Anschlag in Neuseeland

Terror in Christchurch: Waffenkult und Rassenhass

Der Anschlag auf Muslime in Moscheen erschüttert die ganze Welt. Mindestens 49 Menschen starben bei dem Terrorangriff.

Christchurch/Berlin. Die Welt ist entsetzt. Mitten in der neuseeländischen Stadt Christchurch, die bislang als Urlaubsidyll und Oase des Friedens bekannt war, schlug der rechtsextremistische Terror zu. Bei Attacken auf zwei Moscheen wurden am Freitag mindestens 49 muslimische Gläubige getötet und Dutzende verletzt. Staats- und Regierungschefs aus allen Kontinenten bis hin zum Papst sprachen den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus.

Was ist in Christchurch passiert?

Der Mörder kannte keine Gnade. Wahllos schoss der Täter am Freitagmittag mit seinem Schnellfeuergewehr auf mehr als 300 Gläubige, die zum Freitagsgebet in die Al-Nur-Moschee im Zentrum der neuseeländischen Stadt Christchurch gekommen waren. Nach wenigen Minuten wechselte der Täter das Magazin und feuerte weitere Salven in die Menge. Zeugen zufolge trug der Täter einen Helm und eine kugelsichere Weste.

Mit einer Helmkamera filmte er den Anschlag und stellte ein Video 17 Minuten lang ins Internet. Als er wieder in sein Auto stieg, lief ein Song von Arthur Brown aus dem Jahr 1968: „Fire“. Die erste Zeile: „Ich bin der Gott des Höllenfeuers. Und ich bringe euch: Feuer.“ Abgesehen von der unfassbaren Grausamkeit war die Inszenierung auch an Zynismus nicht zu überbieten. Dann sagte der Attentäter noch, dass er es bedauere, die Moschee nicht mit dem mitgebrachten Benzin abgefackelt zu haben. Der Kofferraum seines Auto war laut Polizei voller Waffen. Ein starkes Indiz, dass hier ein Waffennarr am Werk war.

Später fielen auch noch in einer anderen Moschee Schüsse. Insgesamt wurden mindestens 49 Menschen getötet. Die Kricket-Nationalmannschaft von Bangladesch entkam dem Massaker nur knapp. Sie war auf dem Weg in die Moschee, hörte die Schüsse und kehrte um.

Wer sind die Täter?

Die Polizei nahm vier Verdächtige fest, darunter eine Frau. Einer davon habe vermutlich nicht mit dem Angriff in Verbindung gestanden, hieß es. Bei den zwei weiteren Festgenommenen müsse noch geklärt werden, was sie mit dem Vorfall zu tun hätten, so die Polizei. Sie seien im Besitz von Schusswaffen gewesen.

Merkel: Wir stehen an der Seite der Menschen in Neuseeland

Bei dem Haupttäter handelt es sich um den 28-jährigen Australier Brenton Tarrant, einen Fitnesstrainer. Im Internet kursierte ein 74-seitiges Schreiben, das er kurz vor der Tat veröffentlicht haben soll. In dem Manifest bezeichnete er sich als „Kind der Arbeiterklasse“. Seine Vorfahren seien Einwanderer aus Schottland, Irland und England. Die Angriffe auf die Moscheen in Christchurch seien die „Rache für Ebba Akerlund“, sagte Tarrant. Die zwölfjährige Schwedin gehörte 2017 zu den fünf Todesopfern eines Terroranschlags in Stockholm. Ein islamistischer Attentäter war damals am Steuer eines Lastwagens in eine Menschenmenge gerast. Auf der Suche nach einem Anschlagsziel reiste Tarrant im vergangenen Jahr nach Pakistan. Das legen Fotos nahe, die inzwischen in den sozialen Medien aufgetaucht sind.

In seinem Manifest übte Tarrant auch scharfe Kritik an der Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wenige haben mehr getan, um Europa zu schaden und es von seiner eigenen Bevölkerung zu säubern.“

Ist es ein Anschlag von Einzeltätern, oder steckt eine rechtsextremistische Terrororganisation dahinter?

Nach bisherigen Erkenntnissen der Behörden in Australien und Neuseeland gibt es keine direkten Verbindungen zwischen den Attentätern von Christchurch und einer rechtsextremistischen Terrororganisation. Die Ermittlungen stehen allerdings erst am Anfang. Mehrere französische Medien berichteten, dass der mutmaßliche Attentäter 2017 nach Frankreich gereist sei und sich über eine angebliche „feindliche Übernahme“ Europas durch muslimische Migranten und Flüchtlinge erkundigt habe. Demnach habe er sich von rechten Verschwörungstheorien radikalisieren lassen. Ideologisch zeigt das Manifest des Täters klare Verbindungen zu weltweit agierenden rechtsextremen und rechten Gruppen.

Haben die Täter Vorbilder?

Der Haupt-Attentäter Brenton Tarrant malte Namen von anti-islamischen Vorbildern auf Militärausrüstung und Maschinengewehrmagazine, deren Fotos er über Twitter veröffentlichte. Der bekannteste unter ihnen dürfte Luca Traini sein. Der Italiener schoss im Februar 2018 in Macerata auf Immigranten und verletzte dabei sechs Afrikaner. Ein anderes Vorbild des Attentäters ist Sebastiano Venier, ein gewähltes Oberhaupt (Doge) der Republik Venedig. An der Spitze der sogenannten Heiligen Liga besiegte er 1571 in der Schlacht von Lepanto die Osmanen und verhinderte so deren Vorrücken nach Westen.

Auf einem von Tarrants Magazinen steht der Name der mittelenglischen Stadt Rotherham. Dort wurde 2014 ein Pädophilie-Skandal aufgedeckt. Zwischen 1997 und 2013 wurden dort insgesamt 1400 Kinder und Jugendliche missbraucht. Die meisten Täter stammten aus der örtlichen pakistanisch-britischen Gemeinschaft. Ein weiteres Vorbild suchte sich der Täter in Alexandre Bissonnette. Der Kanadier erschoss 2017 in einer Moschee in Quebec sechs Menschen.

Der auf einem anderen Magazin verzeichnete Schipkapass in Bulgarien steht für eine Reihe von Schlachten zwischen Russland und dem Osmanischen Reich. Als Held aus einer dieser Schlachten malte der Täter den Namen von Novak Vujosevic auf ein Magazin. Dieser kämpfte 1876 in Fundina aufseiten Montenegros gegen die Osmanen und wurde später vom russischen Zaren geehrt. Als weitere Vorbilder markierte Tarrant die Schlacht von Nauplia im Russisch-Türkischen Krieg 1770. Vor der Stadt auf dem griechischen Peloponnes kämpfte eine kleine russische gegen eine größere osmanische Flotte. Der letzte der vier in kyrillischer Schrift auf ein Magazin gemalten Namen von Kämpfern und Schlachten aus dem Balkan bezieht sich auf den bulgarischen Fürsten Fruzin, der im 15. Jahrhundert gegen die Osmanen kämpfte.

Welche Bezüge gibt es zum rechtsterroristischen Anschlag des Norwegers Anders Breivik am 22. Juli 2011?

Sowohl in der Taktik als auch in der Ideologie zeigen sich Parallelen des Attentäters von Christchurch zum Rechtsterroristen Anders Breivik, auf den sich Tarrant in seinem Manifest beruft. Breivik hatte 2011 Dutzende vor allem junge Menschen mit einer Waffe auf der norwegischen Insel Utoya ermordet. Auch er veröffentlichte ein Propaganda-Pamphlet, auch er war klar rechtsextrem motiviert und nutzte Schnellfeuerwaffen und Sprengstoff zum Töten. Zugleich unterscheidet sich das Ziel der Täter: Breivik nahm ein Zeltlager junger Sozialdemokraten ins Visier. Tarrant tötete Muslime in einer Moschee.

Warum der Tatort Neuseeland?

Wenn es ein Land gibt, das ein Heile-Welt-Image hat, dann ist es Neuseeland. Seine Markenzeichen sind eine fantastische Berg- und Meerkulisse, hoher Wohlstand, kaum Kriminalität. Vermutlich war es genau das, was den Attentäter Brenton Tarrant provozierte: „Ich habe mich für Neuseeland entschieden, weil ich beim Training gesehen habe, dass meine Aktion weltweit großes Aufsehen erregen würde“, begründete er seinen Anschlag in seinem 74-seitigen Manifest.

Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern kündigte am Freitagabend deutscher Zeit an, dass das Land seine Waffengesetze verschärfen werde. Der Haupttäter hatte zum Zeitpunkt des Anschlags einen gültigen Waffenschein.

Wie reagieren die Europäer?

Nun wächst auch in Europa wieder die Furcht vor extremistischen Anschlägen. Frankreich und Großbritannien erhöhten am Freitag die Sicherheitsvorkehrungen rund um religiöse Einrichtungen. Der französische Innenminister Christophe Castaner kündigte Kontrollen rund um religiöse Stätten an. Die britische Terrorabwehr erklärte, es werde verstärkt Polizeistreifen im Umkreis von Moscheen geben. In Berlin verwies das Innenministerium darauf, dass eine Erhöhung der Sicherheitsvorkehrungen Sache der Bundesländer sei. Bisher sei dem Ministerium dazu nichts bekannt.