Murdoch-Affäre

Premierminister Cameron sieht keine Schuld bei sich

Nach Rupert Murdoch musste sich Premierminister Cameron im Parlament in der Abhöraffäre bei "News of the World" rechtfertigen.

London. Die Murdoch-Affäre um abgehörte Telefone, bestochene Polizisten und vor allem um gebeugte Wahrheiten hat Großbritannien in eine tiefe gesellschaftliche Krise gestürzt und den Regierungschef gleich mit. Das Wort "Bananenrepublik" machte in den Gazetten die Runde, als Premierminister David Cameron gerade von seiner eigens verkürzten Afrikareise zurückeilte, um im Parlament Rede und Antwort zu seinen Verstrickungen stehen zu können. Köpfe rollten an der Spitze von Murdochs Medienkonzern und in der Führungsetage der Polizei. Jetzt wollen die Menschen wissen: Wann muss auch der erste Politiker gehen?

Cameron, dem von den Hinterbänken der Opposition schon Rücktrittsforderungen entgegenschallen, wird es wohl nicht sein. "Es ist meine Aufgabe, dieses Durcheinander in Ordnung zu bringen", sagte er gestern in der zweieinhalbstündigen Sondersitzung. Mit seinem robusten Auftritt in der hitzigen Parlamentsdebatte zog er zunächst einmal den Kopf aus der Schlinge.

Ganz der Murdoch-Strategie verhaftet, wollte auch Cameron sich keinerlei persönliche Verfehlungen ans Revers heften. "Was passiert ist, ist schlimm, aber ich kann nichts dafür", lautete auch seine Quintessenz. Die sich nun anschließende parlamentarische Sommerpause könnte ihm mehr Luft verschaffen und der Medienlandschaft einige Veränderungen bringen. Bisher regierte in Großbritanniens Szene vor allem Murdoch, mit 37 Prozent Marktanteil allein bei den Tageszeitungen.

Während der 80 Jahre alte Medienzar die Insel gestern wieder in Richtung USA verließ, wollten die Versuche der Opposition, die auffällige Nähe von Regierungschef Cameron zum Murdoch-Imperium anzuprangern, nicht so richtig fruchten. "Einige hier suchen ständig nach dem Geheimnis hinter dem Vorhang - aber es gibt keines", hielt Cameron seinen Kritikern entgegen. Oppositionsführer Ed Miliband versuchte ihm ins Gewissen zu reden: "Was sollen die Menschen im Land denken, wenn die Mächtigen ohne jede Verantwortung handeln?", fragte Miliband.

David Cameron hatte sich in den nur 15 Monaten seiner bisherigen Amtszeit mindestens 27-mal mit Top-Leuten aus dem Murdoch-Imperium getroffen - sogar an seinem Geburtstag und zu Weihnachten. Zudem hatte er mit Andy Coulson den ehemaligen Chefredakteur der Skandalzeitung "News of the World" in sein engstes Umfeld geholt - obwohl dieser bereits als erster Journalist des Blattes zurücktreten musste. "Wenn ich gewusst hätte, was wir heute wissen, hätte ich ihn nicht angestellt", sagte der 54-jährige Cameron. Er werde sich entschuldigen, wenn Coulsons Schuld erwiesen sei.

Dass Cameron am Mittwoch einfiel, dass neben dem Murdoch-Blatt "News of the World" auch andere Medien in Großbritannien verstrickt sein könnten, ist kein Zufall. Je mehr Medienhäuser beteiligt sind, desto weniger kann ihm aus seiner Nähe zu Murdoch ein Strick gedreht werden. Die Zahlen über aufgelistete, aber nicht näher genannte Verstöße etwa der "Daily Mail" oder des "Mirror" stammen aus einem Bericht, der schon vor mehreren Jahren vorgelegt wurde, wie die Medienanalystin Claire Enders sagt. Schon vor Monaten hatte Londons Bürgermeister Boris Johnson gesagt, wer glaube, der Abhörskandal sei auf eine Zeitung beschränkt, habe keine Ahnung.

Seine Verteidigungsstrategie könnte dem wegen Dauer-Koalitionskrachs und Wirtschaftskrise Kummer gewohnten Cameron reichen, um sich im Amt zu halten. Miliband, der in der Krise deutlich Oberwasser gewann, scheint erst einmal auch gar kein Interesse an einer Ablösung Camerons zu haben. Er treibt seinen Lieblingsgegner genüsslich vor sich her.