Rechtsextremisten

Was wir über die tödliche Attacke in Charlottesville wissen

Auto rast bei Nazi-Demo in Gegendemonstranten

Bei einer Nazi-Demo in Charlottesville, Virginia, ist ein Auto in eine Gruppe Gegendemonstranten gerast. Eine Frau kam ums Leben, viele weitere wurden verletzt,
So, 13.08.2017, 09.19 Uhr

Auto rast bei Nazi-Demo in Gegendemonstranten

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Eine Kundgebung von Rechtsextremisten in den USA ist in massiver Gewalt eskaliert. Eine Frau starb. Wir klären die wichtigsten Fragen.

Berlin/Charlottesville.  Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Rechtsextremen und Gegendemonstranten in der US-Stadt Charlottesville ist am Samstag mindestens eine Frau getötet worden. Wir klären die wichtigsten Fragen.

Was ist passiert?

In der Stadt Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia starb eine 32-jährige Frau, als ein Auto in eine Menschenmenge raste. Zuvor war es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und Schlägereien zwischen Ultra-Nationalisten und Gegendemonstranten gekommen.

Amateur-Videoaufnahmen von Samstag zeigen ein silbergraues Auto, das mit hoher Geschwindigkeit durch eine enge Straße auf Gegendemonstranten zufährt. Menschen wurden durch die Luft geschleudert. Augenzeugen berichteten, es habe so ausgesehen, als habe der Fahrer gezielt Menschen treffen wollen.

Der mutmaßliche Täter ist 20 Jahre alt und stammt aus Ohio. Er wurde nach der Tat festgenommen.

Die Autoattacke ereignete sich nach Medienberichten, als ein Großteil der Kundgebungsteilnehmer bereits abgezogen war und die Gegendemonstranten einen eigenen Protestzug bildeten.

Was ist zu den Opfern bekannt?

Eine 32-jährige Frau ist tot. Sie sei über die Straße gelaufen und dort von dem Auto erfasst worden, sagte der örtliche Polizeichef Al Thomas. Sie gehörte zur Seite der Gegendemonstranten.

Der Bürgermeister von Charlottesville, Mike Signer, wandte sich via Twitter an die Bürger. Er sei untröstlich, dass ein Mensch sein Leben gelassen hätte. Er rufe alle Menschen auf, nach Hause zu gehen.

Bei dem Attentat wurden 19 Personen verletzt, fünf davon waren laut einer Sprecherin der medizinischen Fakultät der Universität von Virginia am Sonntag noch in kritischem Zustand.

15 weitere Personen wurden laut der Polizei zuvor bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den rechten Aktivisten und den Gegendemonstranten verletzt.

Wer ist der Täter?

Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um James Alex F. junior aus dem US-Bundesstaat Ohio. Er soll das Auto vorsätzlich in die Gruppe von Menschen gesteuert haben.

Fotos von der Demonstration am Samstag zeigen ihn inmitten der Gruppe "National Vanguard", einer Organisation von Nationalisten mit Sitz in Charlottesville.

Gegen den 20-jährigen wird nun wegen vorsätzlicher Tötung, vorsätzlicher Körperverletzung und auch wegen Fahrerflucht ermittelt. Er soll am Montag angeklagt werden.

Ein Onkel des Verdächtigen, den die "Washington Post" zitiert, beschreibt den jungen Mann als "nicht gerade freundlich, eher kleinlaut." F. sei ohne Vater bei seiner alleinerziehenden Mutter aufgewachsen und habe die meiste Zeit im Norden von Kentucky gelebt. Sein Vater, der bei einem Unfall kurz vor seiner Geburt starb, habe seinem Sohn Geld hinterlassen, das der Onkel verwaltete. "Als er 18 Jahre alt wurde, hat er das Geld verlangt", sagt der namentlich nicht genannte Onkel. "Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe."

Neben F. wurden im Zusammenhang mit den gewaltsamen Auseinandersetzungen auch drei weitere Personen festgenommen.

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Wie geht es nun weiter?

Das FBI hat die Ermittlungen übernommen. Die Bundespolizei werde alle "Fakten und Hinweise" sammeln und untersuchen, ob gegen Bürgerrechtsgesetze verstoßen worden sei, teilte das FBI am späten Samstagabend mit. Unterstützung kommt aus dem Justizministerium. Minister Jeff Sessions sagte die volle Unterstützung seines Ministeriums zu.

Wie reagierte US-Präsident Donald Trump?

Trump äußerte sich erst spät – und auch eher zurückhaltend. Zwar verurteilte er die "ungeheuerliche Gewalt" vom Samstag, erwähnte dabei die Kundgebung der Rechtsextremen aber nicht direkt. Stattdessen sprach er pauschal von "Gewalt von vielen Seiten". Dafür gab es heftige Kritik, auch aus seiner eigenen Partei. Politiker werfen Trump schon seit geraumer Zeit vor, sich nicht deutlich genug vom rechten Rand zu distanzieren.

"Mr. President – wir müssen das Böse beim Namen nennen. Dies waren weiße Rassisten und dies war einheimischer Terrorismus", schrieb etwa der republikanische Senator von Colorado, Cory Gardner. "Es ist sehr wichtig, dass der Präsident die Ereignisse in Charlottesville als das beschreibt, was sie sind, ein Terroranschlag weißer Rassisten", äußerte sich der republikanische Senator Marco Rubio aus Florida.

Kritik kam aber auch aus dem Lager der Demokraten. Die frühere Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, bot Trump via Twitter eine kleine Schulung an. "Sprechen Sie mir nach, Herr Trump: Weiße Überlegenheit ist eine Beleidigung amerikanischer Werte."

Und Joe Biden, Vize-Präsident unter Trumps Vorgänger Barack Obama, kommentierte das Ganze knapp mit den Worten. "Es gibt nur eine Seite."

Worum ging es bei den Protesten?

Rechtsextreme Gruppen, darunter Anhänger der Alt-Right-Bewegung sowie frühere Vertreter des Ku-Klux-Klans, hatten in Charlottesville gegen die Entfernung einer Statue des Konföderationsgenerals Robert E. Lee demonstriert. Lee hatte Sklaverei befürwortet und die Armee der Südstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg angeführt. Es soll sich um eine der größten Demonstrationen von Nationalisten und Rechtsextremisten in den USA in den vergangenen Jahren gehandelt haben.

An der Kundgebung unter dem Motto "Vereinigt die Rechte" hatten schätzungsweise mehrere Tausend Menschen aus verschiedenen ultrarechten Gruppen teilgenommen.

Die Rechtsextremen hatten sich seit Freitagabend zu Hunderten teilweise bewaffnet in der Universitätsstadt 180 Kilometer südwestlich von Washington versammelt. Die Aktion hatte am Freitag mit einem nächtlichen Fackelzug begonnen. Nach Fernseh- und Augenzeugenberichten waren mehrere Kundgebungsteilnehmer mit Baseballschlägern gekommen. Einige trugen Helme und Schutzanzüge, andere schwenkten Holzpfosten.

Der frühere Ku-Klux-Klan-Anführer David Duke erklärte, die Versammlung markiere "einen Wendepunkt". Die Teilnehmer seien "gekommen, um die Versprechen von Donald Trump zu erfüllen". Trump sei gewählt worden, "weil er gesagt hat, dass er uns unser Land zurückgibt".

Ist Charlottesville für rechte Gruppen bekannt?

Nein. Das rund 50.000 Einwohner zählende Stadt gilt als liberal. Bei der Präsidentenwahl 2016 etwa stimmten die Bewohner mit überwältigender Mehrheit für die demokratische Kandidatin Hillary Clinton. (mit dpa und rtr)

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