ein milliardenschweres Loch. „Wie schwer der Einbruch ausfallen würde, lässt sich mit den bestehenden Modellen derzeit nicht seriös berechnen“, sagt ­Hüther.

Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer ist jüngst im Gespräch mit unserer Redaktion davon ausgegangen, dass das Bruttoinlandsprodukt bei einem Gasembargo um fünf Prozent zurückgehen könnte. „Es könnten aber auch mehr sein“, hat Schnitzer gewarnt. Führende Wirtschaftsinstitute hatten jüngst in einer Gemeinschaftsdiagnose gewarnt: Komme es zu einem Lieferstopp würde das Bruttoinlandsprodukt im kommenden Jahr um 2,2 Prozent sinken – anstatt wie bisher erwartet um 3,1 Prozent steigen.

Risiken für eine Stagflation sind gegeben

Auch die Kapitalmarktanalysten der DZ-Bank beschäftigten sich bereits mit Stagflationsszenarien, auch wenn „das Risiko einer Stagflation gering ist“, wie es in einer jüngsten Analyse heißt. Aber: Das „Stagflationsgespenst“ sei im Diskurs zurück. Und Risiken gebe es genug.

So könnten sich die Rohstoffpreisanstiege verfestigen, auch die Energiewende könnte auf die Verbraucherpreise durchschlagen. Die höheren Preise könnten zugleich den Konsum drosseln und damit die Nachfrage abwürgen.

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EZB steckt in der Zwickmühle

In Frankfurt am Main will man davon noch nichts wissen. „Wir können die Möglichkeit einer Stagflation bisher ausschließen“, sagte der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Luis de Guindos, unlängst auf einer Pressekonferenz. Allerdings haben die Währungshüter auch die Inflation bereits unterschätzt.

Verbale Beruhigung ist derzeit eines der wenigen Instrumente, das der EZB zur Verfügung steht. „Die EZB steckt in einem doppelten Dilemma“, sagt ­Hüther. Um die Inflation begrenzt zu halten – und damit ihre wichtigste Aufgabe zu erfüllen –, könnte die EZB die Zinsen anheben. Am Donnerstag tritt der EZB-Rat zusammen, um über den weiteren Kurs zu beraten.

Höhere Zinsen, so die volkswirtschaftliche Annahme, bringen die Verbraucher dazu, Geld zu sparen und damit den Preisauftrieb aufgrund einer geringeren Nachfrage abzuschwächen. Nur ist die derzeitige Inflation nicht nachfragegetrieben. Sie ist vor allem eine Folge des geringen Angebots. Wer sich heute ein neues Elektrogerät oder neue Möbel bestellt, muss oft monatelang warten. Bei neuen Autos kann es mehr als ein Jahr dauern.

Sparer haben wohl keinen Grund zur Euphorie

Da die amerikanische Notenbank Fed die Zinswende aber schon eingeleitet hat, erhöht sich der Druck auf den Dollar-Euro-Wechselkurs. „Es besteht die Gefahr, dass sich Europa die Inflation importiert“, sagt Hüther. Das spricht dafür, dass auch in Europa die Zinsen zurückkehren. „Im Normalfall gehe ich davon aus, dass die EZB in diesem Jahr zwei bis drei Zinsschritte vollziehen wird“, sagt Chris-Oliver Schickentanz, Anlagestratege der Commerzbank.

Zunächst würde wohl der Einlagezins, den Banken zahlen, wenn sie bei der EZB Geld parken, von derzeit minus 0,5 Prozent in Richtung null Prozent angehoben werden. Anschließend könnte auch der Leitzins angehoben werden. Zunächst aber hält die EZB den Leitzins weiter auf einem Rekordtief von 0 Prozent.

Selbst, wenn sich das bald ändert, dürfte für Sparer noch kein Grund zur Euphorie bestehen, denn die Höhe der Zinsschritte wird sich wohl in Grenzen halten.

Zinsanhebung könnte Energiepreise dämpfen

Immerhin: Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) könnte eine Zinsanhebung die Energiepreise um bis zu vier Prozent senken – und damit womöglich die Inflation doch wirksam bekämpfen.

Hinfällig wären diese Überlegungen wohl, sollte es doch noch zu einem ­Energieembargo kommen. Dann „wären ­jegliche Zinsdiskussionen vom Tisch“, sagt Hüther. Auch Commerzbank-Experte Schickentanz pflichtet dem bei: In so einem Fall werde die EZB „die hohe Inflation wohl laufen lassen“.

Wozu das führt, konnte man in den 70er-Jahren beobachten. 1973 lag die ­Inflationsrate bei 7,1 Prozent. Es war die Zeit der autofreien Sonntage.

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