Tierschutz

Gerichtsurteil: Das Kükenschreddern bleibt weiter erlaubt

Kükenschreddern: Millionen männliche Küken werden jährlich vergast, weil ihre Aufzucht unwirtschaftlich ist.

Kükenschreddern: Millionen männliche Küken werden jährlich vergast, weil ihre Aufzucht unwirtschaftlich ist.

Foto: Bernd Wüstneck / dpa

45 Millionen männliche Küken werden in Deutschland nach dem Schlüpfen getötet. Nach einem Gerichtsurteil bleibt diese Praxis so.

Leipzig. Sie sind kaum geschlüpft, da müssen sie auch schon wieder sterben: Millionen männliche Küken werden in Deutschland jedes Jahr getötet, weil sie das Pech hatten, in Brütereien zu schlüpfen, wo es keine Verwendung für sie gibt. Und das wird auch so bleiben, zumindest vorerst.

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verkündete am Donnerstag, dass Brütereien auch weiterhin männliche Küken töten dürfen. Allerdings nur noch so lange, bis serienreife und zuverlässige technische Verfahren zur Verfügung stehen, die verhindern sollen, dass die Tiere überhaupt ausgebrütet werden.

Das Land Nordrhein-Westfalen hatte 2013 versucht, der Praxis per Erlass ein Ende zu setzen. Dagegen hatten zwei Brütereien geklagt.

Warum werden die Küken getötet?

Weil aus männlichen Küken keine Legehennen werden, deren Eier man verkaufen könnte. Die Tiere sind für Brütereien wirtschaftlich nutzlos, denn Hühnerrassen, die auf maximale Eierlegeleistung hin gezüchtet wurden, eignen sich nicht zur Mast. Die männlichen Tiere aufzuziehen und ihr Fleisch zu verkaufen, lohnt sich für die Brütereien nicht. 45 Millionen sogenannte Eintagsküken werden deshalb in Deutschland jährlich getötet.

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Warum ist das legal?

Eigentlich, das haben die Richter am Donnerstag klargestellt, sind die wirtschaftlichen Interessen der Brütereien kein vernünftiger Grund für das Töten der Tiere. Ohne einen solchen Grund ist das Töten von Wirbeltieren aber in Deutschland verboten.

Es sei nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar, dass dem Leben der männlichen Küken mit der schnellstmöglichen Tötung „jeder Eigenwert abgesprochen“ werde, erklärte das Gericht. Dass die Praxis trotzdem nicht sofort verboten wird, begründen die Richter damit, dass das Vorgehen jahrzehntelang hingenommen wurde.

Bei einem Verbot ohne Übergangszeit müssten die Brütereien sehr kurzfristig erst ihren Betrieb auf die Aufzucht der doppelten Menge Küken umstellen – und dann nach kurzer Zeit wieder umbauen, sobald die Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei marktreif sind. Das könne nicht verlangt werden, so die Richter.

Welche Alternativen gibt es?

Das Gericht macht in seiner Entscheidung deutlich, dass das Töten nur erlaubt bleibt, weil serienreife Alternativen nah sind: So gibt es schon jetzt die Möglichkeit zur Geschlechterbestimmung im Ei durch eine Hormonuntersuchung. Dazu wird nach neun Tagen Bebrütung durch ein mit einem Laser gebohrtes winziges Loch in der Schale Flüssigkeit aus dem Ei entnommen.

Anhand der vorfindlichen Hormone kann bestimmt werden, ob aus dem Ei ein Hahn oder eine Henne schlüpfen würde. Ist der Embryo männlich, wird das Ei zerstört. In einigen Berliner Supermärkten gibt es Eier von Brütereien, die dieses Verfahren anwenden, schon zu kaufen. Im Laufe des Jahres soll das Angebot ausgeweitet werden.

Unumstritten ist dieses Verfahren allerdings nicht.

Denn bislang ist nicht sicher erforscht, ab welchem Punkt in ihrer Entwicklung Hühner-Embryonen Schmerz empfinden können. Unter Wissenschaftlern gehen die Meinungen auseinander – einige gehen von Schmerzempfinden erst ab dem 15. Tag der Bebrütung aus, andere schon ab dem siebten.

Ein Verfahren, das das Geschlecht per Infrarot-Lichtstrahl bestimmt, kann schon vorher eingesetzt werden, ist aber bislang noch sehr ungenau.

Eine Lösung, bei der gar nicht aussortiert werden muss, ist die des Zweinutzungshuhns: So werden Hühnerrassen bezeichnet, die sich gleichermaßen für die Eierproduktion und für die Mast eignen. Der Nachteil: Diese Tiere können weder bei der Menge der Eier noch bei der Zeit bis zur Schlachtreife mit den Rassen mithalten, die speziell auf einen der Aspekte hin gezüchtet wurden. Landwirte müssen also wirtschaftliche Einbußen hinnehmen, wenn sie sich für diese Option entscheiden.

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Was sagt die Politik?

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) bekräftigte, dass sie das Kükentöten für „ethisch nicht vertretbar“ halte. Sie erwarte deshalb von Verbänden und Unternehmen, schnellstmöglich tätig zu werden. Klöckner erinnerte aber auch an die Rolle der Verbraucher bei der Durchsetzung von Alternativen: Sie hätten es „letztlich mit in der Hand, ob sich innovative Verfahren durchsetzen oder immer mehr Eier importiert werden.“

Die Grünen dagegen erwarten von Klöckner selbst ein Eingreifen: „Wann kommt endlich der Gesetzentwurf?“, fragte Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt.

Der Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), Friedrich-Otto Ripke, nannte das Urteil „eine kluge Entscheidung, die der Realität gerecht wird und der Wissenschaft Zeit gibt, die Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei erfolgreich zum Abschluss zu bringen“.

Die Branche wolle „lieber heute als morgen“ aus dem Kükentöten aussteigen. Der ZDG definiert auch, wann die Alternativen als praxistauglich gelten: Die Technik müsse für alle Brütereien zur Verfügung stehen und ausreichend schnell sein. Zudem müsse die Genauigkeit bei der Geschlechtsbestimmung 95 Prozent betragen und die Schlupfrate weiblicher Eier dürfe kaum beeinträchtigt werden.

Unter Tierschützern gingen die Reaktionen auf das Urteil auseinander. Peta-Jurist Christian Arleth hob hervor, dass die Bundesrichter dem „Staatsziel Tierschutz“ ein größeres Gewicht verliehen hätten. Das Urteil könne sich auch auf andere Streitfragen im Tierschutz auswirken. Peta und zahlreiche weitere Verbände bedauerten aber, dass das Kükentöten auf unbestimmte Zeit erlaubt bleibe. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) forderte ein grundsätzliches Umdenken in der Geflügelwirtschaft. Statt weiter extrem spezialisierte Legehennen zu züchten, solle die Branche lieber auf das Zweinutzungshuhn umsteigen. (mit dpa)

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