Kommentar

Terrorpläne in Dithmarschen: Fanatismus der Frustrierten

Ein Polizist steht während eines Einsatzes in einem Hauseingang in Meldorf im Kreis Dithmarschen in Schleswig-Holstein. Drei Männer aus dem Irak wurden festgenommen. Sie sollen eine Terrorzelle gebildet haben.

Ein Polizist steht während eines Einsatzes in einem Hauseingang in Meldorf im Kreis Dithmarschen in Schleswig-Holstein. Drei Männer aus dem Irak wurden festgenommen. Sie sollen eine Terrorzelle gebildet haben.

Foto: Karsten Schröder / dpa

Einzelne Flüchtlinge radikalisieren sich in Deutschland. Doch der aktuelle Fall zeigt: Wir haben es selbst in der Hand. Ein Kommentar.

Berlin.  Es sind die nicht jahrelang vorbereiteten Terrorpläne, die Polizisten und Nachrichtendienstlern derzeit Sorge bereiten. Nicht die schlimmen Szenarien wie 2001 in New York, nicht die „Teams von Terroristen“, die aus Terrorcamps in Nahost in Richtung Westen ausreisen, um Anschläge zu verüben.

Im Fokus der Ermittler in Deutschland sind einzelne junge Männer, Gruppen von zwei, drei Personen, die auf eigene Faust losschlagen wollen. Junge Menschen, die sich hier in Deutschland radikalisieren. Die sich ihre Bomben mit Anleitungen selbst im Internet zusammensuchen – oder angeleitet werden von einem Dschihadisten über verschlüsselte Chat-Programme.

Überwachung und Kraft der Integration nutzen

So lässt sich sagen, die aktuellen Festnahmen und Razzien in Schleswig-Holstein sind ein typischer Fall einer Radikalisierung, mitten in Deutschland. Das ist nicht weniger gefährlich. Doch darin liegt eine Chance: Wir haben es selbst in der Hand, diese Gewalt zu kontrollieren. Mit Überwachung. Aber auch mit der Kraft der Integration. Mit dem genauen Hinsehen.

Noch laufen die Ermittlungen: Laut Generalbundesanwalt sollen drei Geflüchtete aus dem Irak einen Terroranschlag geplant haben. Die drei jungen Iraker suchten dafür Anleitungen für Bomben im Internet, sammelten Schwarzpulver aus Silvesterraketen, wollten sich eine Waffe besorgen, die ihnen dann offenbar doch zu teuer war.

Sie überlegten, ob ein Anschlag mit Auto möglich ist. Die mutmaßlichen Täter waren offenbar fest entschlossen. Doch: Sie fassten laut Ermittler ihren Plan zum Terroranschlag erst hier. Deutschland war der Ort ihrer Radikalisierung.

Viele Dschihadisten radikalisieren sich erst in Deutschland

Der Fall tritt auch einer Legende entgegen: Dass Terror nur durch „gewaltbereite Muslime“ aus arabischen Staaten „importiert“ wird. Im Gegenteil: Viele der schwerkriminellen Dschihadisten, die im Namen des „Islamischen Staates“ Verbrechen in Syrien oder Irak begangen haben, kommen aus deutschen Städten, radikalisierten sich hier, reisten aus.

Der Islamwissenschaftler Oliver Roy bringt es auf den Punkt: „Das ist nicht der Nahe Osten, der sich da gegen den Westen erhebt.“

Die nun gefassten mutmaßlichen Gewalttäter sollen 2015 aus dem Irak nach Deutschland geflohen sein – offenbar nicht als Radikale, offenbar ohne gefährliche Pläne. So zitiert „Spiegel Online“ Ermittler. Die Details zu dem Fall aber müssen nun die weiteren Ermittlungen zeigen.

Junge Männer sind empfänglich für radikale Propaganda

Drei Erkenntnisse lassen sich – mit aller Vorsicht über mögliche neue Erkenntnisse zu dem Fall – jetzt schon festhalten: Erstens, vor allem junge Männer sind empfänglich für radikale Propaganda. Das gilt nicht per se, aber doch signifikant für Menschen, die eine Flucht hinter sich haben, die hier oftmals nur schwer Anschluss, Arbeit und Freunde finden.

Die oftmals isoliert leben, getrennt von ihren Familien. Flucht ist ein Bruch, der Menschen nach neuem Halt suchen lässt. Das wissen Propagandisten von Terrororganisationen und sprechen junge Flüchtlinge gezielt und vor allem über soziale Netzwerke an.

Polizei hat es mit der Überwachung schwer

Zweitens, die Gefahr dieser Radikalisierung in Nischen der Gesellschaft ist für Polizisten und Geheimdienste nur schwer zu überwachen. Wenn die Dschihadisten nur verschlüsselte Chats ansteuern und keine Moscheen oder bekannten Islamisten-Treffpunkte wird eine Kontrolle noch schwieriger.

Wenn die Radikalisierten nicht auf Lehrer und Klassenkameraden in der Schule treffen oder auf Arbeitskollegen in der Firma, fallen weitere Kontrollinstanzen für Menschen mit extremen Gedanken aus: das soziale Umfeld.

Kommunikation von Tatverdächtigen überwachen

Drittens, bieten Punkt 1 und 2 auch eine Chance: Deutschland hat es selbst in der Hand, Radikalisierung vor der eigenen Haustür zu stoppen. Die Sicherheitsbehörden müssen Kommunikation von Tatverdächtigen überwachen und auswerten können.

Nachrichtendienste müssen ihre Erkenntnisse über Dschihadisten noch enger und international austauschen. Terrorzellen agieren lokal, aber nicht selten sind sie digital eingebunden in ein globales Netzwerk des Dschihad.

Prävention durch enge Betreuung stärken

Vor allem aber sind enge Betreuung und Integration Schlüssel, um junge Menschen aus Syrien oder Irak in ihrer Radikalisierung zu bremsen. Im Kampf gegen den Terrorismus wird viel über höhere Strafen für „Gefährder“ diskutiert, viel neues Personal in die Sicherheitsbehörden investiert.

Über Prävention reden wir viel zu wenig. Wer ein Fluchttrauma bewältigen muss, braucht professionelle psychologische Hilfe. Wer jung ist, braucht das Gefühl, einen Wert in der Gesellschaft zu haben: durch Gespräche, durch Arbeit, durch Beziehungen. Das gilt nicht nur für einen Geflohenen. Sondern auch für einen Menschen, der hier aufgewachsen ist.