Schul-Offensive

Neue Regierung muss in der Bildungspolitik endlich liefern

Der Schulalltag ist vielerorts desolat: zu wenige Lehrer, zu viel Unterrichtsausfall – und damit zu hohe Hürden für den Lernerfolg der Schüler.

Der Schulalltag ist vielerorts desolat: zu wenige Lehrer, zu viel Unterrichtsausfall – und damit zu hohe Hürden für den Lernerfolg der Schüler.

Foto: Daniel Karmann / dpa

Die nächste Regierung muss zeigen, dass sie es ernst meint mit der Schul-Offensive. Bisher blieb es oft bei vollmundigen Ankündigungen.

Berlin.  Klingt das nicht großartig? „Wir wollen die Bildungschancen in Deutschland verbessern“, versprechen Union und SPD für den Fall, dass sie wieder zusammen regieren sollten. Und: Bildung soll das „Schlüsselthema“ für Deutschlands Zukunft sein. Große Worte. Große Pläne. Na endlich, möchte man seufzen. Jetzt passiert mal was. Doch leider zeigt die Erfahrung: Je wortgewaltiger die Versprechen, desto mickriger das Ergebnis. In der Bildungspolitik sind die deutschen Parteien Ankündigungsriesen und Durchsetzungszwerge.

Eltern, Lehrer und Schüler haben den Eindruck, dass die Lücke zwischen „Bildung first“-Rhetorik und messbaren Veränderungen im desolaten Schulalltag seit Jahren weiter wächst. Zwar gibt es auch in anderen Politikfeldern eine immense Fallhöhe vom Wahlkampfversprechen zum Verwaltungsalltag. Doch in wenigen Bereichen sind die Folgen so dramatisch.

Kinder gehen nur einmal zur Schule. Und nur einmal werden die Weichen auf so grundsätzliche Weise gestellt wie in den ersten Jahren im Bildungssystem. Geht das schief, weil es zu wenige Lehrer, zu viel Unterrichtsausfall und damit zu hohe Hürden für den Lernerfolg gibt – dann lässt sich das kaum wiedergutmachen. Und die Bedingungen werden eher noch schwieriger.

Erschöpfte Lehrer werden zum Alltag gehören

Laut einer neuen Studie werden im Jahr 2025 an Grundschulen 35.000 regulär ausgebildete Lehrer fehlen. Das ist in sieben Jahren. Wer also jetzt ein Kind bekommt, kann sich schon mal darauf einstellen, dass Stundenausfall, Vertretungsunterricht und erschöpfte Lehrer bei der Einschulung zum Alltag gehören werden. Die vielen Quereinsteiger, die jetzt schon helfen, die Lücken zu schließen, werden dann zwar bereits Profis durch Erfahrung sein – aber nur, wenn sie bis dahin überhaupt durchgehalten haben.

Zugestanden, wer langfristig kluge Bildungspolitik planen will, hat es nicht leicht. 16 Bundesländer, 16 verschiedene Ansätze. Hinzu kommt: Jahrelang sanken die Schülerzahlen, Lehramtsstudenten mussten sich anhören, dass es keine Stellen gibt, Schulen wurden nur noch provisorisch renoviert, andere ganz geschlossen.

Zwei Entwicklungen führten zur Trendwende

Doch dann passierten zwei Dinge, die den Schulplanern einen Strich durch die Rechnung machten: Die Deutschen bekommen wieder mehr Kinder. Und: Die Zuwanderung, nicht nur durch Bürgerkriegsflüchtlinge, sondern auch durch EU-Migranten, hat Deutschland verjüngt. Doch bis der Tanker der Bildungspolitik sich auf die Trendumkehr eingestellt hat, dauert es lang. Zu lange.

Zumal wenn man bedenkt, dass auch ohne steigende Schülerzahlen dringend mehr Lehrer gebraucht würden. Denn: Die Schulen werden immer mehr zu gesellschaftlichen Reparaturanstalten. Sie müssen nicht nur Lesen und Rechnen beibringen. Sie müssen vielen Kindern überhaupt erst mal Lust aufs Lernen machen. Die jüngste Grundschulstudie zeigt: Jeder fünfte Viertklässler kann nicht richtig lesen, in Mathematik rutschten sie unter den internationalen Durchschnitt.

Bundesweite Standards wünschenswert

Union und SPD haben sich nun darauf geeinigt, für den Fall einer neuen GroKo einen nationalen Bildungsrat einzurichten und das Grundgesetz zu ändern, um mehr Geld für Bildung vom Bund in die Länder zu schaufeln. Besser noch wäre es, die 16 Bundesländer auf gemeinsame Bildungsstandards zu verpflichten – sprich: hier den Föderalismus zu beenden.

Doch es ist immerhin ein Anfang. Wenn die drei Regierungsparteien jetzt noch die Energie, mit der sie über ein paar Dutzend Härtefälle beim Familiennachzug streiten können, in Verbesserungen für die elf Millionen Schüler in Deutschland stecken würden – dann ist es sogar ein hoffnungsvoller Anfang.