Plagiats-Affäre

Uni Bayreuth befindet Guttenberg für schuldig

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Kommission der Universität Bayreuth kommt zu vernichtendem Urteil. „Freiherr zu Guttenberg hat wissenschaftliche Standards grob verletzt." Eine Rückkehr auf die politische Bühne scheint ausgeschlossen.

Hamburg/Bayreuth. Die Plagiats-Affäre um den entzogenen Doktortitel von Karl-Theodor zu Guttenberg trägt nun einen amtlichen Stempel. Der zurückgetretene Verteidigungsminister hat absichtlich getäuscht – das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Universität Bayreuth. Die Hochschule hatte ihm den akademischen Grad eines Doktors der Jurisprudenz entzogen, nachdem Vorwürfe aufgetaucht waren, Guttenberg habe bei seiner Doktorarbeit abgekupfert, ohne die Zitate wissenschaftlich korrekt zu belegen. Guttenberg hatte die höchste Note „summa cum laude“ erhalten. Die zuständige Kommission „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“ der Uni Bayreuth schrieb in ihrem Abschlussbericht: „Nach eingehender Würdigung der gegen seine Dissertationsschrift erhobenen Vorwürfe stellt die Kommission fest, dass Herr Freiherr zu Guttenberg die Standards guter wissenschaftlicher Praxis evident grob verletzt und hierbei vorsätzlich getäuscht hat.“

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Das Boulevardtheater dauert fort. Kaum war Guttenberg weg, begannen die Talkshows über seinen Rücktritt vom Rücktritt zu plaudern. Wiedereinsetzungsdemonstrationen meldeten sich an. Mit flinker Zunge meinten manche, der Herr habe doch nun wirklich mit seinem Rücktritt "genug gebüßt". Es ist wie im Tollhaus.

Am Tag seines Rücktritts wurde gemeldet, Guttenberg spende sein Übergangsgeld von rund 30 000 Euro an die Familien der getöteten Soldaten. Warum nur wollen noch immer so viele von einem, der sich solch eine unappetitliche Geste ausdenkt, nicht lassen? Blutgeld für Gefallene vom Ex-Befehlshaber? Zum Glück wächst Tag für Tag die Erkenntnis über Guttenbergs wahre Substanz. Der Kaiser war noch niemals richtig bekleidet. Seine Politik war nie besser als seine Doktorarbeit.

Immer war es der gepresste Ton, der scharfe Blick, das schneidige Wort, mit dem Guttenberg die Zuhörer in seinen Bann zog. Solche Sprache kannten wir nicht von Merkel und Steinmeier. Wir kannten die "Schmeißfliegen" von Strauß, das "Basta" von Schröder. Nun aber kam alles "von Herzen" und mit großer Pose. Wir hatten unseren Märchenkönig.

Guttenbergs Abschiedsrede zeigt das Muster seines Denkens und seiner Sprache. "Ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht." Der Satz stand auf allen Titelseiten. Guttenberg hatte, was er wollte. Wie in einem finalen Zapfenstreich reicht es ihm nicht, diesen Satz einfach nur zu sagen, sondern er leitet ihn trommelwirbelnd ein: "Abschließend ein Satz, der für einen Politiker ungewöhnlich klingen mag ..." Auch das war die Unwahrheit. Kein Politiker trat unter Druck ohne diesen Satz zurück.

Doch Guttenberg will auch diese Banalität auf den Olymp des Besonderen, Ausgewählten erheben. Genau hier finden wir das Epizentrum der Selbstinszenierung von Guttenberg. Er trichtert uns vom ersten Tag an ein, dass er kein normaler Politiker sei, er sei etwas anderes, der Anti-Politiker als Politiker-Star. So macht es jeder Populist. Nichts Neues, nirgends.

Wieder tat er, was immer Ziel all seiner Taten war: zu glänzen. Für seinen Rücktritt liege "der Grund ... im Besonderen in der Frage, ob ich den höchsten Ansprüchen, die ich selbst an meine Verantwortung anlege, noch nachkommen kann". Der Satz ist so aus den Schienen gelaufen wie die ganze Karriere. Wer auch an einem solchen Tag nicht demütig und kleinlaut sein mag, der muss wieder einmal das "Höchste" herbeizitieren. Wo aber war diese "Höchstverantwortung", als er Staatssekretär, Generalinspekteur und Segelbootskapitän schasste? Wo war die Klarstellung seines Ministeriums, das tagelang schwieg, als die Fehlinformation die Runde machte, die tödlich verunglückte Offiziersanwärterin hätte angeblich 20 Kilogramm Übergewicht gehabt?

Natürlich muss auch die Begründung für den eigenen Rücktritt gewaltig ausfallen. Nein, nicht die geklaute Doktorarbeit, die Täuschung der Öffentlichkeit, das eigene Versagen waren es. Sondern: Er habe eine "dramatische Verschiebung der Aufmerksamkeit zulasten der mir Anvertrauten", jener "großartigen Truppen im Einsatz", die ihm "ans Herz gewachsen" seien, erlebt und das beenden wollen. Man reibt sich die Ohren. Ausgerechnet Guttenberg, der noch seine Frau und Kerner vor die Soldaten stellte und Bayreuth in Afghanistan nachprobte, will uns glauben machen, dass er mit seinem Rücktritt den Blick für den Schmutz, den Schmerz und die Toten in unserem Kriegsgebiet freimachen wolle. Dafür hätte er in den Monaten zuvor jede Menge Gelegenheit gehabt.

Guttenberg war Zeit seiner Kometen-Karriere ein Populist. Sein Muster war so einfach wie wirkungsmächtig: Seine Rede klang immer geschwollener als die der anderen, man sollte glauben, dass solche Rede Zeugnis des Besseren sei. Immer griff er zu Superlativen, die dem Einfachbürger signalisierten, hier werde er Zeuge des Olympischen. Fast hätte er uns alle geblendet. Doch der Kaiser ist nackt.

Die gefälschte Doktorarbeit hat den Schwindel der besonderen Fähigkeit des Politstars auffliegen lassen. Wahrscheinlich steckte in der von Merkel verkündeten Persönlichkeitsspaltung der richtige Hinweis: Ein Fälscher in der Wissenschaft kann kein Aufrechter in der Politik sein. Wer keine Dissertation schreiben kann, kann auch keine Bundeswehrreform verfassen.

Was bleibt? Hoffentlich keine Rückkehr. Guttenberg hat recht: Es wird Zeit, dass wir uns nicht länger mit ihm beschäftigen. Zurück zu den wirklich wichtigen Themen. Und zu Politikern, die es können.

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