Gastbeitrag

George H. W. Bush: Überzeugter Vorkämpfer für die freie Welt

Der damalige US-Präsident George H.W. Bush im Juni 1989 bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus.

Der damalige US-Präsident George H.W. Bush im Juni 1989 bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus.

Foto: Marcy Nighswander / dpa

Als Architekt der Wiedervereinigung wird George H.W. Bush für immer einen Platz in unseren Geschichtsbüchern einnehmen. Ein Nachruf.

Berlin.  Wir haben mit George Bush senior einen treuen Freund Deutschlands und überzeugten Vorkämpfer für eine freie Welt verloren. Als einer der großen Transatlantiker und als Architekt der Wiedervereinigung Deutschlands wird der ehemalige US-Präsident für immer einen besonderen Platz in unseren Geschichtsbüchern einnehmen.

Er war vielleicht kein Abraham Lincoln, kein George Washington, kein Franklin D. Roosevelt, auch kein Ronald Reagan – aber er war ein bedeutender Präsident und ein Mann, der Geschichte schrieb.

Bush wusste um die weltpolitische Verantwortung der USA

George H. W. Bush hatte sein Amt als 41. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika übernommen, als die Welt sich dramatisch veränderte. Die geostrategischen Umwälzungen im Mittleren Osten und in Europa forderten den Außenpolitiker Bush. Und er bewältigte diese beispiellosen Herausforderungen mit Bravour und Besonnenheit.

George H. W. Bush war ein erfahrener Politiker, durch seine Karriere bestens auf das Präsidentenamt vorbereitet, kultiviert und taktvoll. Er wusste um die weltpolitische Verantwortung der Vereinigten Staaten von Amerika, ohne die engsten Partner und Freunde zu brüskieren. Bush verkörperte die Prinzipien der internationalen Zusammenarbeit.

Früherer US-Präsident Bush im Alter 94 Jahren gestorben

Der Republikaner George H. W. Bush war von 1989 bis 1993 Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.
Früherer US-Präsident Bush im Alter 94 Jahren gestorben

Ohne Bush keine deutsche Wiedervereinigung

Gerade wir Deutschen und wir Berliner haben George H. W. Bush viel zu verdanken. Bush vollendete, wofür sein Amtsvorgänger Ronald Reagan in den achtziger Jahren die Weichen gestellt hatte: die friedliche Beendigung des Kalten Krieges, den Sieg der Freiheit über Kommunismus und Totalitarismus.

Ohne Bush hätte es 1990 keine deutsche Wiedervereinigung gegeben. Gegen die Bedenken europäischer Verbündeter wie Großbritannien und Frankreich auf der einen Seite und der damaligen Sowjetunion auf der anderen Seite, trieb er die Deutsche Einheit entschlossen voran. Auch, weil er dem neuen, modernen Deutschland, das seine dunklen Kapitel der Vergangenheit überwunden hatte und ein wertvoller westlicher Verbündeter geworden war, vertraute.

Er war überzeugt, dass ein wiedervereinigtes Deutschland für niemanden eine Bedrohung darstellt – im Gegenteil: Er bot der Bundesrepublik Deutschland „partnership in leadership“ an. Die Deutschen sollten Partner der Amerikaner bei der Führung der westlichen Welt werden – eine Rolle, mit der Deutschland bis heute hadert, die aber ohne Alternative bleibt. Seine Botschaft von damals bleibt unser Auftrag: Wir müssen im europäischen Kontext global gestalten, nicht verwalten.

George Bushs Weitblick fehlt heute schmerzhaft

Aber es war nicht nur Deutschland, das Bush auf Augenhöhe einzubinden wusste. Mit der deutschen Wiedervereinigung brach auch kurz danach die Sowjetunion und ihr gesamter Einflussbereich zusammen. Bush blieb besonnen und vermied Triumphgeheul gegenüber Moskau. Er werde „nicht auf der Mauer tanzen“, sagte er damals. Bush wollte die Russen nicht demütigen, sondern als Partner gewinnen.

Zu Gorbatschow entwickelte er eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, so dass die Russen der Einheit Deutschlands in der NATO zustimmen konnten. Eine politische und diplomatische Meisterleistung. In seinem Amtskollegen Helmut Kohl fand er mit dieser Formel den richtigen Partner. Gemeinsam mit ihm arbeitete Bush daran, die Vorbehalte der anderen Partner nicht nur bei der Frage der deutschen Wiedervereinigung zu überwinden, sondern auch eine euro-atlantische Sicherheitsarchitektur voranzutreiben, in der Moskau einen gleichwertigen Platz einnehmen sollte.

Wie sehr diese Vision eine Fiktion geblieben ist, müssen wir heute leidvoll erfahren. Der Geist von Bush, sein Weitblick, der von Pragmatismus, von gegenseitigem Mut und Vertrauen der damaligen politischen Protagonisten geprägt war, fehlt uns heute schmerzhaft – in einer Zeit, in der Frieden in Europa und darüber hinaus wieder bedroht ist.

Heute erleben wir den Gegenentwurf zu George Bush

Seine staatsmännische Hingabe für eine liberale Weltordnung hat ihn zu einem der wichtigsten Protagonisten der transatlantischen Wertegemeinschaft unserer Zeit gemacht. Unilaterales Handeln war ihm fremd. Er hat auf die Einbindung von Partnern gesetzt und an die Stärke des Multilateralismus geglaubt. Und er wusste, wie das Beispiel Irak zeigt, dass Alleingänge die Destabilisierung einer ganzen Region zur Folge haben können. Eine Weitsicht, die sich nicht jedem seiner Amtsnachfolger zu Eigen war.

Mit US-Präsident G. H. W. Bush verlieren wir einen Typus von Staatsmann, der jene Besonnenheit, Courage, Demut und Weitsicht verkörperte, die vielen politischen Führern in der Welt heute leider fehlt.

Heute erleben wir den Gegenentwurf des politischen Credos, das er im Januar 1989 in seiner Antrittsrede als 41. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika verkündete: Die USA als Supermacht möge eine freundlichere und sanftere Nation werden. Diesen Anspruch verband Bush mit seiner globalen Vision von Frieden, Freiheit, Demokratie und Dialog. Es ist sein Vermächtnis, dass wir in der heutigen Zeit umso entschiedener gegen eine globale illiberale Internationale verteidigen und weiterführen müssen.

George H. W. Bush war der richtige Mann zur richtigen Zeit

Die innenpolitische wie wirtschaftspolitische Situation Amerikas im Verlauf seiner Amtszeit teilte ihm allerdings ein Schicksal zu, welches er wiederum mit anderen großen politischen Gestaltern des 20.Jahrhunderts wie z. B. Winston Churchill teilte: Nach einer Amtszeit von nur 4 Jahren musste er sich seinem jüngeren Gegenkandidaten geschlagen geben: Bill Clinton, der den Aufbruch in ein neues Amerika ebenso verkörperte wie später Barack Obama.

Für uns Deutsche war es jedenfalls gut, dass mit George H. W. Bush der richtige Mann zur richtigen Zeit an der entscheidenden Schaltstelle der westlichen Welt saß. Ohne ihn hätten die Deutschen nicht derart glücklich ihren Weg zum wiedervereinigten Deutschland gehen können. Ja, er war ein großer Geburtshelfer und ein Glück für unser Land und alle Deutschen. Sein Vermächtnis wirkt bis heute. Wir verneigen uns vor ihm und seiner politischen Lebensleistung.

Der wohl letzte wirkliche transatlantische US-Präsident

George H. W. Bush war ein großer Staatsmann, dessen Eigenschaften und Prinzipien zu Recht mit Begriffen umschrieben werden, die in der aktuellen Politik leider selten geworden sind: Bescheidenheit, Respekt, Würde, Demut, Weitsicht, Klugheit, aber auch Mut und Entschlossenheit in historisch einzigartigen Situationen- vielleicht neben seinem damaligen Pendant Michail Gorbatschow die letzte Jahrhundertgestalt aus einer heute fast vergessenen Zeit, der wir uns aber umso sehnsüchtiger erinnern, weil sie vom Vertrauen zwischen zwei weltpolitischen Gestaltern geprägt war – ohne triumphale Gesten.

Weil er wusste: Es ging eben in diesen entscheidenden Jahren der Geschichte nicht nur um die Einheit des Kontinents und Deutschlands, sondern vor allem um die Freiheit der Menschen in ganz Europa, und um die Begründung einer dauerhaften Friedensordnung für den gesamten euroatlantischen Raum. Heute ist uns Deutschen und uns Europäern schmerzhaft bewusst, dass George H. W. Bush wohl auch der letzte wirkliche transatlantische US-Präsident gewesen ist.

Prof. Wolfgang Ischinger ist Chef der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), er war u.a. Staatssekretär des Auswärtigen Amts und Botschafter in Washington DC. Als enger Mitarbeiter von Außenminister Genscher und später als Botschafter in den USA hat er an verschiedenen Begegnungen und persönlichen Gesprächen mit George H.W. Bush teilgenommen.

Detlef W. Prinz ist Verleger der englischsprachigen Zeitung „The German Times – A Trans-Atlantic Newspaper“ in den USA. Auch er blickt auf viele persönliche Begegnungen mit dem 41. US-Präsidenten in Berlin und den Vereinigten Staaten von Amerika zurück. In diesem Beitrag würdigen beide das politische Wirken und Leben von George H. W. Bush.

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