Neuseeland

Terror in Christchurch: "Eindeutig islamfeindlich motiviert"

Die menschenleere Baitul Muqeet Moschee in Auckland, Neuseeland.

Die menschenleere Baitul Muqeet Moschee in Auckland, Neuseeland.

Foto: Phil Walter / Getty Images

Terrorismus-Experte analysiert die Ideologie des Attentäters von Christchurch: krude Theorien zu rassistischem "Kulturkampf".

Berlin.  Peter Neumann forscht seit vielen Jahren zu Terrorismus und Radikalisierung am Londoner King‘s College. In der Propaganda des rechtsterroristischen Attentäters von Christchurch erkennt er neben einem klaren muslimfeindlichen Motiv auch Bezüge zu kruden Theorien von einem rassistischen „Kulturkampf“. Im Internet habe sich eine „aggressive neurechte Subkultur“ etabliert, die sich überall ihren „Ideologie-Mix“ zusammensammeln würde, sagt Neumann im Interview mit unserer Redaktion.

Wie bewerten Sie die ideologischen Referenzen, die der rechtsterroristische Attentäter von Christchurch vor der Tat im Internet verbreitet hat?

Peter Neumann: Der Attentäter war eindeutig rassistisch und islamfeindlich motiviert. Er hat bewusst Muslime bei ihrem Gebet in einer Moschee getötet . Der Tathergang verdeutlicht seine Motivation: Hass auf Muslime. Zugleich inszenierte der Attentäter frühere rechtsterroristische Angreifer, indem er ihre Namen auf die Tatwaffen geschrieben hatte. Wer einen ersten Blick auf das „Manifest“ des Täters sowie seine propagandistischen Veröffentlichungen wirft, die er vor dem Angriff im Internet verbreitet hat, erkennt ein Sammelsurium aus verschiedenen Referenzen und Ideologien.

Lässt sich die Ideologie einer Gruppe zuordnen?

Neumann: Nein, das ist nicht eindeutig. Der Attentäter bezieht sich sowohl auf die Ideologie traditioneller Neonazis, zugleich aber spricht er etwa vom „großen Austausch“. Das ist eine populäre rassistische These der Neuen Rechten, die damit einen ‚Kulturkampf‘ propagiert.

Und noch etwas fällt auf: Der Attentäter postet nicht nur ideologische Texte oder Verweise, sondern veröffentlichte ein Sammelsurium an scheinbar unsinnigen, kruden und widersprüchlichen Videos und Parolen. Doch genau das ist typisch für eine aggressive neurechte Subkultur im Internet, die sich überall ihren Ideologie-Mix zusammensammelt.

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Der Attentäter hat seine Mordtat gegen Muslime live im Internet übertragen. Wie bewerten Sie das?

Neumann: Die brutale Tat live zu übertragen dient zum einen einer narzisstischen Selbstinszenierung des Täters. Zum anderen soll die Tat so medial verbreitet werden. Das ist neben Manifest und Verweisen durch den Attentäter Teil der Propaganda-Strategie. In dieser Form ist das neu.

Doch auch in der Vergangenheit hatten etwa dschihadistische Täter den Plan, ihre Morde live im Internet zu übertragen. Ich erinnere mich an den Attentäter von Toulouse im Jahr 2012. Auch er hatte eine Kamera dabei. Am Ende scheiterte er wohl mit dem Live-Stream, weil die Technik nicht funktionierte. Viele Experten rechnen jedoch damit, dass eine solche professionelle Inszenierung mit Videos und Live-Übertragungen längst Eingang gefunden hat in Strategien von Terroristen. Wir werden dies leider häufiger erleben.

Was können Plattformen wie Youtube oder Facebook tun, um diese Propaganda zu verhindern?

Neumann: Gegen die rasante und massenhafte Verbreitung lässt sich nur mit mehr Einsatz von Personal und Technik vorgehen, mit deren Hilfe diese brutalen Videos gelöscht werden. Eine Live-Überwachung der Plattformen halte ich für unrealistisch. Kein Unternehmen wird eine solche Übertragung von Attentaten verhindern können. Doch der Einsatz von Unternehmen wie Youtube und Facebook ist bisher zu gering. Die Firmen müssen mehr beisteuern im Anti-Terror-Kampf. Das ist ihre Verantwortung als global agierendes Unternehmen.

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