Flüchtlinge

Die Balkanroute verschiebt sich nach Bosnien-Herzegowina

Migranten warten im griechischen Patras auf eine Möglichkeit zur Weiterreise Richtung Mitteleuropa.

Migranten warten im griechischen Patras auf eine Möglichkeit zur Weiterreise Richtung Mitteleuropa.

Foto: Milos Bicanski / Getty Images

Der Weg über Serbien nach Westeuropa ist kaum noch passierbar. Migranten weichen deshalb auf das überforderte Bosnien-Herzegowina aus.

Sarajevo.  Etwa eine halbe Stunde nach dem Ruf des Muezzins kommen sie. Jeden Tag um 17 Uhr öffnet sich der Kofferraum des Autos, und die Flüchtlinge, die sich in dem Park gegenüber vom Rathaus aufhalten, bekommen Essen. Es sind etwa 30 zumeist junge Männer, viele von ihnen stammen aus Algerien und Marokko.

Sie gelangten über die Südroute nach Sarajevo, in die Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Die klassische Balkanroute ist heute weitgehend geschlossen: 2015 und 2016 kamen Hunderttausende über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien nach Österreich.

Gefängnisse in Serbien schrecken ab

Die Südroute verläuft anders. „Von Griechenland nach Albanien kostet es 400 Euro, um die Beamten zu schmieren“, erzählt der Algerier Ahmed. „Von Albanien nach Montenegro 200 Euro, weiter nach Bosnien-Herzegowina 100 Euro. Morgen holt mich der Schlepper ab und bringt mich für 200 Euro nach Kroatien.“ Über Serbien sei es zu gefährlich. „Denn wenn du dort von der Grenzpolizei erwischt wirst, landest du sofort für 14 Tage im Gefängnis“, sagt der 24-Jährige.

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Auch aus diesem Grund wählen immer mehr Migranten den Weg über Bosnien-Herzegowina, um in die EU zu gelangen. Die meisten von ihnen wollen nach Deutschland. Laut dem bosnischen Sicherheitsministerium gaben alle an, dass sie das Ziel haben, in Westeuropa Asyl zu beantragen. In Sarajevo wollen nur wenige bleiben.

Die bosnische Grenzpolizei ist chronisch unterbesetzt

Trotzdem ist auch hier die Zahl der Asylanträge gestiegen: von 66 im Jahr 2016 auf 341 im Vorjahr. Im ersten Vierteljahr 2018 wurden bereits 254 Asylanträge gezählt. „Eine große Mehrheit bekundet hier nur die Absicht, sich um Asyl zu bewerben, ohne dass sie sich tatsächlich registrieren lassen“, erklärt das bosnische Sicherheitsministerium. In diesem Jahr waren das bereits 1174 Menschen.

Die meisten sind aber offensichtlich weitergereist. Nach Angaben des Ministeriums kamen sie aus Algerien, Pakistan, Marokko, Syrien, Afghanistan, Libyen und der Türkei. Sicherheitsminister Dragan Mektić sagte kürzlich, die Lage sei noch nicht alarmierend, aber die Zahl der Flüchtlinge steige ständig. Problematisch ist vor allem, dass die bosnische Grenzpolizei chronisch unterbesetzt ist – ein Fünftel der Beamten fehlt. Es mangelt an Geld.

Flüchtlinge kommen bei Bosniern zu Hause unter

Das Flüchtlingszentrum Delijaš nahe Sarajevo ist mittlerweile überfüllt. Dort bekommen die Menschen Essen, Gesundheitsversorgung, Schulbildung und Rechtsberatung. „In begründeten Fällen werden Rückführungsabkommen nach Montenegro und Serbien genutzt“, so das bosnische Sicherheitsministerium. Manche Migranten sind bei Bosniern zu Hause untergekommen.

Der Zustrom illegaler Flüchtlinge von Griechenland Richtung Norden dürfte nach einem neuen Urteil des obersten griechischen Verwaltungsgerichts weiter zunehmen. Die Richter haben die Internierung von Asylsuchenden auf den griechischen Inseln aufgehoben. Das Urteil wurde allerdings noch nicht veröffentlicht. Das Gericht revidierte damit seine umstrittene Entscheidung aus dem Jahr 2016. Wenn sich die Migranten frei bewegen können, wird es für sie leichter, weiterzureisen.