Familien-Podcast

Hamburger Wissenschaftler erklärt: Warum lügen Kinder?

Lesedauer: 6 Minuten
Insa Gall
Professor Dr. Ulf Liszkowski erforscht, wie Kinder Sprache erwerben – und wie sie lügen lernen.

Professor Dr. Ulf Liszkowski erforscht, wie Kinder Sprache erwerben – und wie sie lügen lernen.

Foto: Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Echt wahr: Je älter die Kleinen, desto öfter schwindeln sie. Mit vier Jahren flunkern 90 Prozent . Was sie dazu antreibt.

Hamburg. Kindermund tut Wahrheit kund – dieser Satz trifft leider nicht immer zu. Kinder lügen gelegentlich, und je älter sie werden, desto ausgefeilter können ihre Lügen werden. Warum das zu ihrer normalen Entwicklung gehört und welche kognitiven Fähigkeiten dafür erforderlich sind, erklärt Prof. Dr. Ulf Liszkowski im Abendblatt-Podcast „Morgens Zirkus, abends Theater“.

Der Wissenschaftler leitet den Arbeitsbereich Entwicklungspsychologie an der Universität Hamburg und erforscht insbesondere das Entstehen des Denkens und des Spracherwerbs von kleinen Kindern im sozialen Miteinander.

Kinder lernen lügen – und sie werden immer besser darin

Kinder können nicht von Anfang an lügen, sie erlernen dies erst – und dafür sind spezielle Fähigkeiten erforderlich. „Wir stellen fest, dass Kinder – bevor sie überhaupt die Sprache erwerben – in den ersten zwei Lebensjahren schon gut durch Gesten kommunizieren können. Sie weisen beispielsweise auf Dinge hin, die sie interessant finden oder haben möchten“, sagt Liszkowski. „Aber sie lügen nicht.“ Denn um überhaupt lügen zu können, müssen sie eine gewisse Erfahrung in der Interaktion mit anderen haben.

Sie lernen, dass andere unter Umständen anders ticken als sie selbst und beginnen, sich in sie hineinfühlen zu können. So kommen sie darauf, dass sie dem Gegenüber etwas glauben machen können, was tatsächlich gar nicht stimmt. „Erst dann wären wir bei der
Lüge“, sagt der Forscher. Um andere manipulieren zu können, muss man sich in sie und ihre Gedankenwelt hineinversetzen können.

Und dabei werden Kinder nach und nach besser. „Die frühesten Formen kann man schon bei Kindern von zwei oder drei Jahren feststellen, wenn sie versuchen, etwas zu verheimlichen“,
erläutert Liszkowski und meint damit Familienklassiker wie diesen: Man fragt sein Kind: „Hast du die Schokolade gegessen?“ und es sagt: „Nein“. Doch sein Mund ist schokoladenverschmiert. Das ist der Versuch, eine Situation ungeschehen zu machen. Ab etwa drei Jahren lobt das Kind vielleicht ein Geschenk, das ihm in Wahrheit gar nicht gefällt – aus Höflichkeit.

Je älter Kinder sind, desto häufiger lügen sie

Mit drei oder vier Jahren können Kinder andere etwas Falsches glauben machen, im Alter von fünf bis acht Jahren können sie konsistente, komplexere Lügengebäude entwerfen. Denn wenn man erst einmal mit der Unwahrheit anfängt, zieht dies bekanntlich oft weitere Lügen nach sich.

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Je älter Kinder sind, desto häufiger lügen sie. Eine Studie der Universität von Toronto (Kanada) kam zu folgendem Ergebnis: Mit zwei Jahren lügen 20 Prozent der Kinder, mit drei Jahren 50 Prozent und mit vier Jahren 90 Prozent. Weshalb nimmt das zu? „Am Anfang ist die Kommunikation wahr, das ist das Einzige, was Einjährige können. Zwischen zwei und vier Jahren sammeln die Kinder Erfahrungen in der Interaktion mit anderen, daraus entwickeln sie ein Verständnis, dass andere auf Basis von Vorstellungen handeln, die nicht unbedingt der Realität entsprechen müssen.

Daraus erwächst die Einsicht: Sie können etwas vorspielen und die Wahrnehmung des Gegenübers beeinflussen“, so Liszkowski. Indirekt kann frühes Lügen ein Anzeichen für eine besonders gute kognitive Entwicklung sein. Gelegentlich leben Kinder in einer Fantasiewelt, erfinden sogar vielleicht imaginäre Freunde. Spannend, findet das der Forscher: „Es scheint so, dass Kinder mit imaginären Freunden in diesem Alter einen gewissen Vorteil im Spracherwerb haben.“

Warum lügen Kinder überhaupt?

Und warum lügen Kinder überhaupt? Da könnte man natürlich auch fragen, warum Erwachsene die Unwahrheit sagen. „Es gibt die Lüge, um Anerkennung zu bekommen, um gut dazustehen“, sagt Liszkowski. Kinder behaupten vielleicht, sie hätten ein Pony, um sich interessant zu machen oder sie versuchen, andere Kinder zu übertrumpfen: Wenn eines erzählt, es habe ein besonders schnelles Auto gesehen, dann behauptet das andere vielleicht: „Ich habe das schnellste Auto der Welt gesehen.“

Dann gibt es die Lüge, um einer Strafe zu entgehen („Hast du die Vase kaputtgemacht? „Nein.“), weil man Fantasie und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten kann, aus Höflichkeit, um den anderen nicht zu enttäuschen oder für den eigenen Vorteil („Hast du schon einen Bonbon gehabt? „Nein.“). Das sind die klassischen Lügen, mit denen es anfängt. „Im weiteren Verlauf gibt es dann prosoziale Lügen, wo man also für jemand anderen lügt und für ihn einsteht. Letzteres beginnt etwa im Alter von fünf Jahren“, so Liszkowski.

Auch bei größeren Lügen – besser keine Verhörmethoden

Nachvollziehbar ist es aus seiner Sicht, wenn Kinder (oder Erwachsene) lügen, um das eigene Ansehen zu verbessern, also zur Selbstdarstellung. Denn: „Der Mensch ist ein kooperatives Wesen, das mit anderen zusammenarbeiten muss, um voranzukommen.“ Gruppen geben sich Regeln, so entstehen Kulturen. „Da ist es wichtig, einschätzen zu können, wie das Gegenüber drauf ist, ob man mit dem zusammenarbeiten kann. Entsprechend ist es also ein probates Mittel, bestimmte Dinge zu beschönigen, das eigene Ansehen also zu optimieren.“

Wie sollten Eltern damit umgehen? „Wenn ein Kind sechs oder sieben Jahre alt wird, sollte es den Bezug zur Realität und Verantwortungsgefühl für andere entwickelt haben“, sagt Liszkowski. Bei kleinen Kindern handle es sich meist um Bagatellen, die man auch entsprechend einordnen sollte. Und sich klarmachen, dass die Kinder damit einen Schritt in ihrer kognitiven Entwicklung vollzogen haben. „Es gehört zu ihrer Entwicklung, lügen zu lernen“, so der Forscher.

Geht es bei älteren Kindern um größere Lügen, sollte man nicht auf Polizeiverhörmethoden setzen. Sondern in einer ruhigen Minute mit den Kindern sprechen und ihnen erklären, warum es richtig ist, die Wahrheit zu sagen. „Wichtig ist es, dabei auch gut zuzuhören, damit man versteht, warum die Kinder oder Jugendlichen gelogen haben.“