Ermittlungen

Nach Anschlag in Wien: BKA-Durchsuchungen in Deutschland

Lesedauer: 22 Minuten
Wien will dem Terror trotzen

Wien will dem Terror trotzen

Noch steht Wien unter Schock und trauert nach dem offenbar islamistisch motiviertem Terroranschlag. Doch die Bewohner der österreichischen Hauptstadt wollen sich nicht dem Terror beugen und beharren darauf, in einer freien und sicheren Stadt zu leben.

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Vier Menschen wurden bei dem Attentat in Wien getötet, darunter auch eine Deutsche. Was bislang über die Tat bekannt ist.

Wien. 
  • In der Innenstadt von Wien hat es am Montagabend einen mutmaßlich islamistisch motivierten Angriff gegeben
  • Fünf Menschen wurden getötet, darunter der mutmaßliche Attentäter; er wurde von der Polizei erschossen
  • Unter den Todesopfern ist auch eine 24-jährige Deutsche – 22 Menschen wurden teils lebensbedrohlich verletzt
  • Der 20-jährige Angreifer handelte mutmaßlich allein, die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) reklamierte den Anschlag für sich
  • Das BKA hat am Freitag Wohn- und Geschäftsräume in mehreren deutschen Städten durchsucht

Nach dem mutmaßlich islamistischen Anschlag am Montagabend in Wien hat es am Freitagmorgen Razzien in mehreren deutschen Städten gegeben. Wie das Bundeskriminalamt (BKA) mitteilte, wurden Wohnungen und Geschäftsräume von fünf Personen in Bremen, Niedersachsen, Hessen und Schleswig-Holstein untersucht.

Tatverdächtig seien die fünf Personen seien nicht, es solle aber Verbindungen zu dem mutmaßlichen Attentäter gegeben haben. Durchsucht wurden Räumlichkeiten in Osnabrück, Kassel und im Kreis Pinneberg bei Hamburg und in Bremen. Die Durchsuchungsbeschlüsse seien beim Bundesgerichtshof erwirkt worden. Zuvor habe die österreichische Justiz entsprechende Erkenntnisse an deutsche Behörden übermittelt.

Ein Anhänger der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) hatte in der österreichischen Hauptstadt vier Menschen getötet und 22 zum Teil schwer verletzt. Unter den Toten ist auch der mutmaßliche Angreifer, der bei dem Anschlag von Polizisten erschossen wurde. Der 20-Jährige war nach Überzeugung der Ermittler Teil eines radikal-islamistischen Netzwerks, das über Österreich hinausreicht. Lesen Sie hier: Nach Anschlägen in Nizza und Wien – Sorge vor neuem Terror

Anschlag in Wien: Ermittler nennen neue Details

Das österreichische Parlament kam am Donnerstag zu einer Sondersitzung zusammen, in der Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), Vizekanzler Werner Kogler (Grüne), Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) und Justizministerin Alma Zadič (Grüne) Erklärungen abgaben. Dabei gab Nehammer bekannt, dass neben zwei Festnahmen in der Schweiz auch in anderen Ländern Maßnahmen umgesetzt worden seien.

Wertvolle Hinweise hätten die Behörden auch von der US-Bundespolizei FBI erhalten, so Nehammer. Unter den bisher 15 Festgenommenen befänden sich mehrere einschlägig vorbestrafte Verdächtige. Das österreichische Innenministerium hatte im Vorfeld des Anschlags Hinweise auf den Attentäter übersehen. Es sei „offensichtlich einiges schiefgegangen“, räumte Nehammer ein und kündigte die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission an.

Zudem präsentierten die Behörden Details zum Ablauf des Einsatzes: Franz Ruf, Chef der obersten Polizeibehörde, erläuterte, dass ein Streifenpolizist den Attentäter bereits drei Minuten nach dem um 20.00 Uhr eingegangenen Notruf unter Feuer genommen habe. Um 20.09 Uhr erschossen Spezialkräften den Attentäter.

Im Anschluss war die Leiche von einem Roboter untersucht worden, weil der Mann einen Sprengstoffgürtel zu tragen schien. Eine Razzia gegen den Täter und den Kreis der Festgenommenen war laut Behörden allerdings nicht geplant.

Bundeskanzler Kurz forderte in der Sondersitzung des österreichischen Parlaments mehr Befugnisse für Sicherheitskräfte: „Die österreichischen Behörden von der Justiz über die Polizei bis zum Verfassungsschutz haben nicht immer die rechtlichen Mittel, um islamistische Extremisten und andere Gefährder zu überwachen und wenn nötig zu verwahren.“

„Das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung hat in den vergangenen Jahren aus unterschiedlichen Gründen einen massiven Schaden erlitten. Diesen Schaden gilt es nun zu reparieren“, sagte Kurz weiter.

Weitere Fragen drehten sich um einen versuchten Munitionskauf des Attentäters in der Slowakei, über den die österreichische Polizei informiert war. Außerdem wurde die vorzeitige Entlassung des Mannes, der nach einer versuchten Ausreise zur Terrormiliz „Islamischer Staat“ nach Syrien eine 22-monatige Haftstrafe verbüßen sollte, zum Thema.

Terroranschlag in Wien: Was wir über die Tat wissen

Tathergang: Der Anschlag begann am Montagabend gegen 20 Uhr im Ausgehviertel Bermuda-Dreieck, im 1. Wiener Bezirk, wo kurz vor Beginn neuer Corona-Ausgangssperren und bei mildem Wetter viele Menschen unterwegs waren.

Der Angreifer feuerte nach Angaben der Polizei an verschiedenen Tatorten mit Gewehren auf Menschen in Lokalen und Gastgärten. Er soll mit einer Sprengstoffgürtel-Attrappe, einer automatischen Langwaffe, einer Faustfeuerwaffe und einer Machete bewaffnet gewesen sein.

Viele Passanten rannten in Panik davon. Einige erhoben die Hände, um der Polizei zu zeigen, dass sie nicht bewaffnet sind. Der Attentäter wurde von der Polizei erschossen.

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Tatorte: Die Angriffe ereigneten sich an mehreren Orten nahe der Staatsoper und der Hauptsynagoge in der österreichischen Hauptstadt – darunter konkret in der Seitenstettengasse, auf dem Morzinplatz, dem Fleischmarkt, dem Schwedenplatz und dem Bauernmarkt.

Der Polizeieinsatz: Die Wiener Innenstadt war am Montag zeitweise mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr erreichbar. Weder Busse noch Bahnen steuerten Ziele im historischen Kern der Zwei-Millionen-Metropole an. Aufgrund der weiteren polizeilichen Ermittlungen wurden die Bürger aufgerufen, die Innenstadt zu meiden. Kinder wurden für Dienstag von der Schulpflicht entbunden.

Die deutsche Bundespolizei wurde ebenfalls alarmiert: Sie wollte die Grenze zu Österreich mit erhöhter Wachsamkeit kontrollieren. „Unsere Kräfte sind entsprechend sensibilisiert“, sagte am Dienstag ein Sprecher der Bundespolizei in Potsdam. Die Kontrolle der Grenze sei nun ein „taktischer Schwerpunkt“. Die Grenzbeamten beachteten genau, ob es Auffälligkeiten „aus dem entsprechenden Spektrum“ gebe.

Die Opfer: Der Attentäter erschoss vier Menschen, 22 wurden verletzt, viele von ihnen lebensgefährlich. Bei den Todesopfern handelt es um einen 39-jährigen Österreicher, eine 44-jährige Österreicherin, eine 24-jährige Deutsche und einen 21-jährigen Nordmazedonier.

Die 24-jährige Deutsche wurde vor dem Lokal erschossen, in dem sie als Kellnerin arbeitete, der 39-Jährige vor einem Schnellimbiss am Schwedenplatz. Der 21-Jährige rauchte gerade eine Zigarette vor einem Lokal, als ihn der Attentäter traf. Die 44-Jährige erlag im Krankenhaus ihren Schussverletzungen. Unter den Verletzten ist ein Polizist, der sich dem Täter entgegengestellt hatte und niedergeschossen wurde.

Terror in Wien: Was wir über den mutmaßlichen Täter wissen

Der Attentäter war nach offiziellen Angaben ein 20 Jahre alter Anhänger der Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) namens Kujtim F. Er hatte nordmazedonische Wurzeln, war gebürtiger Wiener und einschlägig wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorbestraft.

Die Sicherheitsbehörden gehen mittlerweile davon aus, dass der 20-Jährige den Angriff als alleiniger Täter ausführte. Er besaß laut Innenministerium neben der österreichischen auch die nordmazedonische Staatsbürgerschaft. Der IS-Anhänger habe nach Syrien reisen wollen, um sich der Terrormiliz anzuschließen. Deshalb wurde er am 25. April 2019 zu 22 Monaten Gefängnis verurteilt. Am 5. Dezember sei er vorzeitig entlassen worden.

Er galt als junger Erwachsener und fiel damit unter die Privilegien des Jugendgerichtsgesetzes. Diese Entscheidung sei „definitiv falsch“ gewesen, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz: „Wäre er nicht aus der Haft entlassen worden, hätte der Terroranschlag so nicht stattfinden können.“

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Der Versuch, F. wegen seiner extremistischen Vergehen den österreichischen Pass abzuerkennen, war in der Vergangenheit gescheitert, wie Innenminister Nehammer sagte. Der Attentäter hatte demnach an staatlichen Deradikalisierungsprogrammen teilgenommen und nach außen den Eindruck erweckt, dass er vor seinen extremistischen Überzeugungen abgekommen sei.

Nehammer sagte, der Mann habe die Behörden getäuscht, um seine vorzeitige Entlassung aus dem Gefängnis zu erwirken. Dem widersprechen aber F.s Betreuer vom Deradikalisierungsprogramm Derad: „Es gab keine Täuschung, weil unser Mitarbeiter zu keinem Zeitpunkt gesagt hat, dass der Mann deradikalisiert ist“, sagte Derad-Mitbegründer Moussa Al-Hassan Diaw der dpa.

Das Justizministerium in Wien erklärte, dass F.s Entlassung auf Bewährung nach zwei Dritteln der Strafe die einzige Möglichkeit war, dem 20-Jährigen die Teilnahme an dem Deradikalisierungsprogramm für drei Jahre zur Auflage zu machen. Hätte er seine vollständige Strafe bis Juli verbüßt, wäre eine solche Maßnahme nicht möglich gewesen.

Diaw sagt, dass der 20-Jährige sich laut seinem Betreuer verändert und trotz Religiosität starke Zweifel an seinem eigenen rechten Glauben entwickelt habe. „Diese Selbstzweifel führen auch sehr oft zu Verzweiflung“, so Diaw. Manche Betroffenen beteten dann noch intensiver, während andere zu Taten schritten oder aus dem Leben scheiden wollten. Der Betreuer habe das in einem seiner letzten Berichte vor der Tat festgehalten.

„Diese Sachen sind ihm aufgefallen. Was keinem aufgefallen ist, ist, dass er plant, in den nächsten Tagen vor Beginn des Lockdowns eine Bluttat zu begehen“, so Diaw.

Der IS reklamierte den Anschlag für sich. Ein „Soldat des Kalifats“ habe die Attacke mit Schusswaffen und einem Messer verübt und in der österreichischen Hauptstadt rund 30 Menschen getötet oder verletzt, darunter auch Polizisten, behauptete die Terrororganisation am Dienstag auf ihrer Plattform Naschir News mit. Mehr zum Thema: Initiator des Wien-Anschlags? Wo der IS noch Einfluss hat

IS-Miliz reklamiert Anschlag in Wien für sich
IS-Miliz reklamiert Anschlag in Wien für sich

Terror in Wien: So laufen die Ermittlungen

Fahndung: In der Wohnung des Verdächtigen wurden bei einer Durchsuchung Waffen und Munition sichergestellt. In der niederösterreichischen Landeshauptstadt St. Pölten wurden zwei Menschen festgenommen. Allein am Dienstagmorgen gab es nach Angaben der Ermittler insgesamt 18 Hausdurchsuchungen und 14 Festnahmen.

Am Dienstag wurden zudem im schweizerischen Winterthur zwei Männer im Alter von 18 und 24 Jahren verhaftet. Die Schweizer hatten laut Justizministerin Karin Keller-Sutter physischen Kontakt zum Täter. Laut Angaben von Fedpol, dem Bundesamt für Polizei, waren die Verhafteten aufgrund von Terrorismus-Strafverfahren bereits auf dem Radar der Behörden.

Die österreichische Polizei forderte die Bevölkerung auf, keine Videos der Geschehnisse in sozialen Medien zu posten, sondern das Material der Polizei zur Verfügung stellen. Rund 20.000 Beiträge der Bevölkerung seien eingegangen, die Hälfte davon war bis zum Nachmittag ausgewertet, so Innenminister Nehammer. Da die Behörden Wiederholungen oder Nachahmertaten fürchteten, blieb die Polizeipräsenz in der Wiener Innenstadt zunächst hoch.

Pannen: Nach dem Anschlag am Montag verdichten sich die Hinweise auf ein Versagen der österreichischen Sicherheitsbehörden. Denn der Attentäter war der slowakischen Polizei nach eigenen Angaben bei einem versuchten Munitionskauf aufgefallen.

Die Polizeidirektion in Bratislava schrieb auf Facebook: „Die slowakische Polizei erhielt im Sommer die Information, dass verdächtige Personen aus Österreich versuchten, in der Slowakei Munition zu kaufen. Es gelang ihnen aber nicht, den Kauf zu realisieren.“ Die Information sei unverzüglich der Polizei in Österreich übermittelt worden.

Innenminister Nehammer bestätigte Erkenntnisse, wonach der spätere Attentäter im Juli mit einem anderen Mann in die Slowakei gefahren war, um Munition zu kaufen. „In den weiteren Schritten ist hier offensichtlich in der Kommunikation etwas schiefgegangen“, sagte Nehammer am Mittwoch. Was mit dieser Information passierte, soll eine unabhängige Untersuchungskommission klären.

Die oppositionelle SPÖ forderte vom Innenministerium daraufhin Aufklärung. „Was ist mit diesen Informationen dann passiert? Wie kann es sein, dass der Innenminister dann nicht sofort tätig wurde?“, fragte der SPÖ-Fraktionschef Jörg Leichtfried.

Nehammer argumentierte, dass die Arbeit der Geheimdienste nicht so funktioniert, wie sie sollte. Sein Amtsvorgänger von der rechtsextremen FPÖ, Herbert Kickl, habe die Nachrichtendienste praktisch zerstört, so Nehammer. Das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) sei durch Kickl in seinen Grundfesten erschüttert worden. Die Zusammenarbeit anderer Geheimdienste mit Österreich galt in der Kickl-Ära als schwer belastet.

Anschlag in Wien: Was wir noch nicht wissen

Zusammenhang zur Synagoge: Nicht geklärt ist bislang, ob der Terroranschlag im Zusammenhang mit der Wiener Hauptsynagoge steht, die in der Nähe der Tatorte liegt. Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Oskar Deutsch, erklärte am Montagabend auf Twitter, es sei noch unklar, ob das Gotteshaus eines der Angriffsziele gewesen sei. Die Synagoge war demnach zum Zeitpunkt der Tat geschlossen und das Bürogebäude der Gemeinde unbesetzt.

Mittäter: Nach wie vor ist nicht abschließend geklärt, ob Kujtim F. allein handelte oder ob es einen oder mehrere Mittäter gab. Allerdings hatte die österreichische Polizei schnell eine Tendenz. „Es verdichten sich die Informationen ganz erheblich, dass es sich um einen Einzeltäter handelt. Dennoch haben wir im öffentlichen Raum enorme Sicherheitsmaßnahmen ergriffen“, sagte der Chef der höchsten Polizeibehörde, Franz Ruf, am Dienstagabend im Sender ORF.

In der Nacht zu Dienstag war intensiv nach weiteren Tätern gesucht worden. Die Polizei wollte weitere Beteiligte nicht ausschließen und zunächst das umfangreiche Bildmaterial auswerten. Nach der bestätigten Reise in die Slowakei, bei der der Täter von einem Mann begleitet wurde, schließt man Beteiligte an der Vorbereitung des Angriffs allerdings nicht mehr aus.

Zusammenhang zu dschihadistischen Terroranschlägen in Frankreich: Offen ist weiterhin, ob der Angriff in Wien im Zusammenhang zu den jüngsten islamistischen Terroranschlägen in Frankreich steht. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb auf Deutsch auf Twitter: „Nach Frankreich ist es ein befreundetes Land, das angegriffen wird. Dies ist unser Europa. Unsere Feinde müssen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Wir werden nichts nachgeben.“

In Frankreich hatte es in den vergangenen Wochen drei Anschläge gegeben, die Ermittler gehen jeweils von einem islamistischen Hintergrund aus.

Der Auslöser: Es scheint so zu sein, dass die Diskussion über Mohammed-Karikaturen und die Ermordung eines Lehrers in Paris die islamistische Szene in Wien in Aufruhr versetzt hat. In der letzten Oktoberwoche hatte eine Gruppe von türkischstämmigen Jugendlichen in einer katholischen Kirche in Wien randaliert. Am 31. Oktober wurden die Behörden erneut alarmiert, diesmal weil ein Mann aus Afghanistan im Stephansdom „Allahu akbar“ rief.

Anschlag in Wien: Das sind die Reaktionen aus Österreich

Bundeskanzler Sebastian Kurz sprach von einem „widerwärtigen Terroranschlag“, beim dem vier Menschen „kaltblütig ermordet“ worden seien. Es handle sich um einen „Kampf zwischen Zivilisation und Barberei“, den man mit aller Entschlossenheit führen werde, sagte der Regierungschef in einer öffentlichen Erklärung. Es handle sich um einen Anschlag auf die freie Gesellschaft. „Wir werden alle, die mit dieser Schandtat etwas zu tun haben, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verfolgen.“

Zugleich müsse allen bewusst sein, „dass das keine Auseinandersetzung von Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Migranten ist.“ Der Feind sei der extremistische Islamismus, der Tod und Leid verursachen und die Gesellschaft spalten wolle. „Das werden wir nicht zulassen. Wir werden diesem Hass keinen Raum geben“, sagte Kurz. Er machte deutlich: „Unser Feind, das sind die Extremisten und Terroristen. Sie haben in unserer Gesellschaft nichts verloren.“

Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen sagte am Dienstag in einer Fernsehansprache: „Der Hass wird in dieser Gesellschaft nicht auf fruchtbaren Boden fallen.“ Der Anschlag habe der freien, toleranten Gesellschaft gegolten. „Hass kann niemals so stark sein wie unsere Gemeinschaft in Freiheit, in Demokratie, in Toleranz und Liebe.“

Österreich ehrt die Opfer des Terroraktes mit einer dreitägigen Staatstraue r. Diese gilt bis einschließlich Donnerstag. Am Dienstag, dem ersten Tag der Staatstrauer, war für 12 Uhr eine landesweite „Minute des stillen Gedenkens“ anberaumt. Auch die Schulen sollten zu Beginn des Unterrichts am Mittwoch eine Gedenkminute einhalten.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) zeigte sich in einem Facebook-Beitrag „tief betroffen und fassungslos“ angesichts der Tat. „Unsere Gedanken sind in diesen Stunden bei den Betroffenen, ihren Familien und den Einsatzkräften. Mögen Sie den Einsatz wohlbehalten überstehen“, heißt es in dem Post.

Anschlag in Wien löst weltweit Entsetzen aus

Solidaritätsadressen für Österreich kamen aus der ganzen Welt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier drückte in einem Kondolenzbrief an seinen österreichischen Amtskollegen Van der Bellen sein Beileid für die Opfer des Terroranschlags aus. Steinmeier betonte: „Wir verurteilen diese abscheuliche Gewalt. Wir werden vor ihr und dem Hass, der sie treibt, nicht zurückweichen.“

Deutschland stehe im Kampf gegen islamistisch motivierten Extremismus und Terrorismus fest an der Seite Österreichs. Er hoffe, “dass es der Polizei rasch gelingen möge, alle Täter alsbald zu fassen und weitere Gewalttaten zu verhindern”.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich in einem Tweet erschüttert über die Vorkommnisse. „Unsere Gedanken sind bei den Verletzten und Opfern in diesen schweren Stunden“, erklärte das Auswärtige Amt in Berlin. Es fügte hinzu: „Wir dürfen nicht dem Hass weichen, der unsere Gesellschaften spalten soll.“

Das Ministerium rief deutsche Staatsbürger in Wien auf, an einem sicheren Ort zu bleiben, bis es Entwarnung gebe. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen twitterte, Europa stehe „in voller Solidarität an Österreichs Seite“.

Die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland verurteilten den Terroranschlag in Wien als schlimmsten Missbrauch von Religion. Es sei „ein Anschlag auf die Menschlichkeit überhaupt“, sagte der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, äußerte sich tief erschüttert. „Ich verurteile diesen islamistischen Terror, wie es ihn auch schon in der vergangenen Woche in Nizza gab.“ Terror im Namen der Religion pervertiere den Namen Gottes.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, teilte mit: „Wir verurteilen diesen erneuten Anschlag muslimischer Terroristen in Europa aufs Schärfste.“ Die Terroristen trachteten „nach unserem Leben, nach unserer Freiheit und wie wir hier in Europa leben“ und führten „Krieg gegen Gott und seinen Menschen.“ Als deutsche Muslime und Europäer stehe man „kompromisslos für den Erhalt der Schöpfung und die Unversehrtheit aller Menschen und zu den Werten unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung.“

UN-Generalsekretär António Guterres verurteilte den Terrorangriff scharf. Er verfolge die Situation mit „äußerster Sorge“, sagte der UN-Chef nach einer Mitteilung in der Nacht zum Dienstag in New York.

Trump und Biden verurteilen Anschlag

Auch US-Präsident Donald Trump und sein demokratischer Herausforderer Joe Biden haben den Terrorangriff in Wien verurteilt. „Nach einem weiteren abscheulichen Terrorakt in Europa sind unsere Gebete bei den Menschen in Wien“, schrieb Trump auf Twitter. Auch Biden twitterte, er und seine Frau Jill beteten nach dem schrecklichen Terrorangriff in Wien für die Opfer und deren Familien. „Wir müssen alle vereint gegen Hass und Gewalt eintreten“, ergänzte er.

Auch Israels Präsident Reuven Rivlin äußerte sich via Twitter zu dem Anschlag. „Unsere Gedanken und Gebete sind mit den Österreichern, während wir die verabscheuungswürdige Terrorattacke aus der vergangenen Nacht in Wien mit Sorge verfolgen“, schrieb er am Dienstag.

Dresden, Paris, Nizza – jetzt Wien

In den vergangenen Wochen war es in Europa zu mehreren islamistisch motivierten Taten gekommen: In Dresden war ein Mann von einem als „Gefährder“ eingestuften Tatverdächtigen mit einem Küchenmesser getötet worden, sein Lebensgefährte überlebte verletzt.

Für weltweites Aufsehen hatte auch der Fall des ermordeten Lehrers Samuel Paty gesorgt. Er war in Paris von einem 18-Jährigen enthauptet worden, nachdem eine Hasskampagne wegen des Zeigens von Mohammed-Karikaturen im Unterricht gegen ihn losgetreten worden war. Auch interessant: Nach Aussagen Macrons: Arabische Länder ächten Frankreich

In Nizza waren Ende Oktober drei Menschen in einer Kirche von einem Angreifer getötet worden. Der Tatverdächtige soll ebenfalls aus islamistischen Motiven gehandelt haben.

(fmg/dpa/afp)