Pisa-Studie

Bildung: Diese Instrumente sorgen für mehr Chancengleichheit

Foto: iStock/skynesher

Schüler aus bildungsfernen Schichten sind laut einer neuen Studie weniger stark abgehängt als früher. Grund dafür sind auch Reformen.

Berlin.  Von wegen Leistungsprinzip: Dass schulischer Erfolg in Deutschland noch immer eng mit dem Elternhaus verknüpft ist, ist seit Langem eines der größten Probleme deutscher Bildungspolitik. Jetzt zeichnet sich Besserung ab: Die Zahl der Kinder aus sozial schwächeren Familien, die trotz schwieriger Startbedingungen in der Schule erfolgreich sind, steigt. Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gelang es 2015 32,3 Prozent der Kinder aus eher bildungsfernen Elternhäusern, solide Leistungen in der Schule zu erbringen. Das ist deutlich mehr als noch 2006, als dieser Anteil bei 25 Prozent lag.

Die Zahlen sind das Ergebnis einer Sonderauswertung der aktuellsten Pisa-Studie aus dem Jahr 2015. Darin untersuchten die Forscher, unter welchen Bedingungen es Kindern und Jugendlichen gelingt, außerschulische Nachteile auszugleichen und in der Schule erfolgreich zu sein. Schüler aus sozial und wirtschaftlich schwächeren Familien, die im Lesen, in Mathematik und Naturwissenschaften mindestens die dritte von sechs Kompetenzstufen der Pisa-Tests erreichen, gelten als resilient – was bedeutet, dass sie ihre schwierigen Startbedingungen überwunden haben.

Politik kann erfolgreiches Lernen fördern

Mit einem Drittel resilienter Schüler und Schülerinnen liegt Deutschland über dem Durchschnitt der 80 Pisa-Länder und gehört zu jenen Ländern, in denen dieser Anteil am stärksten gewachsen ist. Die höchsten Raten können die Bildungssysteme von Hongkong und Macao vorweisen. Mehr als die Hälfte der Schüler aus eher bildungsfernen Elternhäusern schafft es dort, Nachteile auszugleichen und solide Noten zu schreiben. Am anderen Ende der Skala stehen unter anderem Brasilien und Tunesien, wo der Anteil resilienter Jugendlicher laut OECD im Ein- bis Zwei-Prozent-Bereich liegt.

Wie viele und welche Schüler trotz schwieriger Voraussetzung erfolgreich lernen, ist dabei nicht nur eine Frage individueller Veranlagung, betont die OECD, sondern kann durch Bildungspolitik aktiv beeinflusst werden. „Wir können vielleicht den sozialen Kontext nicht ändern, aber wir können ändern, wie sich dieser soziale Kontext auswirkt“, erklärte Andreas Schleicher, Direktor der OECD für Bildung und Kompetenzen. Schleicher lobte die bisherigen Anstrengungen in Deutschland, um Chancengleichheit zu vergrößern.

Größere soziale Mischung besonders förderlich

Vor allem mehr Ganztagsschulen, die Zusammenführung von Haupt- und Realschulen in vielen Bundesländern, mehr frühkindliche Bildung und die stärkere Förderung von Schülern mit Migrationshintergrund hätten zu besseren Chancen für benachteiligte Schüler beigetragen. „Chancengleichheit bleibt die größte Herausforderung“, sagte Schleicher. Aber die Sonderauswertung zeige, dass es möglich sei, den Teufelskreis zu durchbrechen.

Eines der wichtigsten Instrumente dafür: eine größere soziale Mischung an den Schulen, wie sie zum Beispiel durch die Zusammenführung von Haupt- und Realschulen erreicht werden kann. Benachteiligte Jugendliche würden enorm von gemeinsamem Unterricht mit besser situierten Altersgenossen profitieren, so die Wissenschaftler.

Kein negativer Effekt auf sozial bevorteilte Schüler

Woran das liegt, ist nicht eindeutig klar. Eine mögliche Erklärung ist ein positiver Einfluss der Jugendlichen aufeinander. Schon die Tatsache, dass ein Mitschüler einen Berufswunsch habe, den man selbst für sich noch nicht in Erwägung gezogen hat, könne helfen, neue Perspektiven zu eröffnen, erklärt Schleicher.

Ein weiterer möglicher Grund für den positiven Effekt von sozialer Durchmischung könne das Verhalten der Lehrer sein: Solange nur ein oder zwei Schüler mit schwierigeren Startbedingungen in der Klasse seien, sei es für Lehrkräfte einfacher, diese als Problemfälle abzuschreiben. Eine größere Vielfalt in der Klasse, so der Bildungswissenschaftler, biete einen größeren Anreiz, Herausforderungen anzugehen. „Es ist kein Nullsummenspiel“, betont Schleicher. Schüler aus Haushalten mit hohem Bildungsniveau würden nicht schlechter werden, wenn sie mit Mitschülern aus sozial schwächeren Familien unterrichtet werden.

Größe der Klassen hat keinen Einfluss

Keinen nennenswerten Einfluss auf die Chancengleichheit unter den Schülern haben dagegen Aspekte wie die technische Ausstattung von Schulen oder die Größe der Klassen. „Die Anzahl der Computer, der Tablets sagt sehr wenig über das Arbeitsklima aus“, sagte Schleicher. Das Schulklima – ebenfalls ein wichtiger Faktor für die Entwicklungschancen benachteiligter Jugendlicher – beurteilten die Wissenschaftler stattdessen danach, wie geordnet der Unterricht abläuft: So erfragten sie bei den teilnehmenden Jugendlichen, ob Schüler ihren Lehrern zuhören, wie lange es nach Beginn einer Stunde dauert, bis Schüler tatsächlich arbeiten und wie häufig es im Klassenraum chaotisch und laut zugeht.

Schleicher appellierte an SPD und CDU, die derzeit über eine große Koalition verhandeln, sich auf dem Erreichten nicht auszuruhen. Der eingeschlagene Weg müsse weitergegangen werden. Denn für die zwei Drittel der Schüler aus sozial schwächeren Haushalten, die in der Schule mehr kämpfen müssen als ihre resilienten Klassenkameraden, wird es nicht einfacher werden. „Risikoschüler stehen vor immer größeren Herausforderungen“, warnte Schleicher. Mit der fortschreitenden Digitalisierung wachse der Einfluss, den Bildung auf den gesamten Lebensverlauf hat, weiter. Wer jetzt den Anschluss verliere, habe später kaum eine Chance aufzuholen. „Es ist der letzte abfahrende Zug“, sagte Schleicher.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.