Terror

Täter des Anschlags in Berlin doch noch auf der Flucht

Behörden tappen trotz aller Bemühungen, den Todesfahrer vom Breitscheidplatz zu fassen, noch ziemlich im Dunkeln.

Behörden tappen trotz aller Bemühungen, den Todesfahrer vom Breitscheidplatz zu fassen, noch ziemlich im Dunkeln.

Foto: Rainer Jensen / dpa

Nach der Todesfahrt des Lkw nimmt die Polizei Verdächtigen fest. Doch er kommt wieder auf freien Fuß. Ermittler tappen im Dunkeln.

Als die Vertreter der Sicherheitsbehörden am frühen Dienstagnachmittag vor die Presse treten, bemühen sie sich erkennbar um Transparenz. Rund eine Stunde lang stehen sie Rede und Antwort. Sie erklären, ordnen ein und nennen Details. Doch der vielleicht aussagekräftigste Satz kommt von einem Journalisten. Er wolle niemanden zu nahe treten, sagt der Mann. Aber er habe den Eindruck, dass die Behörden trotz aller Bemühungen, den Todesfahrer vom Breitscheidplatz zu fassen, noch ziemlich im Dunkeln tappten.

Das trifft es, mindestens bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe, ziemlich gut. Denn die Erwartung, nach dem Grauen von Montagabend schnell einen Täter zu präsentieren, können die Ermittler nicht erfüllen. Schlimmer noch: Dem Vernehmen nach haben sie nicht einmal eine heiße Spur zu einem Verdächtigen. Es ist sogar denkbar, dass der Mann, der mit einem Sattelschlepper in die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz raste und insgesamt zwölf Menschen in den Tod riss, noch frei herum läuft – möglicherweise mit einer Schusswaffe.

550 Polizisten, 153 Feuerwehrleute, 80 Helfer

Aber der Reihe nach: Als sich am Montagabend die trügerische Hoffnung in Luft auflöst, dass die deutsche Hauptstadt von einem Anschlag verschont bleiben könnte, ist es exakt 20.02 Uhr. Der Lkw einer polnischen Speditionsfirma fährt an der Ecke Kant-, Hardenbergstraße in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, reißt Stände um und kommt nach etwa 60 bis 80 Metern auf der Budapester Straße zum Stehen.

Sofort wird Alarm ausgelöst. Kurz darauf treffen erste Rettungskräfte ein. 550 Polizisten, 153 Feuerwehrleute, 80 Helfer des Roten Kreuzes und anderer Hilfsorganisationen werden es letztlich sein. „Wir haben auch Unterstützung bekommen von Ärzten, die zufällig vorbeigekommen sind“, sagt Landesbranddirektor Wilfried Gräfling. Die Stadt hält zusammen. Eine Panik bleibt aus. Doch die Bilanz ist erschreckend. Noch am Tatort bergen die Retter neun Tote, drei weitere Menschen sterben im Krankenhaus.

Identifizierung der Toten ist kompliziert

Kinder sind nicht darunter, aber möglicherweise Jugendliche und auch Ausländer. Die Identifizierung der Toten ist kompliziert. In de Krankenhäusern werden gut 50 Verletzte versorgt. 14 von ihnen ringen nach wie vor mit dem Tod. Unmittelbar nach der Tat – von der man angesichts der wenigen gesicherten Erkenntnisse immer noch nicht so recht weiß, wie man sie bezeichnen soll – meint ein Zeuge, beobachtet zu haben, wie ein Mann aus der Fahrerkabine des Lkw springt und fluchtartig den Tatort verlässt.

Der Passant folgt dem Verdächtigen bis in den Tiergarten, ruft die Polizei an – und um 20.56 Uhr nimmt die Besatzung eines Streifenwagens an der Siegessäule einen Mann fest, von dem die Ermittler glauben, es könnte der von dem Zeugen beobachtete Fahrer sein. Ein Tatverdächtiger, nicht einmal eine Stunde nach der Todesfahrt. Die Beamten atmen auf. Vorläufig. Der Sicherheitsapparat läuft nun auf Hochtouren, die Polizei ist angesichts der Warnungen der Nachrichtendienste vorbereitet.

Weg des Todes-Lkw

Am Dienstagmorgen kurz nach 8 Uhr übernehmen die Terrorismus-Abteilung des Generalbundesanwaltes und das Bundeskrininalamt die Ermittlungen – wegen „der besonderen Bedeutung des Falls“. Anhand der GPS-Daten vollziehen die Beamten den Weg des Todes-Lkw nach. Er kam aus Italien, hatte Stahl geladen. Der polnische Fahrer parkt ihn am Sonntagabend vor einer Niederlassung des Thyssen-Krupp-Konzerns am Friedrich-Krause-Ufer in Moabit.

Die Beamten rekonstruieren, dass der Sattelschlepper am Dienstagnachmittag offenbar gekapert wird. Mit dem schweren Gefährt kennt sich der Attenttäter allerdings nicht aus. Mehrere Male, auch das zeigen die GPS-Daten, versucht er, zunächst erfolglos, den Wagen zu starten. Dann setzt er zu der Todesfahrt an. Den polnischen Fahrer, einen 120-Kilo-Mann, bringt er vorher um. Als die Beamten ihn am Tatort in der Fahrerkabine finden, hat er Stichverletzungen – und eine Schusswunde im Kopf. Er ist einer der insgesamt zwölf Toten.

Verdacht fällt auf Flüchtling

Auch bei der Vernehmung des an der Siegessäule Festgenommenen scheint zunächst alles zu passen. Der 23-jährige Pakistani ist ein Flüchtling – so wie der Axt-Attentäter von Würzburg oder der Sprengstoff-Attentäter von Ansbach, so wie der in Chemnitz festgenommene Terrorverdächtige Dschaber al-Bakr oder der in Schöneberg gefasste Ashraf al-T. Die Vermutung, dass auch die Tat am Breitscheidplatz von einem vom IS gesteuerten Flüchtling begangenen worden sein könnte, liegt nahe.

Die Polizisten suchen Beweise. Noch in der Nacht zum Dienstag durchsuchen sie die Unterkunft des Flüchtlings in den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Sie befragen andere Bewohner und konfiszieren ein Handy – doch Belastendes finden sie nicht. Der Pakistani selbst bestreitet die Vorwürfe, gibt an, mit der Todesfahrt nichts zu tun zu haben – und gegen Mittag verdichten sich die Anzeichen, dass die Beamten tatsächlich den Falschen haben.

Keine Schmauchspuren an den Händen

Der Festgenommene hat keine Schmauchspuren an den Händen, kein Blut, obwohl er sich beim Aufprall am Weihnachtsmarkt verletzt haben müsste. Die Spurensicherung findet im Lkw auch keine Textilspuren – und die Beschreibung des Zeugen, der den Attentäter beim Aussteigen gesehen haben will, passt nicht. Generalbundesanwalt Peter Frank formuliert es zunächst noch vorsichtig. „Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass er nicht der Täter ist“, sagt er. Am frühen Abend teilt Frank dann mit, dass der Mann auf freien Fuß gesetzt wurde. Kein Tatverdacht – kein Haftbefehl.

Was das bedeutet, wissen die Ermittler: Der Mann, der die Hauptstadt in Angst und Schrecken versetzt hat, ist wohl noch in der Stadt unterwegs. Er könnte sogar bewaffnet sein. Denn die Waffe, mit der der polnische Fahrer erschossen wurde, ist noch nicht gefunden. Eine Mitteilung, in der die Bevölkerung gewarnt wird, geben die Behörden dennoch nicht heraus. Nur k eine Panik verbreiten. Auf einer Pressekonferenz sagt BKA-Präsident Münch erst auf Nachfrage, die Behörden seien „hochalarmiert“. Auf den Straßen Berlins sind nach Morgenpost-Informationen sämtliche Einsatzhundertschaften der Berliner Polizei im Einsatz.

Vom Attentäter fehlt jede Spur

Von dem Attentäter fehlt unterdessen jede Spur. Die Ermittler setzen nun auf weitere Zeugenbefragungen und die Auswertung von Überwachungsvideos. Einen Durchbruch könnten auch die DNA-Spuren in der Führerkabine des Lkw bringen. Hinweise auf einen islamistische Motivation finden sich am Abend im Internet. Die IS-Propagandaagentur Amak veröffentlicht eine Nachricht, in der die Terrormiliz behauptet, der Anschlag sei von „einem Soldaten des IS“ verübt worden. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) spricht von „Fahndungsansätzen“.

Rechtsextreme nutzen den mutmaßlich islamistischen Anschlag unterdessen für „Gegenaktionen“. Bereits am Montagabend, zwei Stunden nach der Todesfahrt, beleidigen drei Unbekannte einen 16-jährigen Syrer und seinen Vater mit rassistischen Parolen und schlagen zu. Eine Stunde später rufen drei Männer und eine Frau ausländerfeindliche Parolen vor einer Flüchtlingsunterkunft in Treptow-Köpenick.