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Steinmeier in Kroatien: Wie das Land unter Touristen leidet

Viele Schnäppchen, kaum Schlangen: So bucht man Urlaub gut und günstig

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Zu voll, zu laut, zu viel Verkehr: Kroatien stöhnt unter Massentourismus. Der Bundespräsident besucht das Land.

Split.  Die Rentner aus Baden-Württemberg und Bayern recken in der Altstadt von Split ihre Hälse. „Das ist ja unser oberster Chef“, ruft eine ältere Dame, als sie Deutschlands präsidialen weißen Haarschopf in den engen Gassen entdeckt und ihr Handy zückt. Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender besuchen zum Abschluss ihrer Kroatien-Reise die schmucke Metropole Dalmatiens an der Adria.

Der Bürgermeister von Split, Andro Krstulovic Opara, führt das Präsidentenpaar – er im hellblauen Anzug, sie im cremefarbenen Kleid mit gelbem Schal – durch die verwinkelte Innenstadt mit dem berühmten Diokletian-Palast. Urlauber aus den USA und China, bewaffnet mit Selfie-Stangen und Reiseführern, schauen neugierig herüber, wer da das Interesse auf sich zieht.

Kroatien-Urlaub: Fast drei Millionen deutsche Touristen

2018 machten fast drei Millionen Deutsche Urlaub in Kroatien, die für 20 Millionen Übernachtungen sorgten (ein Plus von mehr als sechs Prozent gegenüber 2017). Noch ist es in Split, Dubrovnik und auf den Inseln mit ihren Traumstränden vergleichsweise ruhig. Aber mit den Osterferien kommt der Touristenansturm.

In ein paar Wochen werden sich Menschenmassen durch Küstenorte wie Split wälzen. Kreuzfahrtriesen und Billigflieger werden dann täglich Zehntausende Besucher ankarren.

Massentourismus ist an vielen Orten in Europa ein Problem. Venedig etwa droht fast am Tourismus zu ersticken. Schon seit Langem kommen am Tag mehr Touristen als die italienische Lagunenstadt Einwohner zählt. Venedig erhebt deshalb bald „Eintrittsgeld“ von Tagestouristen – zunächst drei Euro, ab 2020 dann sechs Euro pro Besucher, der nicht in der Stadt übernachtet. Das Geld soll in die Instandhaltung der historischen Gebäude gesteckt werden.

Die Sozialen Netzwerke befördern den „Overtourism“, diese Orte machte Instagram vom Geheimtipp zur Touri-Hölle. In den Niederlanden gibt es Probleme.

Städte werden zu Freilichtmuseen – zum Elend der Bewohner

Tourismusexperten sehen in Venedig und Städten wie Amsterdam, Barcelona oder Prag eine Art Freilichtmuseum oder Erlebnispark. Die Bewohner verlassen zunehmend diese Orte, genervt von den vielen Menschen, der Ruhestörung und dem Müll. In Städten am Meer oder mit Fluss sorgen die großen Kreuzfahrtschiffe, die zum Teil mit dem billigen Kraftstoff Schweröl betrieben werden, für schmutzige Luft.

Viele Wohnungen werden via Internet an Urlauber vermietet. Folge: Die Innenstädte verwaisen. In vielen Städten gibt es Demonstrationen und Ausschreitungen gegen Touristen.

Wie Venedig will auch das kroatische Dubrovnik den Massentourismus stärker kanalisieren. Rund zwei Millionen Touristen kommen jährlich in die Mittelalterstadt, die zum Weltkulturerbe zählt. Der Andrang nahm in den vergangenen Jahren noch zu, weil Dubrovnik Kulisse für die weltweit erfolgreiche TV-Serie „Game of Thrones“ war. Nun steuert die Stadtverwaltung gegen.

Die Urlauber aus aller Welt bringen viel Geld ins Land

In der neuen Saison dürfen in Dubrovnik täglich nur noch zwei Kreuzfahrtschiffe mit jeweils 5000 Passagieren anlegen. Außerdem plant die Stadt ab 2021 eine Touristensteuer in Höhe von einem Euro für jeden Kreuzfahrtpassagier. Die zusätzlichen Einnahmen sollen in den Ausbau der Infrastruktur und den öffentlichen Nahverkehr fließen. Experten glauben aber, dass Gebühren die Massen dauerhaft nicht abschrecken werden.

Für Kroatien und andere Mittelmeerländer ist der sogenannte Übertourismus Fluch und Segen. Die Touristen aus aller Welt bringen viel Geld ins Land. Kroatien erzielte 2018 nach Schätzungen des Branchenministeriums Einnahmen von zwölf Milliarden Euro und damit eine Milliarde Euro mehr als im Jahr davor.

Hintergrund: Bundespräsident Steinmeier stärkt Kroatien den Rücken

Die Zahl der Übernachtungen im ganzen Land geht auf die 100-Millionen-Marke zu. Große Hotelketten investieren massiv in mehr Bettenkapazität.

Die Schattenseiten des Booms sind, dass viele Einheimische davon nicht viel haben. Sie schuften in Restaurants, in Strandbars und Hotels. Gut leben können sie davon nicht. Die Löhne sind niedrig, Geld machten die „Bonzen“, die sich in Kroatien die schönsten Filetstücke für Hotels und Ferienanlagen gesichert hätten, kritisierten Intellektuelle, die Steinmeier während seiner Reise traf.

Viele Kroaten verdienen wenig, haben wenig Rechte, Korruption ist Dauerthema

Die Unzufriedenheit über niedrigere Einkommen, fehlende Rechtssicherheit und die allgegenwärtige Korruption sei groß. Das führt dazu, dass Zehntausende Kroaten jedes Jahr ihrem Heimatland den Rücken kehren und bevorzugt nach Deutschland und Irland auswandern – obwohl Kroatien im Tourismus von einem Rekord zum nächsten eilt.

Vier Millionen Einwohner leben im jüngsten EU-Mitgliedsland, das erst 2013 in die europäische Familie aufgenommen worden war. Drei Millionen Kroaten sind schon weg, davon allein 370.000 in Deutschland.

Alida Bremer ist eine deutsch-kroatische Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie lebt in Münster, besitzt in ihrer Geburtsstadt Split eine Wohnung. Steinmeier hat sie als Sondergast mit nach Kroatien genommen. Bremer fordert radikale Maßnahmen – Mega-Kreuzfahrtschiffen sollten Passagen durch sensible Gebiete des Mittelmeeres notfalls verboten werden.

Im Sommer sei Split seit ein paar Jahren nicht mehr lebenswert. Zu voll, zu heiß, zu viel Verkehr. Gerade die reicheren Nordeuropäer müssten ihre Art zu Reisen überdenken. „Eine Woche Kreuzfahrt, von Ort zu Ort fahren, das finden die cool. Sie sehen die Probleme nicht“, sagt Bremer. Die Intellektuelle wünscht sich mehr Bewusstsein: „Spart Geld, reist alle drei Jahre, kommt als richtiger Gast, bleibt vier Wochen und findet Freunde.“

Warum Kreuzfahrten nicht nur Genuss sind – ein Autor enthüllt in „Wahnsinn Kreuzfahrt“ Gefahren für Mensch und Umwelt.