Kommentar

Corona-Impfungen für Kinder: Eltern vor Gewissensfrage

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Miguel Sanches
Bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz sinkt weiter auf jetzt 41

Bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz sinkt weiter auf jetzt 41

Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz bei den Corona-Infektionen ist weiter gesunken. Sie liegt jetzt bei 41,0 Fällen pro 100.000 Einwohner.

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Soll man Kinder und Jugendliche impfen oder nicht? Wenn die Ständige Impfkommission Zweifel hat, sollten die Eltern auf der Hut sein.

Berlin. Mit der Schuld würde man niemals klarkommen. Wer seine Kinder ohne medizinische Rückversicherung gegen Covid-19 impfen lässt und später erfahren muss, dass schwere Nebenwirkungen drohen, wird sich selbst ewig Vorwürfe machen. Gut gemeint, schlecht gemacht. Das wäre dann die Lage, die Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Eltern zumutet. Er kann sich schwer in ihre Situation hineinversetzen, in die Seelennöte.

Wenn die Datenlage der Ständigen Impfkommission (Stiko) zu dünn oder zu unsicher ist, wie sollen da die Eltern zu einem fundierten Urteil kommen? Auch der einzelne Haus- oder Kinderarzt ist überfordert. Die Stiko gibt es, weil über Impfungen nicht politisch entschieden werden sollte, sondern auf Grundlage einer unabhängigen wissenschaftlichen Bewertung.

Impfungen für Kinder und Jugendliche: Stiko muss wissenschaftlich entscheiden

Die Stiko bietet keinen Schutz vor Fehlurteilen. Doch die meisten Eltern werden sich besser fühlen, wenn sie nach bestem Wissen und Gewissen eine Entscheidung getroffen haben. Dieses beste Wissen kann ihnen am ehesten die Stiko geben, auch eher als die Pharmahersteller.

Es ist kein guter Stil, wie sich Spahn gegenüber der Stiko verhält. Auf sie wird subtil Druck ausgeübt. Gibt sie keine Empfehlung, werden die Eltern ermuntert, die Stiko zu ignorieren. Eines sollte auf keinen Fall passieren: dass die Stiko Empfehlungen nicht auf wissenschaftlicher Basis gibt, sondern weil es von ihr verlangt wird oder um ihren Status im politischen Spiel zu halten.

Corona-Impfung: Langfristige Nebenwirkungen noch nicht absehbar

Alle Eltern möchten das Beste für ihre Kinder. In der Pandemie bedeutet das in dieser Reihenfolge: keine Ansteckung, keinen schweren Verlauf, kein Long Covid. Die Impfung sollte die Lösung und nicht das Problem sein.

Allgemein gesagt, betreffen die derzeit bekannten Nebenwirkungen einen überschaubaren Zeitraum von weniger als einem Jahr. Was langfristig droht, kann niemand mit letzter Sicherheit sagen. Dafür fehlen die Erfahrungswerte. Die Vakzine sind in Rekordzeit entwickelt worden, und für ihre ebenso rekordverdächtige Zulassung gibt es nur eine Rechtfertigung, eben die Notsituation.

Spahn: "Wenns's beim Impfen nicht klappt, nicht sauer sein"
Spahn: "Wenns's beim Impfen nicht klappt, nicht sauer sein"

Corona: Risiko für schweren Verlauf steigt ab Alter von 60 Jahren

Eine Impfung ist immer eine Risikoabwägung. Bei den älteren Menschen sollte diese relativ leichtfallen. Ab 60 steigt das Risiko rapide an, schwer zu erkranken oder gar an Covid-19 zu sterben. Man ist gut beraten, sich impfen zu lassen. Vielleicht gibt es später Nebenwirkungen, aber sie sind das kleinere Übel.

Bei Kindern ist es auch eine Abwägung, aber unter umgekehrten Vorzeichen. Der Krankheitsverlauf ist bei ihnen weniger gefährlich als bei Erwachsenen. Sie haben ihr ganzes Leben vor sich. Wenn sich später Nebenwirkungen ergeben sollten, richten sie bei ihnen den größten Schaden an.

In der Gesamtschau haben die Eltern allen Grund, verunsichert zu sein: Die Stiko legt sich nicht fest, Hersteller wie Biontech beantragen eine Zulassung nur für die Altersgruppe über zwölf. Bedenke das Ende – darum geht es, genau das würde man gern tun.

Jens Spahn: Impfung für Kinder Voraussetzungen für Präsenzunterricht

Spahn lehnt eine Impfung als Voraussetzung zur Teilnahme am Präsenzunterricht ab. Zumindest damit liegt er richtig. Für einen bestimmten Zeitraum wird es an den Schulen weiter nicht „normal“ laufen können. Die Lehrer können sich mit einer Impfung schützen, bei den Schülern ist das Risiko eines schweres Krankheitsverlaufs gering und damit ist vertretbar, dass eine Impfung hinausgeschoben wird, bis eine eindeutige Empfehlung vorliegt.

In den USA und Kanada werden Jugendliche über zwölf schon geimpft, perspektivisch bedeutet das: Erste vorsichtig belastbare Ergebnisse sind nur eine Frage der Zeit. So lange sollte Spahn die Eltern auch nicht dazu ermuntern, ihren Ermessensspielraum zu überdehnen.

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