Flüchtlinge

„Ärzte ohne Grenze“: Libyen bedroht Seenotretter massiv

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Das MFS-Rettungsschiff „Vos Prudence“ im Hafen von Neapel.

Das MFS-Rettungsschiff „Vos Prudence“ im Hafen von Neapel.

Foto: Michele Amoruso / dpa

Der Chef von „Ärzte ohne Grenzen“ wirft Libyen vor, die Seenotretter auf dem Mittelmeer zu gefährden. Er warnt nun vor mehr Toten.

Berlin.  „Ärzte ohne Grenzen“ wirft der libyschen Regierung, Seenotretter von Hilfsorganisationen massiv zu bedrohen. „Wir retten im Rahmen des geltenden Seenotrechts Menschen aus dem Wasser, die vor grausamen Zuständen in libyschen Internierungslagern fliehen“, sagte der Deutschlandchef der Organisation, Volker Westerbarkey, der „Welt“. „Nicht wir handeln illegal, sondern die libysche Regierung, wenn sie unseren Mitarbeitern droht, legale Rettungsaktionen in internationalen Gewässern mit Gewalt zu verhindern.“

Am Wochenende hatte „Ärzte ohne Grenzen“ den Einsatz seines Rettungsschiffs „Prudence“ im Mittelmeer ausgesetzt, mit dem bereits Tausende Flüchtlinge aus Seenot gerettet wurden. Westerbarkey begründete dies mit Sicherheitsrisiken für die Helfer, nachdem libysche Behörden angekündigt hatten, ihre Kontrollen auf internationale Gewässer auszuweiten. Auch die Hilfsorganisation Sea-Eye stoppte ihre Rettungsfahrten im Mittelmeer.

Mehr Tote im Mittelmeer erwartet

Westerbarkey erwartet nun eine steigende Zahl von Toten im Mittelmeer. „Es werden mehr Menschen im Mittelmeer sterben, weil es weniger Schiffe vor Ort gibt, und es werden mehr Menschen in Libyen inhaftiert bleiben.“ Diejenigen, die nicht im Mittelmeer ertrinken, würden abgefangen und nach Libyen zurückgebracht. Das Land sei „ein Ort der Gesetzlosigkeit, willkürlichen Inhaftierung und extremen Gewalt“.

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Westerbarkey begründete zudem, warum seine Organisation den von den italienischen Behörden verlangten Verhaltenkodex für Flüchtlingsretter ablehnt. „Dass wir uns von bewaffneten Polizisten auf unseren eigenen Schiffen kontrollieren lassen müssen, verletzt ein Hauptprinzip der humanitären Hilfe – nämlich ohne Waffengewalt arbeiten zu können“, sagte der „Ärzte ohne Grenzen“-Chef.

Vorwürfe gegen Hilfsorganisationen

Westerbarkey widersprach zudem dem Vorwurf, dass „Ärzte ohne Grenzen“ indirekt das Geschäft von Menschenschleppern vor der nordafrikanischen Küste betreibt, indem die Organisation Migranten rettet. „Ich schließe definitiv aus, dass unsere Mitarbeiter Kontakte zu Menschenschleppern in Libyen haben“, betonte er.

„Diese Anschuldigungen sind haltlos und sollen die Seenotrettung in Verruf bringen.“ Wenn ein Schlauchboot mit 100 Menschen untergehe, „denke ich als Mensch und Arzt nur darüber nach, wie ich die Menschenleben rette“.

EU-Flüchtlingskommissar nimmt Seenotretter in Schutz

EU-Flüchtlingskommissar Dimitris Avramopoulos hatte zuvor eine bessere Koordinierung der Seenotrettung im Mittelmeer angemahnt. „Menschenhändler sind unsere größten Gegner“, sagte er unserer Redaktion.

Alle Hilfsorganisationen sollten sich an einen Verhaltenskodex halten, der von Italien vorgestellt worden sei. Für alle Beteiligten müssten ganz klare Regeln gelten. „Je breiter die geeinte Front, desto leichter wird es sein, die Schleppernetzwerke zu zerschlagen“, betonte Avramopoulos.

Zugleich nahm der EU-Kommissar private Seenotretter gegen den Vorwurf in Schutz, sie erleichterten den Schleppern das Geschäft. „Die Mehrheit der Nichtregierungsorganisationen hilft uns bei unseren Bemühungen, Leben zu retten“, sagte Avramopoulos. (epd/les)