Wirtschaftsminister

Wie Minister Peter Altmaier die Energiewende retten will

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Wirtschaftsminister Peter Altmaier versucht, die Energiewende vor dem Scheitern zu bewahren. Ein schwieriges Projekt für den CDU-Mann.

Bornheim/Cloppenburg.  Peter Alt­­maier krempelt die Hemdsärmel hoch und nimmt sich das Mikrofon. Der Bundeswirtschaftsminister steht in einem Zelt am Umspannwerk Sechtem, südlich von Köln. Vor ihm sitzen Abgeordnete und Bürgermeister. „Es geht hier, kurz zusammengefasst, um Deutschland und die Welt“, sagt Altmaier. Es folgt ein etwa halbstündiges Plädoyer für die Energiewende und dafür, dass sie Vorbild für die Welt sein müsse. Bei dieser Wende wolle er „alle mitnehmen“.

Als Altmaier fertig ist, meldet sich der Bürgermeister aus dem benachbarten Hürth, er heißt Dirk Breuer, und sagt, bei ihm würden jetzt 90 Meter hohe Strommasten gebaut. Sie reichten direkt an die Häuser heran. Breuer aber will keine Masten, der Strom müsse in einem Erdkabel fließen, fordert er. „Aber da tut sich nichts.“

Zumindest in Hürth fühlen sie sich noch nicht mitgenommen bei der Energiewende. In gerade einmal vier Jahren werden die letzten deutschen Kernkraftwerke abgeschaltet. Der Ausstieg aus der Kohle ist beschlossen. Die erneuerbaren Energien sollen massiv ausgebaut werden, ihr Anteil bis 2030 von derzeit 36 Prozent auf 65 Prozent steigen.

Die Energiewende in Deutschland steht auf der Kippe

Das Stromnetz aber ist noch nicht bereit für diese Energiewende. Ökostrom kann mitunter nicht ins Netz eingespeist werden, weil dafür die bisherigen Leitungen nicht ausreichen – darum drehen sich manchmal Windräder nicht, selbst wenn es starken Wind gibt.

Lange schon sind 1800 Kilometer neue Stromleitungen geplant, damit der Strom von den Windparks in der Nordsee zur Industrie im Westen und Süden der Republik fließen kann. Tatsächlich fertig sind aktuell nur 800 Kilometer. Zusätzlich soll es drei riesige Stromautobahnen geben, die von Nord nach Süd verlaufen; keine einzige davon liegt in der Erde.

Langsame Planungsverfahren und der Widerstand von Anwohnern haben das bisher verhindert. Die Energiewende, das wohl ehrgeizigste wirtschaftspolitische Vorhaben weltweit, steht auf der Kippe.

„Katastrophal in Verzug“ sei der Ausbau des Stromnetzes, sagt der Wirtschaftsminister und will jetzt Druck machen. Das Thema soll Chefsache werden. Ein neues Gesetz soll die Planung beschleunigen. Im September plant Altmaier einen „Netzgipfel“ mit den Bundesländern. Vorher will er mit Bürgern und Landwirten reden, die von den neuen Stromleitungen betroffen sind.

Um zu dokumentieren, dass er es ernst meint, hat sich der Minister mit seinen wichtigsten Beamten in einen Bus gesetzt, um sich die Lage vor Ort anzusehen. Dort, wo es nicht rund läuft, will er für den Ausbau des Stromnetzes werben.

Masten aus dem Jahr 1927 – die ältesten in Deutschland

In Sechtem, in der Nähe des Umspannwerks, sieht die Lage so aus: Altmaier steht auf einem Acker und beobachtet, wie ein neuer Strommast zusammengesetzt wird. Vier dieser Masten ragen hier nebeneinander in den Himmel. Einige sind aus dem Jahr 1927, sie sind die ältesten in ganz Deutschland. Es ist die Trasse, die auch durch Hürth führt.

Um leistungsfähigere Leitungen tragen zu können, wird sie modernisiert. Der Minister macht spontan den Vorschlag, die alten Masten nachts anzuleuchten und hier ein „kulturelles Event“ stattfinden zu lassen: „Die Akzeptanz der Leute nimmt zu, wenn sie spüren, das ist etwas ganz Besonderes“, glaubt Altmaier.

Dirk Breuer, der Bürgermeister aus Hürth, schüttelt da nur den Kopf. Er behauptet, dass bei ihm in der Stadt neulich eine Baustellenampel ausgefallen sei – wegen der elektromagnetischen Strahlung der Hochspannungsleitungen. „Das ist veraltete Technik“, meint Breuer. Die Akzeptanz für neue Masten sei gleich null. Er will ein Erdkabel in Hürth.

Das ist aber nicht nur fünfmal so teuer wie eine Freileitung. Es liegen auch schon Rohre für Öl und Gas im Boden. Die Firma Amprion, die die Stromleitung betreibt, weist außerdem darauf hin, dass die Häuser in den vergangenen Jahrzehnten dichter an die Stromtrasse herangerückt seien und nicht umgekehrt.

Bauern machen sich wegen Erdwärme Sorge um ihre Pflanzen

Das Problem an der Diskussion um die Stromnetze ist, dass man die Energie, um die es geht, nicht sieht. Viele Menschen verstehen nicht genau, was in den Kabeln passiert und wozu es die neuen Kabelübergabestationen und Konverter braucht.

Sie sehen die Masten, die immer größer werden, und hören das Knistern der Leitungen. Sie wissen, dass Erdkabel warm werden, und glauben, dass dies den Boden verändert. „Nicht so warm, dass man damit Bratkartoffeln machen kann“, wie Altmaier witzelt. Aber „handwarm“, wie die Firmen erklären, die die Netze bauen.

Bauern machen sich deshalb Sorge um ihre Pflanzen – und um den Wert der Felder. Liegt ein Kabel in der Erde, lassen sich die Grundstücke nicht mehr in Bauland umwandeln. Außerdem müssen die Betreiber der Stromleitungen für den Eingriff in die Natur sogenannte Ausgleichsflächen kaufen, die ökologisch so hochwertig sein müssen, dass auf ihnen in der Regel keine Landwirtschaft mehr möglich ist. Auf diese Weise wird das Ackerland knapper. Die Preise steigen auch für schlechte Böden. Die Bauern fordern deshalb höhere und vor allem regelmäßige Entschädigungen.

Firmen sollten Bedenken der Bürger ernst nehmen

Eine Herde Schafe, Windräder und eine Stromleitung – im Stapler Moor in Ostfriesland scheint die energiepolitische Idylle perfekt zu sein. Aber die Leitung soll versetzt werden, die Bewohner von 19 Häusern bekommen ebenfalls größere Masten als bisher vor die Nase gesetzt. Zum Teil stehen sie weniger als 200 Meter vor ihrer Haustür.

„Das wird hier sehr, sehr kritisch gesehen“, sagt Heinz Trauernicht, der örtliche Bürgermeister. Seine Bürger stören sich nicht nur am Anblick der Masten, sie haben auch den Eindruck, auf das geschützte Moor werde mehr Rücksicht genommen als auf sie selbst: „Den Leuten ist unwohl. Sie haben das Gefühl, dass das gefährlich sein kann“, sagt Trauernicht.

Lex Hartman, der Chef der Firma Tennet, die die Leitung in Ostfriesland bauen wird, kennt diese Gefühle. Er sagt: „Jeder Radiowecker auf dem Nachttisch strahlt mehr als diese Leitung.“ Aber Hartman weiß auch, dass er die Diskussion darum nicht gewinnen kann. Die Bedenken ernst nehmen und individuelle Lösungen suchen, mehr könne man nicht tun, meint er.

Viele Bürger fühlen sich von Netzbetreibern nicht wahrgenommen

Viel mehr als warme Worte hat auch Minister Altmaier nicht dabei, als er am Donnerstagabend in der Stadthalle von Cloppenburg zum „Bürgerdialog Stromnetz“ erscheint. Die Veranstaltung wird von seinem Ministerium organisiert, mehr als hundert Bürger sind gekommen. „Wir müssen reden“, sagt Altmaier zum Publikum.

In der Tat: Viele von denen, die sich zu Wort melden, sehen ihre Interessen nicht berücksichtigt. „Wir werden bei der Planung von den Netzbetreibern übers Ohr gehauen“, sagt der Vertreter einer Bürgerinitiative. „Wir fühlen uns über den Tisch gezogen“, klagt ein anderer. Es würden zu wenige Erdkabel geplant, außerdem sei es doch sinnvoller, die Stromleitungen entlang großer Straßen zu legen.

Der Wirtschaftsminister antwortet ausführlich und verspricht, die Kritik zu prüfen und weiterzugeben. Den Landwirten sichert er zu, über regelmäßige Entschädigungen nachzudenken, auch wenn dies rechtlich und finanziell heikel sei. „Es geht um ein Gespür für Gerechtigkeit“ sagt Altmaier. Er verspricht, dass er sich „mit dem ganzen Gewicht meiner Person“ dafür einsetzen werde, „dass es den Menschen gut geht“.

Die nächste Reise zu den Strombaustellen, auch das sagt er, sei bereits geplant. Auch in Thüringen, in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg wollen die Menschen mitgenommen werden.