Manipulation

Social Bots machten online Stimmung gegen UN-Migrationspakt

Marokko, Marrakesch: Aufsteller mit Silhouetten von Migranten stehen auf dem Gelände der UN-Konferenz zum Migrationspakt. Die Berichterstattung über die Entscheidungen des Gipfels wurden im Netz offenbar massiv beeinflusst.

Marokko, Marrakesch: Aufsteller mit Silhouetten von Migranten stehen auf dem Gelände der UN-Konferenz zum Migrationspakt. Die Berichterstattung über die Entscheidungen des Gipfels wurden im Netz offenbar massiv beeinflusst.

Foto: Michael Kappeler / dpa

Eine Recherche zeigt: Automatische Accounts auf sozialen Medien haben Einfluss auf Nachrichten über den Migrationsgipfel genommen.

Berlin.  Vor der Verabschiedung des UN-Migrationspakts haben Recherchen eines Berliner Startup-Unternehmens zufolge zahlreiche Social Bots im Internet Stimmung gegen die internationale Übereinkunft gemacht.

Laut der Analyse der Firma botswatch sind mehr als ein Viertel aller Twitter-Nachrichten zum Migrationspakt (28 Prozent) auf Social Bots zurückzuführen, wie die Tageszeitung „Die Welt“ (Montag) berichtete. Den Analysten zufolge sei der Durchschnitt bei politischen Diskussionen sonst etwa um die Hälfte niedriger (10 bis 15 Prozent).

Der jetzige Anteil von Social Bots sei so hoch wie seit der Bundestagswahl im vergangenen Jahr nicht mehr. Social Bots sind in sozialen Netzwerken agierende Computerprogramme, die sich als reale Menschen tarnen.

Für ihre Studie zum Migrationspakt habe botswatch rund 800.000 Tweets untersucht, die zwischen dem 24. November und dem 2. Dezember veröffentlicht wurden, hieß es. Der Bundestag hatte sich am 29. November für den Pakt der Vereinten Nationen ausgesprochen.

Accounts streuten, das Abkommen sei rechtlich bindend

Gestreut worden seien zum Beispiel Behauptungen, wonach die Bundesregierung versuche, die Öffentlichkeit beim Migrationspakt bewusst zu täuschen: Das Abkommen sei rechtlich bindend, damit hole die Regierung Flüchtlinge bewusst nach Deutschland.

Wichtig für die Verbreitung der Inhalte seien neben Twitter auch Plattformen wie YouTube. Auf mögliche Hintermänner der Social Bots gehe die Analyse nicht ein.

„Jemand scheint Interesse daran zu haben, dass diese Debatte geführt wird und dass gezielt Falschinformationen über den UN-Migrationspakt verbreitet werden“, sagt botswatch-Geschäftsführerin Tabea Wilke der „Welt“. Das Thema eigne sich sehr gut dafür, die westliche Wertegemeinschaft infrage zu stellen.

Barley: Falschmeldungen haben Debatte beeinflusst

Justizministerin Katarina Barley hat in einer Reaktion auf die Nachricht zu einem verstärkten Kampf gegen Lügen im Internet aufgerufen. „Manipulative Meinungsroboter, sogenannte Social Bots, sind eine Gefahr für die Demokratie“, sagte die SPD-Politikerin unserer Redaktion.

„Das wirft ein Schlaglicht darauf, wie organisierte Falschmeldungen die Debatte um ein Thema beeinflussen können.“ Die Betreiber Sozialer Netzwerke müssten ihrer Verantwortung gerecht werden und konsequent gegen organisierte Lügen und Fake News im Netz vorgehen.

Die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Nadine Schön (CDU), erinnerte an die Pflicht von Twitter und Co., für Transparenz zu sorgen. „Den Nutzern muss eindeutig klar sein, ob ein Mensch oder ein Social Bot einen Tweet oder einen Post veröffentlicht hat“, sagte Schön.

Gesetzgeber ebenfalls in der Pflicht

Der Autor und Blogger Schlecky Silberstein (bürgerlich Christian Maria Brandes) sieht auch den Gesetzgeber in der Pflicht. „Man kann beispielsweise ein ganz normales Gesetz anleiern, das den Einsatz von Social-Media-Bots grundsätzlich verbietet“, sagte er im SWR.

Nötig seien aber auch massive Aufklärungskampagnen, um Bots von authentischen Social-Media-Profilen unterscheiden zu können: „Das ist ein Teil der Medienkompetenz, bei der wir von der Schule bis zum Altenheim ein Verständnis in der breiten Gesellschaft erreichen müssen.“

Staats- und Regierungschefs waren am Montag in Marrakesch zusammengekommen, um den Migrationspakt zu verabschieden. Deutschland wurde bei dem zweitägigen Gipfel in der marokkanischen Stadt von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vertreten.

Ziel des völkerrechtlich nicht bindenden Handlungsrahmens ist es, lebensgefährliche und chaotische Migration durch internationale Kooperation zu verhindern. (fmg/aba/epd)