Minarett-Verbot

Angst vor dem Islam: Eine Frage der Aufklärung

Das Schweizer Minarett-Verbot widerspricht dem Geist der Freiheit. Aber es spiegelt die diffuse Angst der Europäer vor dem Islam.

Haben die Eidgenossen ihren politischen Verstand verloren und obendrein ihre Menschlichkeit fahren lassen? Jedenfalls haben sich fast 60 Prozent der Schweizer mit ihrem Votum für ein Verbot von Minaretten soeben als Großinquisitoren der religiösen Intoleranz geoutet. Das Ergebnis des Votums, für das die Befürworter mit einem Plakat geworben hatten, auf dem die Minarette Raketen glichen, widerspricht dem Geist der Freiheit und Aufklärung jeder demokratischen Verfassung. In einem Land, das Glaubensfreiheit garantiert, ist das Verbot für eine Religionsgemeinschaft, ihre Gotteshäuser nach eigener Fasson errichten zu dürfen, eine klare Beschränkung eines Grundrechts.

Dennoch würde eine vergleichbare Fragestellung im übrigen Europa und in Deutschland vermutlich ähnliche Ergebnisse zeitigen. Dabei sind die Menschen in Europa gewiss keine islamophoben Teufel. Ihr Verhalten wird vielmehr vorwiegend durch einen Mix aus Angst und Konfusion bestimmt.

Für die Masse der Bürger und für viele Politiker war der 11. September 2001 ein Fanal. Bis dahin hatte man gelegentlich Nachrichten über eine Radikalisierung des Islam vernommen. Manche hatten auch Samuel Huntingtons Buch über den „Kampf der Kulturen“ gelesen, der von einem unvermeidlichen Zusammenstoß des Islam mit den aufgeklärten christlichen Nationen ausgeht. Die Terrorangriffe aber zeigten, dass dies keine blasse Theorie war. Teile des Islam trugen ihren unbarmherzigen Kampf in die westliche Hemisphäre. Die Attentate in London und Madrid sowie versuchte Anschläge in Deutschland bewiesen, dass auch Europa bedroht wird. Dabei wurde auch deutlich, dass die Terroristen sich in Deutschland in einem sich radikalisierenden islamistischen Umfeld bewegten. Doch der Terror ist nur ein Randphänomen.

2004 wurde der niederländische Regisseur Theo van Gogh von einem militanten Moslem ermordet, der seinen Glauben in dessen Film geschmäht wähnte. Im Jahr darauf führte die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung zu weltweiten, teils militanten Protesten sowie Boykottdrohungen.

Papst Benedikt XVI. versuchte, den offenen Streit der Religionen in einen intellektuellen Disput zu überführen und ihm so die Schärfe zu nehmen. In seiner Regensburger Rede vom September 2006 probte er den Diskurs mit dem Islam. Dabei zitierte er das Argument des byzantinischen Kaisers Manuel II. aus dem 14. Jahrhundert, der die überlegene Toleranz des Christentums hervorhob: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“ Die Reaktion in der gesamten islamischen Welt war vielfach verheerend. Christen wurden angegriffen, der Papst zur Rücknahme eines Zitats, das gar nicht von ihm stammte, sowie zu einer Entschuldigung genötigt. Selbst mohammedanische Verbände in Deutschland forderten einen Widerruf des Oberhaupts der Katholiken.

Mit diesem Verhalten bewiesen die Moslems indirekt die Richtigkeit der päpstlichen Argumentation. Statt Toleranz zu demonstrieren, bestanden sie auf einer Entschuldigung der Kirche. So lässt sich ein friedlicher Dialog der Religionen und Kulturen nicht führen. Die offenen Konflikte inmitten ihrer Gesellschaft und die weltweite Gewaltbereitschaft islamistischer Gruppen weckten Ängste in breiten Kreisen der europäischen, der Schweizer und auch der deutschen Gesellschaft. Die deutschen Bürger wurden für Veränderungen in ihrer Umgebung sensibel. So bezeichneten sich vor zwei Jahrzehnten weniger als ein Drittel der Moslems in Deutschland als religiös. Heute sind es mehr als 70 Prozent. Dies wird in überwiegend von Moslems bewohnten Vierteln Berlins, Hamburgs, Kölns anschaulich. Immer mehr Frauen tragen Kopftücher. In der Schule weigern sich moslemische Mädchen, am Turnunterricht teilzunehmen, und tragen so zu ihrer Isolation bei.

Die Selbst-Ausgrenzung vieler Moslems ist die entscheidende Zukunftsfrage des Islam in Europa, aber auch des friedlichen Miteinanders. Keine andere Zuwanderungsgruppe weist so viele Schulabbrecher und jugendliche Arbeitslose auf wie die Immigranten aus der Türkei und anderen moslemischen Ländern. Die zweite Zuwanderergeneration bemühte sich um deutsche Sprachkenntnisse. Durch türkische Fernsehsender via Satellitenschüssel und eine verstärkte religiöse Erziehung in Türkisch und Arabisch nehmen heute bei Migrantenkindern der dritten Generation die deutschen Sprachkenntnisse insgesamt ab. Die Bemühungen der deutschen Behörden, durch Sprachtests für eine bessere Integration zu sorgen, riefen den Protest türkischer Verbände hervor. Das Gegenteil wäre richtig. Nur wer die Sprache des Gastlandes beherrscht, hat Aussicht auf eine gelungene Integration, die auf Dauer zu einer Assimilation führt. Dies aber ist der türkischen Regierung offenbar ein Dorn im Auge. So polemisierte Ministerpräsident Erdogan im vergangenen Jahr vor 16 000 Landsleuten in der Köln-Arena: „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Mit dieser Haltung werden Türken und andere Moslems in die gesellschaftliche Isolation getrieben – was wiederum die Ängste der europäischen Gastvölker beflügelt. Diese Fehlentwicklung nutzen chauvinistische Gruppen wie die Schweizer Anti-Minarett-Initiative für ihre Zwecke – in Köln gab es ein ähnliches Unterfangen. Die Schweiz hat kein Monopol auf Fremdenfeindlichkeit und Angst. Beides lässt sich nur abbauen, wenn auch die Zuwanderer bereit sind, sich bei Beibehaltung ihrer Sitten und ihrer Religion gesellschaftlich in ihre Gastländer einzuordnen. Tun sie das nicht, dann werden sich die religiösen und sozialen Spannungen in Europa weiter verschärfen.

■ Rafael Seligmann (62) wurde in Tel Aviv geboren und lebt als Schriftsteller und Publizist in Berlin.