Hamburg. In der arabischen Welt toben Kriege – aber in Israel boomt die Wirtschaft. Staat hat sich zum zweiten Silicon Valley gemausert.

Zwischen der Vergangenheit und der Zukunft liegt manchmal nur eine Zimmerdecke. Das Haus in der Shoken Street am Rande der Tel Aviver Innenstadt wirkt unscheinbar, fast heruntergekommen. In der zweiten Etage arbeitet ein Polsterer an Stühlen, die ihre besten Zeiten hinter sich haben. Ein Stockwerk darüber werkeln junge Hipster, die ihre Zukunft noch vor sich haben, am digitalen Morgen. Und viele multinationale Konzerne arbeiten mit.

„Sosa“ heißt das Büro, in dem Zukunft gemacht wird. Hier entwerfen junge Israelis Ideen, programmieren Anwendungen, gründen Unternehmen. Sie treffen sich in den modernen Arbeitsräumen mit der offenen Küche, in der zwei Köche gerade ein mediterranes Mittagessen zubereiten. Sosa ist nicht allein ein gemeinsamer Arbeitsplatz für junge Freiberufler, sondern auch ein Ort, wo Geistesblitze auf Geld, wo Ideen auf Investoren, wo Unternehmergeist auf Unternehmensberater treffen. „Connecting Global Innovators“ lautet das Motto – globale Entwickler verbinden. Da wollen große deutsche Namen nicht fehlen: SAP, Arvato Bertelsmann, die Deutsche Telekom oder die Münchner Rück sind aus Deutschland im Sosa-Netzwerk vertreten – und die Stadt Köln.

Multinationale Unternehmen sind omnipräsent

Multinationale Unternehmen sind in Tel Aviv längst omnipräsent. Die Airport City, eine riesige Bürostadt, die vor einem Jahrzehnt nahe dem Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv aus dem Boden gestampft wurde, bietet den globalen Unternehmen wie Siemens, General Electric, Motorola oder AT&T eine vollklimatisierte Heimat.

Mittendrin sitzt die Israel Innovation Authority, die oberste Entwicklungs- und Innovationsbehörde, die einen Businessplan zur Entwicklung des Hightech-Standorts entwickelt hat. Noch vor einem Vierteljahrhundert hätte kaum jemand Zukunftstechnologie sofort mit Israel verbunden. Mit einem Anteil von 2,5 Prozent des Brutto­inlandsprodukts für Forschung und Entwicklung rangierte das kleine Land damals­ im weltweiten Vergleich unter ferner liefen; heute steht der Mittelmeeranrainer mit 4,3 Prozent vor Korea und Japan an der Weltspitze – zudem kommen vier von fünf investierten Schekel aus privaten Kassen.

Zukunft des Automobils wird in Israel erforscht

„Israel bietet nach dem Silicon Valley das innovativste Ökosystem für Start-ups außerhalb der USA“, sagt Uri Gabel, Chefstratege der Israel Innovation Authority. Das renommierte World Economic Forum lobt das kleine Land gar als „Tech-Titan“. Die Zahlen klingen beeindruckend: Mehr als 6000 Start-ups sind in Israel heimisch, Wagniskapital steht in Hülle und Fülle bereit, 70 Prozent der Investitionen kommen aus dem Ausland. Und doch hat die Agentur längst neue Ziele ausgegeben und ruht sich nicht auf den Erfolgen aus: „Die ökonomischen Effekte könnten größer sein“, sagt Gabel. „Sie beschränken sich noch zu sehr auf eine Teilmenge der Wirtschaft und einen kleinen homo­genen Teil der Bevölkerung.“ Nun soll die zweite Stufe des Wirtschaftswunders gezündet werden: Die Zahl der Techjobs soll sich innerhalb einer Dekade von 250.000 auf 500.000 verdoppeln.

Es sind nicht nur Zahlen und Namen, die beeindrucken, sondern auch Erfindungen: der USB-Stick, der erste Intel-Prozessor und die Vorschlagsfunktion von Google, die Suchaufträge automatisch vervollständigt, wurden in Israel entwickelt. Gerade wird die Revolution in der Automobilität im Nahen Osten erdacht. Nach einem Bieterkampf übernahm Google die innovative Navigations-App Waze 2013 für mehr als eine Milliarde Dollar – Waze verbindet ein soziales Netzwerk, das Baustellen oder Unfälle meldet, mit einem Kartendienst.

Bei Sosa in Tel Aviv,
der Zentrale eines
großen Netzwerks,
werden Ideen für
morgen entwickelt
Bei Sosa in Tel Aviv, der Zentrale eines großen Netzwerks, werden Ideen für morgen entwickelt © HA | Matthias Iken

Sogar mehr als 15 Milliarden Dollar zahlte Intel im Frühjahr für Mobileye, ein Unternehmen, das Assistenz- und Sicherheitssysteme für Fahrzeuge entwickelt. Die Mobileye-Sensoren und Kameras funktionieren wie ein umfassendes Auge, erkennen Gefahren und sind eine Schlüsseltechnologie für das autonome Fahren. „Weltweit gibt es jährlich 1,24 Millionen Verkehrstote“, sagt Udi Remer, Director of Business Development bei Mobileye. „Für 93 Prozent sind menschliche Fehler verantwortlich.“ Blieben hingegen zwei Sekunden Reaktionszeit mehr, sinke das Unfallrisiko um fast 100 Prozent. Längst geht es nicht nur um Sicherheitssensoren, sondern um das autonome Fahren. Inzwischen forschen die Entwickler von Mobileye, BMW und Intel in Jerusalem am ersten vollautomatischen Fahrzeug. Auch Daimler, Bosch, Porsche und General Motors haben Forschungszentren in Israel errichtet.

Bei Cymotovis Technologies arbeitet VW mit Yuval Diskin, dem früheren Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes, zusammen. In Herzliya nördlich von Tel Aviv wollen die Partner die Sicherheit vernetzter Autos entwickeln. „Unser Vorteil ist unsere Kreativität“, sagt Diskin. Und das besondere Know-how in Sachen Cybersicherheit – ein Fünftel der weltweiten Ausgaben in diesem Bereich kommt aus Israel. Das Militär ist ein Beschleuniger des technologischen Wandels.

Dreijähriger Wehrdienst

Der dreijährige Wehrdienst gilt vielen als Schule des Unternehmertums; viele verbinden ihn mit einem Technikstudium und knüpfen Kontakte mit anderen Start-up-Gründern. „Wegen unserer besonderen Sicherheitslage müssen wir technologisch führend sein“, sagt Diskin. Die Armee sucht gezielt Talente und bildet sie an den besten Universitäten aus. Die Konzentration auf die Sicherheitstechnik wirft später auch viele zivile Nutzungsideen ab. Selbst das Internet ging ursprünglich auf das US-Verteidigungs­ministerium zurück.

Die hochfliegenden Visionen des kleines Landes zeigen sich auch in der Teilnahme am Lunar X-Prize, den Google ausgelobt hat. Dabei geht es um die erste private Mondmission mit einem Landefahrzeug. Das israelische Space IL gilt als Favorit. Yariv Bash, Gründer des Drohnenunternehmens Flytrex, ist als Teamleiter mit dabei und erhofft sich einen „Apollo-Effekt“ für Israel. Er will eine Welle der Begeisterung für Technik und Wissenschaft lostreten. „Es ist ein Projekt, das das Land glücklich macht“, sagt Bash.

Auf Wirtschaftswunder dringend angewiesen

Israels Wirtschaft ist nicht nur im 21. Jahrhundert angekommen, sie hat das 20. Jahrhundert und die Industrialisierung fast komplett ausgelassen. Noch vor einem halben Jahrhundert waren Zitrusfrüchte das wichtigste Exportgut, heute sind es Hightech-Anwendungen. Über die Autos, die das Land einst zu produzieren versuchte, machen die Israels längst Witze: „Wenn man einen Sussita in der Wüste geparkt hat, haben die Kamele die Karosserie aufgefressen.“ Heute lacht keiner mehr über die Softwareprofis aus der Wüste.

Das Land ist auf sein Wirtschaftswunder allerdings dringend angewiesen. Anders als die meisten anderen hoch entwickelten Volkswirtschaften wächst Israel rasant. Waren es 1990 nur 4,5 Millionen Einwohner, leben heute 8,5 Millionen Menschen in dem Staat, der nur so groß wie Hessen ist. Bis zum 100. Jubiläum der Staatsgründung 2048 könnten es gar 16 Millionen Menschen werden. Noch immer streben Juden aus der ganzen Welt ins „gelobte Land“, um hier eine bessere Zukunft zu finden oder einer tristen Gegenwart zu entkommen. Im vergangenen Jahr kamen nicht nur viele russische Juden, sondern auch etliche Glaubensbrüder und Schwestern aus Frankreich, um dem dort grassierenden Antisemitismus zu entfliehen.

Jerusalem: Auch eine Metropole der Orthodoxie

Ein weiterer Treiber des Bevölkerungswachstums sind die ultraorthodoxen Juden, die extrem früh heiraten und im Durchschnitt mehr als sieben Kinder haben. Die tiefreligiösen Israelis sind längst eine Problemgruppe in Gesellschaft und Wirtschaft: Ihre Bildung beschränkt sich auf das Thorastudium, die Orthodoxen sind nur sehr schwer in den anspruchsvollen Arbeitsmarkt zu in­tegrieren und oft von Transferleistungen abhängig. Die überschaubare Gruppe, von der Staatsgründer David Ben-Gurion einst annahm, sie werde im neuen Israel aufgehen, hat inzwischen einen Anteil von rund elf Prozent. Und die Brüche und Gräben im Land wachsen.

Tel Aviv und Jerusalemsind nur 60 Kilometer getrennt und streben durch immer neue Siedlungen und Großstädte vom Reißbrett entlang der Schnellstraße fast zusammen. Und doch trennen sie Welten: Während Tel Aviv mit seinen Wolkenkratzern, dem Strandleben, seiner Multikulturalität wie ein New York am Mittelmeer wirkt, ist Jerusalem auch eine Metropole der Orthodoxie. Die Ul­traorthodoxen mit ihren Bärten und Schläfenlocken sind in Tel Aviv kaum zu sehen, in Jerusalem hingegen ein fester Teil des Straßenbildes; der langhaarige Hipster aus Tel Aviv wirkt in der Heiligen Stadt wie ein Fremder. Es gibt viele Israels. Und der Staat wirkt allen Gegensätzen zum Trotz wie ein gallisches Dorf – die einzige Demokratie weit und breit, die einzige Marktwirtschaft, das einzige moderne und tolerante Land.

1999 gründeten Ziv
Aviram (rechts) und
Amnon Shashua das
Unternehmen
Mobileye. Im Frühjahr
kaufte der US-Riese
Intel die Firma
für insgesamt 15,3
Milliarden US-Dollar
1999 gründeten Ziv Aviram (rechts) und Amnon Shashua das Unternehmen Mobileye. Im Frühjahr kaufte der US-Riese Intel die Firma für insgesamt 15,3 Milliarden US-Dollar © picture alliance

Es ist die Ironie einer bitteren Geschichte: Der Boom der Start-up-Szene hängt mit der unruhigen Lage im Nahen Osten zusammen. Die jüngsten Krisen und Kriege in der Region haben Israel sogar eher genutzt: Die arabische Welt arbeitet sich nicht mehr an den verhassten Juden ab und streitet für die Palästinenser, sondern bekriegt sich selbst. Sunniten kämpfen gegen Schiiten, Islamisten terrorisieren Staaten, Saudi-Arabien ringt mit dem Iran um die Vorherrschaft. Und in Israel ist es so ruhig wie lange nicht. Mit einer Mischung aus umfangreicher Überwachung und professionellen Sicherheitskräften, mit Checkpoints, Mauern und Zäunen konnten die Israelis die ständigen Terrorangriffe weitgehend unterbinden. Doch viele Israelis ahnen, dass angesichts einer andauernden Expansionspolitik auch im Westjordanland diese relative Ruhe nur eine Atempause sein könnte.

Zudem stellt sich die Frage, wie sehr der wirtschaftliche Erfolg einer schmalen digitalen Elite auf die Durchschnittsbürger durchschlagen. In einer aktuellen Studie etwa liegt Tel Aviv weltweit bei den Mietkosten schon auf Rang 27 und damit deutlich vor Hamburg (53.). Die Gentrifizierung ist um einiges krasser als in Deutschland – Normalverdiener finden kaum noch eine bezahlbare Wohnung in der Stadt, während Besserverdiener in futuristischen Hochhäusern den Blick aufs Meer genießen.

Gespaltene Gesellschaft

Die einst fast sozialistische Gesellschaft der Juden ist eine gespaltene Gesellschaft geworden. Der Gini-Koeffizient, der die Einkommensverteilung misst, liegt in Israel bei 0,36 und damit ähnlich schlecht wie in Großbritannien oder Lettland. Deutschland kommt mit einem Wert von 0,29 einer gerechten Einkommensverteilung deutlich näher. Für Avi Simhon, Wirtschaftsberater von Premierminister Netanjahu, hat dies auch mit den Ultraorthodoxen und den Arabern zu tun, die zusammen rund 30 Prozent der Bevölkerung stellen und deren Anteil stetig wächst. „Die meisten sind sehr arm. Wir investieren aber viel in die Bildung.“ Tatsächlich ist der Anteil der Bildungsausgaben mit 7,8 Prozent höher als in allen anderen Ländern.

Diese Investitionen sind alternativlos. Eine Rückkehr zum Zitronenhandel kann keine Perspektive für Israel sein. Eher ist eine Verlängerung der Wertschöpfung von Interesse. Damit kommt Deutschland ins Spiel. Beide Staaten ergänzen sich fast perfekt. Hier das kreative, moderne, internetaffine, aber manchmal etwas schludrige Israel, dort das langsame, qualitätsbewusste, indus­triell breit aufgestellte Deutschland. „Wir sind nicht so diszipliniert oder geduldig, dafür sehr kreativ“, sagt Yuval Diskin. „In Deutschland treffen wir auf Unternehmen, die sehr langfristig denken und diszipliniert agieren“, betont der Partner von VW. Gegensätze, die sich anziehen: Was dem einen an Mentalität oder Struktur fehlt, bringt der andere mit. Da könnten sich zwei Staaten finden. Und der Start-up-Boom in Israel würde am Ende hierzulande weitererzählt.