Auslandsreise

Bundespräsident Steinmeier stärkt Kroatien den Rücken

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kolinda Grabar-Kitarovic, Präsidentin der Republik Kroatien, äußern sich bei einer Pressekonferenz nach ihrem Gespräch im Amtssitz der Präsidentin.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kolinda Grabar-Kitarovic, Präsidentin der Republik Kroatien, äußern sich bei einer Pressekonferenz nach ihrem Gespräch im Amtssitz der Präsidentin.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Zwei Tage Balkan: Bundespräsident Steinmeier besucht Kroatien. Das jüngste EU-Mitglied verliert Einwohner. Die Gründe dafür sind Thema.

Zagreb. Eine so hohe Turnschuhdichte auf einem roten Teppich für den Bundespräsidenten gab es wohl noch nie. Handball-Nationalspieler Tim Suton, Publizist Nicol Ljubic und Schauspieler Stipe Erceg („Die fetten Jahre sind vorbei“, „Baader Meinhof Komplex“) stehen lässig vor der ehemaligen Tito-Residenz oberhalb von Zagreb, ihre weißen Sneakern leuchten in der Sonne neben den schwarz gewienerten Schuhen und Stiefeln der Diplomaten und Soldaten.

Donnerstagvormittag in der kroatischen Hauptstadt, Empfang mit militärischen Ehren für Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender durch die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic.

Das deutsche Staatsoberhaupt hat das Trio Suton, Ljubic und Erceg mit kroatischen Wurzeln bewusst mit auf die zweitägige Reise genommen, um einen anderen Blick auf den Balkan und Europa aus jener Generation zu bekommen, deren Eltern einst zum Arbeiten oder aus Liebe nach Deutschland auswanderten.

Steinmeiers Balkanreise – Bande nach Deutschland sind eng

Handballer Suton, der für den Bundesligisten TBV Lemgo spielt, hat drei Pässe. Den deutschen, den kroatischen, den bosnischen. Sein Bruder entschied sich für die bosnische Nationalmannschaft. „Ihr Bruder wirft ihnen doch nicht Verrat vor, oder?“, fragt Steinmeier ihn beim gemeinsamen Frühstück mit kroatischen Intellektuellen. „Auf keinen Fall“, sagt Suton und lacht.

Sport und Politik würden die Familie nicht entzweien. Als Suton 1996 in Kirchheim unter Teck geboren wurde, da waren die blutigen Kriege zwischen Kroaten, Serben und Bosniaken auf dem Balkan gerade erst abgeebbt.

Rund 370.000 Kroaten leben inzwischen in Deutschland, die Bande in die alte Heimat sind eng. So ist das auch bei Schauspieler Erceg. Er verließ als kleiner Junge mit seinen Eltern Kroatien. Beim Besuch einer deutsch-französischen Schule in Zagreb wird der smarte Mann mit dem markanten, schmalen Gesicht und den schwarzen Wuschelhaaren gleich von ein paar Mädchen umschwärmt.

Die 18-jährige Ungarin Agnes will ein gemeinsames Foto und küsst Erceg plötzlich auf die Wange. Da wird auch ein Kinostar rot. Steinmeier schaut verdutzt zu und grinst.

Steinmeier reist nach Zagreb und Split – es geht auch um den Brexit

Mit seinem Besuch in der Hauptstadt Zagreb und der Küsten- und Touristenmetropole Split will Steinmeier ein Zeichen setzen, dass die EU sich endlich aus ihrer zweijährigen Brexit-Lähmung lösen und den Blick wieder auf andere Probleme und Zukunftsfragen richten müsse. Die Kroaten, die Europa mit einer gewissen Skepsis betrachten, ermutigt er, mehr Verantwortung zu übernehmen – auch auf dem unruhigen Westbalkan. Dort sind China, Russland und die Türkei längst mit teils milliardenschweren Infrastrukturprojekten dabei, der EU das Wasser abzugraben.

In den kommenden Wochen bis zur Europawahl Ende Mai will Steinmeier noch in Bulgarien und Slowenien vorbeischauen. Mit den Slowenen liefert sich Kroatien seit langem einen erbitterten Streit um einige Quadratkilometer Küstenmeer rund um die Adria-Bucht von Piran.

„Ich bin mir ganz sicher, dass Kroatien sich dieser großen Verantwortung sehr bewusst ist“, sagt Steinmeier bei einer Pressekonferenz mit Grabar-Kitarovic, die er noch aus vielen gemeinsamen Außenministerjahren gut kennt. Kroatien sei zwar erst 2013 in die EU eingetreten: „Ich darf aber sagen, Kroatien ist im Herzen der Europäischen Union angekommen.“ Das ist eine Geste an die stolzen Kroaten, die sich nicht immer ausreichend wertgeschätzt fühlen im Kreis der großen EU-Nationen.

Kroatien ist jüngstes EU-Mitglied – und erlebt eine regelrechte Völkerwanderung

Allgegenwärtig ist in Kroatien das Thema Auswanderung. Das jüngste EU-Mitglied, das 2013 beitrat und im ersten Halbjahr 2020 erstmals die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt und diese nach einem halben Jahr an Deutschland übergibt, muss jährlich einen Brain Drain von fast 50.000 Bürgern verkraften.

Sie zieht es vor allem nach Irland und Deutschland. Die Abwanderung sei für ihr Land „die Frage aller Fragen“, sagt Grabar-Kitarovic. Sie dürften viele Deutsche noch von der Fußball-WM 2018 kennen. Damals hüpfte die kroatische Präsidentin im rot-weiß karierten Trikot des Vizeweltmeisters auf der Tribüne herum.

Dass die freundlich lächelnde Staatspräsidentin wegen des Aderlasses ihrer Landsleute schon mal mit dem Gedanken spielte, man sollte vielleicht die Freizügigkeit in der EU wieder einschränken, kam in Berlin nicht gut an. Nach dem Treffen mit Steinmeier versichert sie nun: „Mobilität ist eine gute Sache.“

Sie ermuntere junge Leute, ins Ausland zu gehen - aber eben auch wieder in ihre Heimat zurückzukommen, so die selbstbewusste Präsidentin, die nach EU- und Nato-Mitgliedschaft ihr Land auch in den Euro- und Schengen-Raum führen will.

EU-Gleichmacherei erinnert Kroaten an jugoslawische Zeit

Ob die Rechnung aufgeht? Die bekannte kroatische Bloggerin Alis Maric, die lange in Deutschland lebte und es schafft, 500.000 Follower mit Literatur und Kunst zu begeistern, erzählt Steinmeier, dass die allgegenwärtige Korruption viele Kroaten in die Verzweiflung und letztlich die Flucht ins Ausland treibe.

Für ein paar Euro fährt der Bus von Zagreb nach München. Kein Blatt vor den Mund nimmt auch die deutsch-kroatische Schriftstellerin und Übersetzerin Alida Bremer, die in Münster lebt. Die aus Brüssel teils penetrant vorgetragene EU-Gleichmacherei, die nationale Identitäten infrage stelle, erinnere viele Kroaten an den Duktus aus jugoslawischer Zeit.

Da brauche sich niemand zu wundern, wenn Nationalisten diese Vorbehalte nutzten, um als Ablenkungsmanöver Vettern- und Misswirtschaft der EU in die Schuhe zu schieben. Bei Steinmeiers deutsch-kroatischen „Europa-Botschaftern“ Suton und Erceg mit ihren weißen Sneakern an den Füßen werden die Populisten nicht weit kommen.